Leibovici-Mühlberger: Disziplin und Autorität sind ganz schwierige Worte. Sie lösen sofort Assoziationen aus, um die es mir nicht geht. Ich will vermitteln, dass die erwachsene Generation einen Erfahrungsvorsprung haben sollte. Dann können sie ihren Kindern altersadäquate Grenzen setzen – in denen sie sich dann frei entfalten dürfen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Beispiel für passende Grenzen?

Leibovici-Mühlberger: Meine vierjährige Tochter sagt: "Ich ziehe heute Sandalen an, die finde ich schöner als die Winterstiefel." In dem Fall sage ich: "Nein, du ziehst die Winterstiefel an, weil es minus 2 Grad draußen sind." Wenn sie dann sagt: Ich will die grün-gelb geringelte Strumpfhose zum lila-blauen Kleid anziehen. Dann finde ich das vielleicht scheußlich, sage aber: "Klar, probier es doch aus."

ZEIT ONLINE: Sie beklagen aber nicht nur einen Mangel an Grenzen, sondern auch an Zeit.

Leibovici-Mühlberger: Ja, wenn ich Mutter oder Vater werde, muss ich mir bewusst sein, dass ich eine neue Rolle habe. Auch meine Freiheit ist jetzt eingeschränkt. Das Kind muss nicht nur sozialisiert, sondern auch liebevoll begleitet werden. Dem entledigen sich viele Eltern, indem sie teure Dinge kaufen und Förderkurse bezahlen. Eltern müssen sich abschminken, ihr Kind selbst zu ihrem Produkt machen zu können und es mit ihren eigenen Wünschen zu beladen. Das klappt nicht.

ZEIT ONLINE: Besser wäre ...

Leibovici-Mühlberger:  ... ein gelebter Alltag mit Ritualen und gemeinsamen Unternehmungen. Das muss wiederum gar nichts kosten. Gehen wir zu viert ins Kino, mit vier Portionen Riesenpopcorn, sind wir 80 Euro los und haben kein Wort miteinander gesprochen. Gehen wir auf die Wiese und essen Butterbrote, kommt es vielleicht zu wesentlichen Begegnungen. So investieren wir in eine starke Bindung und eine Beziehung, die auch in der Pubertät noch trägt.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, wenn die tyrannischen Kinder erwachsen sind, werden sie nicht bereit sein, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Was ist mit all den Jugendlichen, die gerade in Flüchtlingsheimen helfen? Die wirken doch sehr verantwortungsbewusst.

Leibovici-Mühlberger: Auf die können wir unsere Hoffnung setzen. Aber es ist in einer Gesellschaft immer eine Frage der Proportion. Es könnte sein, dass diese bescheidenen, gemeinschaftlich  orientierten Menschen die anderen finanziell nicht mittragen werden können, zumal sie sich auch noch um die vielen Alten kümmern müssen.