Viele Eltern werden sich freuen, wenn in Berlin demnächst auch die Krippe nichts mehr kostet. Denn das hat die große Koalition aus SPD und CDU dort beschlossen. Schon jetzt können Kinder ab dem dritten Lebensjahr den Kindergarten gebührenfrei besuchen. Berlin ist nicht das erste Bundesland, das auch Krippen umsonst anbietet. In Rheinland-Pfalz sind sie es ab dem zweiten Geburtstag. In Schleswig-Holstein verspricht die SPD ab 2017 gebührenfreie Krippen und Kitas, wenn sie gewählt wird. In anderen Bundesländern ist immerhin das letzte Kindergartenjahr kostenfrei. Ein familienfreundlicher Trend! Aber ist er auch sinnvoll?  

Qualität muss vorgehen

Nicht wirklich, denn das größte Problem in den Krippen sind nicht zu hohe Gebühren, sondern die Qualität der Betreuung. Gerade für kleine Kinder unter drei Jahren gilt: Sie brauchen viel Zuwendung. Drei Kinder pro Erzieher sei der richtige Schlüssel, sagen Psychologen, damit die Kinder eine enge Bindung zu den Erziehern aufbauen können und nicht gestresst werden. In Berlin ist ein solcher Betreuungsschlüssel noch lange nicht verwirklicht. Die Koalition verspricht aber, mit der Gebührenfreiheit auch die Qualität zu verbessern: Ein Erzieher soll nicht mehr im Schnitt 5,9 Krippenkinder betreuen, sondern nach und nach nur noch 4,9 Kinder. 

Warum also nicht die kostenfreie Krippe verschieben und das Geld der Eltern in einen ambitionierteren Betreuungsschlüssel investieren? Berlin müsste auch mehr für die Gehälter von qualifizierten Pädagogen zahlen, damit die Stadt überhaupt genügend geeignetes Personal findet. 

Migrantenkinder profitieren besonders von der Kita

Das stärkste Argument für einen kostenfreien – und am liebsten auch verpflichtenden – Besuch einer Kita war bislang, dass sie Kindern aus benachteiligten Familien zu besseren Chancen in der Schule verhilft. Auch in dem gerade veröffentlichten OECD-Bericht steht es ganz deutlich: Schüler, die mindestens ein Jahr vor der Schule in der Kita waren, haben in der Regel bessere Leistungen als Kinder, die keine Vorschulbildung genossen haben. 

Von der Kita profitiert laut OECD besonders der Nachwuchs von Migranten. Je früher diese Kinder täglich Deutsch hören und sprechen, desto einfacher fällt der Schulbeginn. Das ist logisch, funktioniert aber nicht, wenn die Migrantenkinder unter sich bleiben und kein Erzieher Zeit dafür hat, viel mit ihnen zu sprechen. Da nun auch noch viele Flüchtlingskinder integriert werden wollen, werden die Kitas noch mehr gefordert. 

In dem OECD-Bericht steht aber außerdem, dass man die meisten Eltern in Deutschland weder mit Kostenfreiheit noch mit Zwang überzeugen muss: 92 Prozent der Dreijährigen in Deutschland sind schon in der Kita, die Fünfjährigen sogar zu 98 Prozent – also so gut wie alle. Auch die Zweijährigen sind in Deutschland schon zu 59 Prozent fremdbetreut. Der OECD-Durchschnitt liegt bei nur 39 Prozent.

Arme Eltern zahlen nichts, reiche mehr

Der Elternbeitrag für öffentliche Kitas ist zudem gestaffelt. Wirklich viel zahlt sowieso nur, wer auch einigermaßen gut verdient. Trotzdem sind für eine arme Familie mit mehreren Kindern oder für eine alleinerziehende Mutter 20 Euro pro Kind und Monat plus Essensgeld schon viel Geld. Das ist jedoch kein Argument dafür, die Kita sofort für alle kostenlos zu machen. Es spricht vielmehr für eine radikalere Staffelung: Arme Familien zahlen gar nichts, reiche vielleicht sogar mehr als den bisherigen Höchstsatz – und auch dazwischen könnte man für mehr Gerechtigkeit sorgen. Denn in manchen Bundesländern muss ein Durchschnittsverdiener schmerzhaft viel bezahlen.

Einzelne reiche Kommunen können sich beides leisten: die beste Qualität und die kostenfreie Kita. Schön für sie. Für alle anderen sollte der Anspruch auf frühkindliche Bildung und altersgerechter Betreuung Priorität haben und weiter das Prinzip Solidarität gelten. Ansonsten profitieren nur die Eltern, deren Kinder sowieso schon privilegiert sind, denn sie können am ehesten ergänzende Angebote für ihre Kinder bezahlen, also beispielsweise Musik- oder Turnkurse. Nicht aber die Eltern, für deren Kinder die Kita die einzige Chance auf gute Bildung verspricht.