Karola M. muss sich hinsetzen, dringend. Ein Schwindelanfall im siebten Monat, und das ausgerechnet in der vollen U-Bahn. Sie fragt einen älteren Mann, ob er ihr seinen Platz überlassen würde. Doch der schaut nur und sagt: "Wie komme ich denn dazu? Sie haben Ihr Vergnügen gehabt, nun sollen Sie auch die Last tragen." 

Eine nicht besonders bedeutsame Minute aus dem nicht besonders bedeutsamen Jahr 1979. Karola M. ist eine von über hundert Müttern, deren kleine Alltagsepisoden der Rowohlt-Verlag damals in einem Taschenbuch sammelte. Es heißt Mütterfeindlichkeit – von der Schande, Kinder zu haben.  

Das Buch hat sich nicht besonders gut verkauft damals, aber wer heute zufällig darüber stolpert, der kann es als Fernrohr in die Geschichte benutzen. Der kann sehen, wie autoritär und beklemmend die westdeutschen Siebziger sein konnten. Und sich vielleicht fragen: Geht es Müttern heute besser?

Blöde Frage, werden manche sagen. Schließlich zahlt der Staat heute Milliarden, um Familien zu fördern. Kaum ein Politiker, der nicht einen Vorschlag hat, um die Geburtenrate endlich nach oben zu bekommen. Wie es Müttern in Deutschland geht, das sagen alle, ist eine Schicksalsfrage.

Das stimmt. Aber es stimmte auch schon 1979. Und schon damals entschied sich das Lebensgefühl von Müttern nicht nur im Bundestag, sondern auch im Linienbus, im Restaurant, am Schreibtisch, im Krankenhaus. Oder, wie man damals sagte: In der Gesellschaft. Verschwinden wir also ruhig einmal kurz in der Zeit von Horst Tappert und John Wayne.

Deutschland, ganz Provinz

In den Erzählungen von Zeitzeugen wirken die westdeutschen Siebziger manchmal so romantisch antiautoritär. Die 68er kamen und zerstörten im Handumdrehen die Strukturen der Nachkriegszeit. Plötzlich gab es überall Pleni, Psychoanalyse und Politiker, die nicht so aussahen, als würden sie ihren Kindern eine langen, wenn sie bei Tisch nach Keksen fragten. So stellt man sich das vor. Dabei war Deutschland noch lange nicht das, was Alice Schwarzer und Oswald Kolle eines Tages aus ihm machen würden. Deutschland war noch ganz Provinz.

Das Buch "Mütterfeindlichkeit" erschien 1979 in der Reihe rororo-Aktuell. © Rowohlt Verlag

Das Buch Mütterfeindlichkeit ist wie ein Wachsfigurenkabinett des Deutschen Arschlochs. Mal ist es ein Mann, mal eine Frau, mal der Nachbar oder auch nur ein Passant. Völlig distanzlos fragt es die Mütter, warum sie nicht abgetrieben haben. Es verlangt von ihnen, das Kind zu schlagen. 

Heute erkennt man das Deutsche Arschloch daran, dass es überall Denk- und Sprechverbote wittert. Das Buch hingegen zeigt, was seine Vorgänger noch vor wenigen Jahrzehnten auf der Straße sagen durften. "So werden Terroristen gemacht", brüllt eine ältere Frau über die Straße, als das Kind von Gaby in die Pfützen am Fluss springt. "Da läuft ja schon wieder so ein Unfall", sagt jemand, als die schwangere Charlotte R. in der Stadt unterwegs ist.

So ist das in vielen der Berichte: Der Chrom glänzt, der Hund bellt, das Kind stört. "Nun ist es aber genug", ruft Giselas Nachbarin 1979, als sie erfährt, dass die zum zweiten Mal schwanger geworden ist. Mehr als zwei Kinder, berichten die Mütter, gelten damals als asozial, ganz unabhängig vom sozialen Status.