Wer getrennt von seinem Partner lebt, profitiert von einem lebenslangen Lernprozess. Ich zum Beispiel lernte, mich an das Kommen und Gehen der Freundinnen meines Ex-Mannes anzupassen. Denn es gibt nicht nur eine Freundin, sondern mehrere Ex-Freundinnen und die jeweils aktuelle.

Aber der Reihe nach: 38 Jahre, kinderlos, Französin, Journalistin. Mit der Wucht eines schlimmsten anzunehmenden Ernstfalles trat die erste neuen Freundin meines Ex-Mannes in mein Leben: "Du bist die Mutter, aber ich bin auch die Mutter, vielleicht sogar eine bessere als du", sagte Jaqueline, zwei Wochen nachdem unsere Familienidylle zerbrochen, sie bereits in die alte Wohnung eingezogen war und alles, was an meine Existenz erinnerte, entsorgt hatte.

Ich war perplex. Meine ohnehin verstörten Kinder sollten nun auch noch eine zweite Mutter haben? Überzeugend listete sie auf, welche Erziehungsmängel es an den Kindern zu beseitigen gab: schlechte Essmanieren, kein adäquates Aufräumverhalten, mangelnde Kenntnis katholischer Grundwerte. Dass sie die bessere Mutter sei, wollte sie auch dadurch unter Beweis stellen, dass sie zehn Monate später selbst ein Kind bekam. Bessere Frau, bessere Geliebte, bessere Köchin: Das verstand sich sowieso von selbst.

Ich war ja selbst schuld

Wie bei jedem ersten Mal glaubte ich, das müsse so sein und jede andere neue Freundin meines Ex-Mannes hätte ähnlich gehandelt. Außerdem war ich selbst schuld, ich hätte es schließlich nie zu einer Trennung kommen lassen dürfen, meinte meine Mutter, und ich solle nun lernen, mich ins Unausweichliche zu fügen.

Als die erste Verliebtheit zwischen mir und meinem neuen Freund verflogen war, warf er mir dasselbe vor wie Jaqueline: Meine Kinder hätten schlechte Essmanieren, legten kein adäquates Aufräumverhalten an den Tag und ließen es an Grundwerten fehlen, wobei er mehr ans Leistungsprinzip dachte, als an einen katholischen Gott. Vielleicht hatte Jaqueline recht?

Sicherheitshalber legte ich ihr gegenüber eine gewisse Gelehrigkeit an den Tag. Das sei nun die Realität, sagte ich mir, und zwar bis ans Ende meiner Tage. Aber das Leben folgt einem anderen Skript: Nach nur einem Jahr zog Jaqueline in einer Nacht- und Nebelaktion aus. Sie nahm die Spülmaschine mit, die Waschmaschine, die CDs, alle Handtücher, alle Bücher und das Kind. Mein Ex-Mann sei schuld, deshalb dürfe er auch seinen kleinen Sohn nicht mehr sehen.

Während ich mich noch fragte, welche Schuld ich an ihrer Trennung trug, was ich falsch gemacht hatte und wie ich Jaqueline über das schreckliche Ereignis hinweghelfen könnte, verliebte sich mein Ex-Mann unsterblich in seine Yoga-Lehrerin. Sie sei so entspannt, schwärmte er, und nicht so ehrgeizig und verklemmt wie Jaqueline. An meinem Gedankenhorizont tauchte das Bild einer hyperbeweglichen Schlangenfrau auf, die mit grausamer Wucht den Pflock ihrer buddhistischen Entspannungsideologie in meines und das Leben meiner Kinder trieb. Ich bekam Albträume.

Aber sie war nett. Sie hatte zwei Kinder, von denen meine Kinder feststellten, dass sie schlechte Essmanieren hätten und mangelhaftes Aufräumverhalten. Da wusste ich, dass vielleicht doch alles gut werden könnte.