"Die Alte soll doch tot sein!"

"Wenn ich im Fernsehen das Wort Oma höre, kommen mir die Tränen." Margrit Thomas blinzelt in die Spätsommersonne. Sie trägt beige Strickjacke, weiße Hose, flache Schuhe, sie hat sorgfältig nachgezogene Augenbrauen und ein junges, offenes Gesicht. Niemand würde ihr glauben, dass sie über 60 ist. An der linken Hand hat sie ein paar schmale Ringe, die eckige Armbanduhr ist silbern: "Eine Stunde haben wir noch." Wir stehen in einer Nebenstraße in Hamburg, fünf Minuten vom S-Bahnhof Wandsbek entfernt. Ab und an rollt ein Auto vorbei. Der Nachmittag ist kaum kühler als der Morgen. "Gehen wir doch rüber zum Karstadt, da können wir in Ruhe sprechen."

Margrit Thomas kennt die Gegend gut. Seit Jahren kommt sie regelmäßig hierher, hier trifft sie sich mit anderen Frauen und manchmal auch mit Männern, hier reden sie offen miteinander. Es geht um Gefühle, es geht um Gesetze, es geht um Geld. Margrit Thomas ist Deutschlands bekannteste verstoßene Großmutter. Sozusagen die Nummer eins unter den schlecht Behandelten. Damit soll jetzt Schluss sein. "Ich will nicht mehr", sagt sie.

Im Karstadt kostet Granini 2,10 Euro, die Orangina 2,30 Euro. "Als ich so weit war, hätte ich mir so was gewünscht, also so eine Gruppe." Thomas hat den Pastor ihrer evangelischen Gemeinde angesprochen, aber der sagte nur: "Bei uns gibt es so was nicht." "Bei uns", das heißt in Schleswig-Holstein, im Hamburger Umland. Also ging Margrit Thomas in die Stadt, sprach mit diesen und jenen. "Ich darf vier Kinder nicht sehen", sagt sie und erzählt von ihrer Suche nach einem Forum. "Hier im Norden sind die Leute verschlossen", sagt sie. Sie wollte nicht mehr allein sein mit ihrer Sehnsucht nach den Enkeln.

Es muss doch möglich sein, dachte sie, mit anderen zu reden, denen es ähnlich geht wie ihr. Das war es. Bei KISS, einem Hamburger Sozialträger, wurde sie fündig. Die freundlichen Profis halfen ihr weiter, sie erklärten, wie man eine Selbsthilfegruppe gründet, was es braucht, sie zu leiten. "Ich hatte keinen Schimmer, wie man so was macht." Eine Anzeige im Hamburger Abendblatt wurde geschaltet, nach acht Wochen war die Gruppe komplett. "Meistens kommen nur Frauen, Männer gehen da anders mit um", erklärt Thomas. Jetzt will sie nicht mehr, bald wird sie ihre Leidensgenossen verlassen. Der Umzugstermin steht schon fest. "Je weiter ich von Hamburg weg bin, desto besser geht es mir. Deshalb verschwinde ich von hier. Das Problem ist: Großeltern haben keine Lobby."

Dieser Text stammt aus der Christ & Welt-Ausgabe 42/14

16 Uhr. Hamburgs Großelternlobby passt in einen kleinen Raum: blau gesprenkelter Teppichboden, eine Stehlampe, an der Wand Mohnblumendrucke und eine Magnettafel, in der Mitte zwei kleine Tische. Sieben Frauen auf Stühlen, an den Armlehnen hängen Handtaschen, Stoffbeutel, ein Schal. "Man kann niemandem helfen. Aber die Gruppe gibt Halt", sagt Margrit Thomas. Das Haar trägt man kurz bis halblang, man duzt einander. Vorstellungsrunde.

"Dass die Presse da ist, konsterniert mich etwas", sagt Adele*; die anderen in der Runde waren zuvor benachrichtigt worden, Adele kommt heute zum ersten Mal. Sie trägt schwarze Lackschuhe, schwarzes Jackett und Hose, lachsrote Bluse: "Ich nenne jetzt mal nicht meinen Namen, ich sage mal Gerda", sagt sie. Sie zögert. Dann erzählt sie, dass sie mit ihren Kindern im Streit liegt, es geht um Erziehungsfragen: "Ich habe meine Enkel seit vier Wochen nicht gesehen." Die anderen lächeln. Vier Wochen.

Martina strahlt, sie kommt mit einer guten Nachricht: "Stellt euch vor", sagt die Frau mit der weißen Jacke und den roten Schuhen und lacht in die Runde, "ich bin wieder Oma geworden! Ich darf ihn wickeln und alles, obwohl er nur 2.600 Gramm wiegt!" Alle gratulieren, die Freude steckt an. Den Sohn ihrer Tochter darf Martina sehen, die Kinder ihres Sohnes nicht. Die hat die Schwiegertochter mitgenommen, als ihr Mann sie aus dem Haus warf. Trennung tut weh, aber die 2.600 Gramm sind doch ein Trost.

Kinder brauchen Oma und Opa, das glauben auch Psychologen. Großeltern unterstützen nicht nur die kognitive und besonders sprachliche Entwicklung der Enkel, sie entlasten auch die Eltern; oft werden sie zu besonderen Vertrauten der Kinder. Als Eltern der Eltern stehen sie für deren Herkunft. Da sie in der Regel nicht erziehen müssen, knüpfen sie ein eigenes Band zu den Kindern. Oft entsteht so eine starke Bindung zwischen den beiden Generationen: herzlich, entspannt, solidarisch. Davon erzählt auch das Märchen Der alte Großvater und der Enkel: Wer seine Großeltern kennt, sieht die Eltern mit anderen Augen – und kann sie entsprechend relativieren. Die Polarität der Generationen bricht auf, die Kinder begreifen: Auch ihre Eltern waren vermutlich mal jung, und einmal werden sie womöglich auch alt sein.

Gerade wenn sich Eltern trennen, wirken Großeltern als Fels in der Brandung. Meist haben sie etwas Abstand, sie stehen vielleicht sogar über den Dingen. Und sie leisten konkrete Hilfe durch materielle Zuwendung, durch Betreuung oder schlicht durch ihre Anwesenheit. Der angebliche Zerfall der Familie betrifft Großeltern kaum, sie behalten ihre Rolle für die Kinder und Enkel bei; Großfamilie stützt Kleinfamilie.

Dennoch verschiebt sich einiges: Der Alterssurvey des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) stellt fest, dass der Anteil von Großeltern, die Enkelkinder betreuen, zwischen 1996 und 2008 von etwa einem Drittel auf ein knappes Viertel sank. Dafür kann es viele Gründe geben: steigende räumliche Distanzen, die zunehmende Berufstätigkeit von Großmüttern oder das wachsende Angebot an professionellen Betreuungsplätzen für den Nachwuchs.

"Weiß die Kleine noch, dass es mich gibt?"

Braun gebrannt, randlose Brille, elegante Schuhe: Jutta wirkt, als könne sie alle Probleme lösen. Der Schein trügt. "Meine Paula durfte ich sowieso nur sehen, wenn ich helfen konnte." Aber damit ist es seit zwei Jahren vorbei, selbst zu ihrer Tochter hat Jutta seither keinen Kontakt mehr. Ein neuer Mann steht dazwischen, ultrareligiös. Ist er in einer Sekte? "Auch der Opa ist total traurig. Ich habe gesehen, dass Paula bei Facebook ist, und das finde ich ganz schrecklich." Der Mann hat ihr einen Brief geschrieben. "Ich komme in Frieden, steht da", sagt Jutta, aber Paula ist vier. Der Kampf um die Enkel ist ein Kampf gegen den Kalender. "Weiß die Kleine noch, dass es mich gibt?" Die Frage bleibt ohne Antwort.

Bis vor zwei Jahren hat Gudrun ihre Enkelin betreut. Dann brach die Schwiegertochter den Kontakt ab. "Ich habe jetzt geklagt", sagt sie und streicht das graue Haar zurück. Ihre goldenen Ohrringe schimmern. Alle sechs Wochen kann sie ihre Enkelkinder für ein paar Stunden sehen. Neulich ist sie mit ihrem Enkel spazieren gegangen, der ist zwölf. Gudrun streicht über die Blumen auf ihrer Jacke. "Mein Sohn ist Donnerstag vor einer Woche geschieden worden", sagt sie. Demnächst geht es vor Gericht um das Sorgerecht und ums Umgangsrecht. "Und noch was wollte ich sagen: Jugendamt? Gericht? Vergiss es!"

Das denken manche in der Runde. "Ich habe dreimal Recht bekommen in Anführungszeichen", sagt Margrit Thomas. Geholfen habe es nichts. Die Kinder ihrer Tochter hat sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Mit Schaudern erinnert sie sich an Treffen mit dem gerichtlich angeordneten "begleiteten Umgang", an den Ex-Schwiegersohn, der im Beisein seiner Tochter brüllte: "Die Alte soll doch tot sein!" Ähnlich enttäuscht ist Jutta: "Vor Gericht geht das doch so: Die Mutter sagt bloß: ,Ich bin ganz traurig‘, wenn die Großeltern das Kind haben wollen. Und das Kind bleibt bei ihr."

"Aber in Cochem funktioniert das", ruft Margrit Thomas. Nach Cochem blicken hier viele. 1992 wurde die "Cochemer Praxis" ins Leben gerufen, ein Versuch, kindschaftsrechtliche Verfahren pragmatisch und einvernehmlich zu gestalten. In der Regel beteiligen sich fünf Institutionen an entsprechenden Prozessen: Gerichte, Anwälte, Jugendämter, Beratungsstellen, forensische Gutachter. In Cochem wurde ein Modus entwickelt, Konflikte institutionell zu entschärfen. Inzwischen flossen wesentliche Elemente aus dem Modell in die Gesetzgebung ein. Doch in der Praxis treffen verstoßene Großeltern oft auf überlastete Sozialarbeiter, neurotisierte Eltern, überarbeitete Richter, gestresste Anwälte.

Von Streit und Ärger kann auch Sigrid ein Lied singen. Trotzdem wirkt sie ganz fröhlich. "Seit meine Tochter Krebs hat, haben wir wieder Kontakt", erzählt die schlanke Frau mit den braunen Haaren. "Aber ich schlaf da nicht gerne, weil das nicht so prickelnd ist." Sie zieht ihre Füße in den Pumps unter den Stuhl, lehnt sich vor und erzählt weiter: "Ich bin in Kliniken gewesen und habe Therapien gemacht, ich bin psychisch zu krank, um die Kinder zu übernehmen." Ihre Laune scheint das nicht zu trüben. "Ich bin als Miststück betitelt worden, als Mörderin, nachdem mein Mann tot war", sagt sie und lächelt. "Geh doch in die Klapse, habe ich in Briefen zu lesen bekommen." Sie schaut in die Runde, das Lächeln fest auf ihrem Gesicht. "Das sind halt die drei S der Großeltern", sagt sie, "schlucken, schenken, schweigen."

Franzis silberne Armreifen klirren, als sie sich räuspert. Ihre Geschichte braucht etwas Zeit. Sie handelt von einer Scheidung, von Franzis Mann und seinem Schlaganfall, von Gerichtsterminen: "In Notfällen können die Großeltern das Kind abholen, steht im Urteil." Franzi erzählt von Unbekannten, die vor ihrem Haus patrouillierten, von Fremden, die ihren Sohn verfolgten. Bis der seine Kamera zückte und die Leute fotografierte. Franzi fasst sich ans linke Ohr, wo ihr Hörgerät sitzt: "Mein Enkel hat mich gefragt: Oma, kannst du nicht meine Mama sein? Ich weiß gar nicht, was ich da sagen soll." Jutta und Martina seufzen. Lieben und ohnmächtig sein, das kennen sie. Hier wissen alle: Schwiegertöchter können schwierig sein.

Soziologen und Familienforscher bestätigen, dass es immer wieder Spannungen zwischen geschiedenen Müttern und ihren Schwiegereltern gibt. Nur knapp 50 Prozent der Eltern eines getrennten Vaters jedenfalls sind zufrieden mit dem Kontakt, den sie zu ihren Enkeln haben; unter den Eltern getrennter Mütter sind es dagegen fast 90 Prozent. Mit der Strafe Kontaktabbruch müssen hauptsächlich Großeltern väterlicherseits leben. Aber Großeltern brauchen Enkel. Es ist erwiesen, dass die Lebensqualität im Alter eng damit zusammenhängt, wie intensiv und vor allem wie harmonisch sich der Kontakt zur übernächsten Generation gestaltet. So hatten, wie das DZA herausfand, 2008 immerhin 40 Prozent aller Großeltern mindestens einmal pro Woche und ein Drittel der Großeltern mindestens einmal pro Monat Kontakt zu ihren jugendlichen Enkelkindern. Diese Nähe bedeutet ihnen viel, wer Oma oder Opa ist, ist es in der Regel sehr gerne. Drei von vier Großeltern halten es für wichtig oder sehr wichtig, Großmutter oder Großvater zu sein.

So geht es auch Jutta: "Jeden Sonntag habe ich wieder meine Sonntagsdepression", sagt sie: "Mein Mann hat die Diagnose 'dement'. Die Diagnose kam nach dem Kontaktabbruch. Gerade Demente brauchen Kontakt zu Kindern." Doch ob Streit oder nicht: Auf lange Sicht sind Enkel ein knapper werdendes Gut. Weniger Kinder führen zu weniger Kindeskindern. In Zukunft werden sich immer mehr Senioren immer weniger Enkel teilen müssen. Probleme, von denen Margrit Thomas und die Frauen aus ihrer Hamburger Runde nur träumen können. "Man hat ja tausend Freunde, und die erzählen dann von den Enkelkindern und was die alles so erleben, das ist schlimm", sagt Martina in die Runde, die anderen stimmen zu. Großeltern brauchen Enkel.

Nach zwei Stunden ist die Sitzung vorbei. Eine andere Gruppe hat den Raum gebucht. "Im Artikel möchte ich bitte Gerda heißen", sagt Adele noch, dann ist sie verschwunden. Auch die anderen gehen. Draußen stehen noch Jutta und Sigrid und plaudern mit Margrit Thomas. Jutta erzählt von den Fotos ihrer kleinen Paula. "Die stehen da und hängen da in meinem Wohnzimmer. Ich habe solche Sehnsucht, dieses Kind zu sehen." Das kann Sigrid gut verstehen. "Ich ertappe mich bei dem Gedanken: Irgendwann ist es eh vorbei mit mir", sagt sie, "dann habe ich das alles eben nicht gehabt." – "So geht’s mir auch", meint Margrit und lacht kurz, "irgendwann bin ich nicht mehr auf dieser Welt." Dann verabschieden sich Sigrid und Jutta. Umarmung, mach’s gut, bis zum nächsten Mal.

Für Margrit Thomas wird das nächste Mal das letzte Mal sein. Danach zieht sie um. Sie kramt in ihrer Handtasche. "Als das erste Enkelkind kam, habe ich aufgehört zu rauchen. Ich hab der Kleinen das Lesen beigebracht. Wenn sie nicht schlafen konnte, kam sie immer zu mir. Ich war 16 Jahre abstinent", erzählt sie und guckt in die Ferne. Seit sechs Monaten raucht sie nun wieder. "Warum auch nicht? Warum soll ich nicht rauchen?"

*Namen von der Redaktion geändert