Der Weihnachtsabend ist die Patchwork-Bewährungsprobe schlechthin. An diesem Abend zeigt sich, ob man vom dauerverzofften Patchwork-Neandertaler zum evolutionär höher stehenden Patchwork sapiens aufgestiegen ist, der sich dadurch auszeichnet, dass er die typischen Konflikte für die Dauer einiger Stunden beilegen kann.

Solche Fälle von Fraternisierung an Weihnachten soll es ja auch schon auf anderen Schlachtfeldern gegeben haben, zum Beispiel im Ersten Weltkrieg, als französische, englische und deutsche Soldaten untereinander Essen, Wein und Geschenke tauschten oder gemeinsam Weihnachtslieder sangen. So etwas Ähnliches schaffen wir auch. Weihnachten feiern wir immer alle zusammen. Dabei spielt sich im Vorfeld Jahr für Jahr dasselbe Drama ab:

1. Akt: Es ist Mitte November. Lebkuchenberge verhindern das Durchkommen im Supermarkt. Spätestens jetzt meldet sich die Panik. Schon wieder feiern mit dem Ex-Mann? Mit dessen neuer Freundin? Mit deren Familie? Seit acht Jahren derselbe Wahnsinn! Schön gerecht abwechselnd bei ihm oder bei mir! Und dieses Jahr auch noch bei ihm, was viel schlimmer ist als Weihnachten bei uns, denn das bedeutet Lieder singen, völlig ungeschützt unterm gegnerischen Baum.

2. Akt: Die Panik steigt bedenklich und schlägt Ende November um in einen Fluchtimpuls. Ich beschließe, mit kinderlosen Freunden über Weihnachten im Süden Ski zu fahren. Genüsslich bade ich in der Vorstellung, wie ich ganz allein den Berg hinunter wedele, während der Patchworkrest fraternisiert. Mir kommt das wie der Inbegriff von Freiheit vor.

3. Akt: Anfang Dezember wollen mich die kinderlosen Freunde auf einen Termin festlegen. Gemessen an meiner ursprünglichen Begeisterung für das Projekt reagiere ich erstaunlich zögerlich, denn mein Über-Ich peinigt mich mit Fragen wie dieser: Hat eine Mutter über die Weihnachtstage nicht absolutes Urlaubsverbot? Ist die Mutter nicht geradezu das Zentrum, ja der Urgrund dieses Festes?

Ohne Maria hätte es Jesus schließlich nie gegeben! Mein Freund wendet sich gelangweilt ab, als ich ihm meine Theorie erläutere. "Du überschätzt Deinen Anteil", sagt er völlig ungerührt. Da ist sie wieder, die typisch männliche Ignoranz. Dabei war es Josef, dem im Weihnachtsspektakel die Nebenrolle gebührte. "Wie soll ich dir denn dein Kindelein wieg'n, ich kann ja kaum selber die Finger bieg'n", zitiert ihn ein deutsches Weihnachtslied. Ist das etwa keine Bankrotterklärung?

So viel steht fest: Maria hätte Jesus auch ohne Josef bekommen. Und diese Ur-Verantwortung führt wahrscheinlich direkt dazu, dass wieder einmal alles an mir hängen bleibt: vom Adventskalender-Besorgen über den Geschenkekauf bis hin zur Frage, was es zu essen gibt.

4. Akt: Ungefähr 10. Dezember. Ich brauche dringend eine Antwort auf die Frage: Soll Maria (also ich) an Weihnachten Ski fahren, mit anderen Worten das Feld räumen und es kampflos der neuen Freundin meines Ex-Mannes überlassen? Ich weiß es nicht. Also frage ich meine Tochter und in ihren himmelblauen Augen blitzt unverhofft das geheimnisvolle Jungfrau-Maria-Wissen auf, die Essenz alles Weiblichen, und sie sagt: "Bist du verrückt? Du bleibst natürlich hier!"

5. Akt: Es war auch dieses Jahr wieder ein gelungener Weihnachtsabend. Die neue Freundin meines Ex-Mannes und ich haben uns die Rolle der Maria schwesterlich geteilt. Es geht doch nichts über ein Weihnachtsfest, bei dem frau über sich selbst hinauswachsen darf.