Wenn du immer machst, was du willst, wird nicht alles gut

ZEIT ONLINE: Frau Leibovici-Mühlberger, der Titel Ihres gerade erschienenen Buches Wenn die Tyrannen-Kinder erwachsen werden erinnert stark an ein anderes, vor Jahren viel diskutiertes Buch von Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Geht es um die gleichen Tyrannen?

Martina Leibovici-Mühlberger: Ja, es geht aber nicht um böse oder dumme Kinder, sondern um Eltern, die versäumt haben, sie zu erziehen. Das tyrannische Kind fällt am meisten auf, weil es am lautesten ist. Störungen wie Depressionen, ADHS, Essstörungen, Vorstufen von chronischen Erkrankungen nehmen ebenfalls zu.

ZEIT ONLINE: Viele Studien zeigen etwas anderes: vernünftige, ehrgeizige und engagierte Kinder, die sich gut mit ihren Eltern verstehen. Blicken Sie durch Ihren Beruf als Therapeutin vielleicht nur auf einen sehr kleinen Teil der Kinder, bei denen die Erziehung schief gelaufen ist?

Leibovici-Mühlberger: Natürlich sind nicht alle so. Es gibt auch keine exakten Zahlen. Es geht aber nicht um wenige Problemkinder. Viele Lehrer erzählen: "Früher hatte ich drei bis vier Kinder in der Klasse, die Probleme hatten. Heute habe ich eine gute Klasse, wenn drei bis vier Kinder keine Probleme haben." Wenn man hochrechnet, was die Pädagogen mir erzählen, können sich bald 20 Prozent der Abiturienten in der Arbeitswelt nicht mehr zurechtfinden oder ein Studium absolvieren, weil sie nicht in der Lage sind, sich selbst zu kontrollieren und zu managen. Sie werden auch keine starken emotionalen Bindungen mehr eingehen können.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Leibovici-Mühlberger: Zeichen dafür sehen wir schon im Kindergarten. Die Erzieher erzählen mir: "Früher sollte ich die Kinder zu einer Gruppe zusammenschweißen, heute muss ich jedes individuell fördern." Das führt dazu, dass viele Schüler später nicht konzentriert lernen und sich nicht in eine Klasse einfügen können, weil sie gelernt haben, dass es immer nur um das geht, was sie gerade wollen.

ZEIT ONLINE: Eltern werden ihrem Erziehungsauftrag nicht gerecht, weil sie lieber ein Kumpel ihres Kindes sein wollen, statt es zu erziehen?

Leibovici-Mühlberger: Es ist nicht leicht in dieser Gesellschaft Mutter und Vater zu sein. Denn hier herrscht dieses infantil anmutende, narzisstische Ideal der Freiheit vor: Jeder soll das Maximum aus seinem Leben machen, sich maximal entfalten. Die Eltern vermitteln ihren Kindern deshalb: Wenn du immer machst, was du willst, dann wird alles gut.

ZEIT ONLINE: Muss das ein Problem sein?

Leibovici-Mühlberger: Gleichzeitig sind ihre Erwartungen extrem hoch. Die Kinder müssen optimal gefördert und mit den besten Konsumgütern ausgestattet werden. So sollen dann lauter Einsteins, Michelangelos oder schwerreiche Wirtschaftskapitäne entstehen. Wenn ich meine Kinder aber in der Endlosigkeit der Freiheit und mit den hohen Erwartungen an ihre Individualität alleine lasse, dann kommen sie nicht klar. Sie suchen verzweifelt nach Orientierung.

ZEIT ONLINE: Es braucht also mehr Disziplin?

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Disziplin und Autorität sind ganz schwierige Worte

Leibovici-Mühlberger: Disziplin und Autorität sind ganz schwierige Worte. Sie lösen sofort Assoziationen aus, um die es mir nicht geht. Ich will vermitteln, dass die erwachsene Generation einen Erfahrungsvorsprung haben sollte. Dann können sie ihren Kindern altersadäquate Grenzen setzen – in denen sie sich dann frei entfalten dürfen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Beispiel für passende Grenzen?

Leibovici-Mühlberger: Meine vierjährige Tochter sagt: "Ich ziehe heute Sandalen an, die finde ich schöner als die Winterstiefel." In dem Fall sage ich: "Nein, du ziehst die Winterstiefel an, weil es minus 2 Grad draußen sind." Wenn sie dann sagt: Ich will die grün-gelb geringelte Strumpfhose zum lila-blauen Kleid anziehen. Dann finde ich das vielleicht scheußlich, sage aber: "Klar, probier es doch aus."

ZEIT ONLINE: Sie beklagen aber nicht nur einen Mangel an Grenzen, sondern auch an Zeit.

Leibovici-Mühlberger: Ja, wenn ich Mutter oder Vater werde, muss ich mir bewusst sein, dass ich eine neue Rolle habe. Auch meine Freiheit ist jetzt eingeschränkt. Das Kind muss nicht nur sozialisiert, sondern auch liebevoll begleitet werden. Dem entledigen sich viele Eltern, indem sie teure Dinge kaufen und Förderkurse bezahlen. Eltern müssen sich abschminken, ihr Kind selbst zu ihrem Produkt machen zu können und es mit ihren eigenen Wünschen zu beladen. Das klappt nicht.

ZEIT ONLINE: Besser wäre ...

Leibovici-Mühlberger:  ... ein gelebter Alltag mit Ritualen und gemeinsamen Unternehmungen. Das muss wiederum gar nichts kosten. Gehen wir zu viert ins Kino, mit vier Portionen Riesenpopcorn, sind wir 80 Euro los und haben kein Wort miteinander gesprochen. Gehen wir auf die Wiese und essen Butterbrote, kommt es vielleicht zu wesentlichen Begegnungen. So investieren wir in eine starke Bindung und eine Beziehung, die auch in der Pubertät noch trägt.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, wenn die tyrannischen Kinder erwachsen sind, werden sie nicht bereit sein, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Was ist mit all den Jugendlichen, die gerade in Flüchtlingsheimen helfen? Die wirken doch sehr verantwortungsbewusst.

Leibovici-Mühlberger: Auf die können wir unsere Hoffnung setzen. Aber es ist in einer Gesellschaft immer eine Frage der Proportion. Es könnte sein, dass diese bescheidenen, gemeinschaftlich  orientierten Menschen die anderen finanziell nicht mittragen werden können, zumal sie sich auch noch um die vielen Alten kümmern müssen.