Braun gebrannt, randlose Brille, elegante Schuhe: Jutta wirkt, als könne sie alle Probleme lösen. Der Schein trügt. "Meine Paula durfte ich sowieso nur sehen, wenn ich helfen konnte." Aber damit ist es seit zwei Jahren vorbei, selbst zu ihrer Tochter hat Jutta seither keinen Kontakt mehr. Ein neuer Mann steht dazwischen, ultrareligiös. Ist er in einer Sekte? "Auch der Opa ist total traurig. Ich habe gesehen, dass Paula bei Facebook ist, und das finde ich ganz schrecklich." Der Mann hat ihr einen Brief geschrieben. "Ich komme in Frieden, steht da", sagt Jutta, aber Paula ist vier. Der Kampf um die Enkel ist ein Kampf gegen den Kalender. "Weiß die Kleine noch, dass es mich gibt?" Die Frage bleibt ohne Antwort.

Bis vor zwei Jahren hat Gudrun ihre Enkelin betreut. Dann brach die Schwiegertochter den Kontakt ab. "Ich habe jetzt geklagt", sagt sie und streicht das graue Haar zurück. Ihre goldenen Ohrringe schimmern. Alle sechs Wochen kann sie ihre Enkelkinder für ein paar Stunden sehen. Neulich ist sie mit ihrem Enkel spazieren gegangen, der ist zwölf. Gudrun streicht über die Blumen auf ihrer Jacke. "Mein Sohn ist Donnerstag vor einer Woche geschieden worden", sagt sie. Demnächst geht es vor Gericht um das Sorgerecht und ums Umgangsrecht. "Und noch was wollte ich sagen: Jugendamt? Gericht? Vergiss es!"

Das denken manche in der Runde. "Ich habe dreimal Recht bekommen in Anführungszeichen", sagt Margrit Thomas. Geholfen habe es nichts. Die Kinder ihrer Tochter hat sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Mit Schaudern erinnert sie sich an Treffen mit dem gerichtlich angeordneten "begleiteten Umgang", an den Ex-Schwiegersohn, der im Beisein seiner Tochter brüllte: "Die Alte soll doch tot sein!" Ähnlich enttäuscht ist Jutta: "Vor Gericht geht das doch so: Die Mutter sagt bloß: ,Ich bin ganz traurig‘, wenn die Großeltern das Kind haben wollen. Und das Kind bleibt bei ihr."

"Aber in Cochem funktioniert das", ruft Margrit Thomas. Nach Cochem blicken hier viele. 1992 wurde die "Cochemer Praxis" ins Leben gerufen, ein Versuch, kindschaftsrechtliche Verfahren pragmatisch und einvernehmlich zu gestalten. In der Regel beteiligen sich fünf Institutionen an entsprechenden Prozessen: Gerichte, Anwälte, Jugendämter, Beratungsstellen, forensische Gutachter. In Cochem wurde ein Modus entwickelt, Konflikte institutionell zu entschärfen. Inzwischen flossen wesentliche Elemente aus dem Modell in die Gesetzgebung ein. Doch in der Praxis treffen verstoßene Großeltern oft auf überlastete Sozialarbeiter, neurotisierte Eltern, überarbeitete Richter, gestresste Anwälte.

Von Streit und Ärger kann auch Sigrid ein Lied singen. Trotzdem wirkt sie ganz fröhlich. "Seit meine Tochter Krebs hat, haben wir wieder Kontakt", erzählt die schlanke Frau mit den braunen Haaren. "Aber ich schlaf da nicht gerne, weil das nicht so prickelnd ist." Sie zieht ihre Füße in den Pumps unter den Stuhl, lehnt sich vor und erzählt weiter: "Ich bin in Kliniken gewesen und habe Therapien gemacht, ich bin psychisch zu krank, um die Kinder zu übernehmen." Ihre Laune scheint das nicht zu trüben. "Ich bin als Miststück betitelt worden, als Mörderin, nachdem mein Mann tot war", sagt sie und lächelt. "Geh doch in die Klapse, habe ich in Briefen zu lesen bekommen." Sie schaut in die Runde, das Lächeln fest auf ihrem Gesicht. "Das sind halt die drei S der Großeltern", sagt sie, "schlucken, schenken, schweigen."

Franzis silberne Armreifen klirren, als sie sich räuspert. Ihre Geschichte braucht etwas Zeit. Sie handelt von einer Scheidung, von Franzis Mann und seinem Schlaganfall, von Gerichtsterminen: "In Notfällen können die Großeltern das Kind abholen, steht im Urteil." Franzi erzählt von Unbekannten, die vor ihrem Haus patrouillierten, von Fremden, die ihren Sohn verfolgten. Bis der seine Kamera zückte und die Leute fotografierte. Franzi fasst sich ans linke Ohr, wo ihr Hörgerät sitzt: "Mein Enkel hat mich gefragt: Oma, kannst du nicht meine Mama sein? Ich weiß gar nicht, was ich da sagen soll." Jutta und Martina seufzen. Lieben und ohnmächtig sein, das kennen sie. Hier wissen alle: Schwiegertöchter können schwierig sein.

Soziologen und Familienforscher bestätigen, dass es immer wieder Spannungen zwischen geschiedenen Müttern und ihren Schwiegereltern gibt. Nur knapp 50 Prozent der Eltern eines getrennten Vaters jedenfalls sind zufrieden mit dem Kontakt, den sie zu ihren Enkeln haben; unter den Eltern getrennter Mütter sind es dagegen fast 90 Prozent. Mit der Strafe Kontaktabbruch müssen hauptsächlich Großeltern väterlicherseits leben. Aber Großeltern brauchen Enkel. Es ist erwiesen, dass die Lebensqualität im Alter eng damit zusammenhängt, wie intensiv und vor allem wie harmonisch sich der Kontakt zur übernächsten Generation gestaltet. So hatten, wie das DZA herausfand, 2008 immerhin 40 Prozent aller Großeltern mindestens einmal pro Woche und ein Drittel der Großeltern mindestens einmal pro Monat Kontakt zu ihren jugendlichen Enkelkindern. Diese Nähe bedeutet ihnen viel, wer Oma oder Opa ist, ist es in der Regel sehr gerne. Drei von vier Großeltern halten es für wichtig oder sehr wichtig, Großmutter oder Großvater zu sein.

So geht es auch Jutta: "Jeden Sonntag habe ich wieder meine Sonntagsdepression", sagt sie: "Mein Mann hat die Diagnose 'dement'. Die Diagnose kam nach dem Kontaktabbruch. Gerade Demente brauchen Kontakt zu Kindern." Doch ob Streit oder nicht: Auf lange Sicht sind Enkel ein knapper werdendes Gut. Weniger Kinder führen zu weniger Kindeskindern. In Zukunft werden sich immer mehr Senioren immer weniger Enkel teilen müssen. Probleme, von denen Margrit Thomas und die Frauen aus ihrer Hamburger Runde nur träumen können. "Man hat ja tausend Freunde, und die erzählen dann von den Enkelkindern und was die alles so erleben, das ist schlimm", sagt Martina in die Runde, die anderen stimmen zu. Großeltern brauchen Enkel.

Nach zwei Stunden ist die Sitzung vorbei. Eine andere Gruppe hat den Raum gebucht. "Im Artikel möchte ich bitte Gerda heißen", sagt Adele noch, dann ist sie verschwunden. Auch die anderen gehen. Draußen stehen noch Jutta und Sigrid und plaudern mit Margrit Thomas. Jutta erzählt von den Fotos ihrer kleinen Paula. "Die stehen da und hängen da in meinem Wohnzimmer. Ich habe solche Sehnsucht, dieses Kind zu sehen." Das kann Sigrid gut verstehen. "Ich ertappe mich bei dem Gedanken: Irgendwann ist es eh vorbei mit mir", sagt sie, "dann habe ich das alles eben nicht gehabt." – "So geht’s mir auch", meint Margrit und lacht kurz, "irgendwann bin ich nicht mehr auf dieser Welt." Dann verabschieden sich Sigrid und Jutta. Umarmung, mach’s gut, bis zum nächsten Mal.

Für Margrit Thomas wird das nächste Mal das letzte Mal sein. Danach zieht sie um. Sie kramt in ihrer Handtasche. "Als das erste Enkelkind kam, habe ich aufgehört zu rauchen. Ich hab der Kleinen das Lesen beigebracht. Wenn sie nicht schlafen konnte, kam sie immer zu mir. Ich war 16 Jahre abstinent", erzählt sie und guckt in die Ferne. Seit sechs Monaten raucht sie nun wieder. "Warum auch nicht? Warum soll ich nicht rauchen?"

*Namen von der Redaktion geändert