Die Eltern wundern sich. Anna* schläft so schlecht. "Anna Angst", ruft das Mädchen eines Abends. "Dunkeln zankt!" Dunkeln zankt, was soll das heißen? Ungefähr zwei Jahre ist das Kind alt. Mit den kleinen Händen macht es hektische Bewegungen, als führe es einen Löffel zum Mund. "Tanja macht immer so. Tanja zankt." Die Eltern geben nicht viel darauf. Auch nicht, als sich die Tochter selbst schlägt: "Tanja so gemacht!" Bloß nicht überbesorgt sein. Vielleicht erzählt das Kind von einem neuen Spiel mit seiner Erzieherin.

Tanja* betreut Anna seit einigen Monaten in der Kita Regenbogen. Hinter hohen Linden steht das Gründerzeithaus in einer Nebenstraße von Antweiler. Das Dorf liegt zwischen waldigen Hügeln der Eifel in einem entlegenen Winkel von Rheinland-Pfalz. Annas ältere Schwestern gingen gerne in die idyllische Dorfkita mit den rotgefassten Sprossenfenstern und dem Regenbogen über dem Eingang. Auf dem Spielplatz der früheren Volksschule können die Kinder schaukeln und klettern.

An Personal fehlt es nicht und Tanja, eine herzliche Frau Mitte vierzig, mit Temperament und Freude an Kindern, gilt als besonders erfahrene Fachkraft. Eine der Besten im Haus. Annas Eltern – Silke und Bernd Neumann* – mögen sie und vertrauen ihr. Vom dunklen Geheimnis der jüngsten Tochter ahnen sie nichts. Auch darauf, dass Anna bei Tanja in der "Mäusegruppe" Schlimmes erleben könnte, kommen die Neumanns nicht.

Boombranche Kita

Kindertagesstätten gelten als perfekte, kleine Welten. Doch zugleich ist die Betreuung der Jüngsten in den vergangenen zehn Jahren zu einem gewaltigen Geschäft herangewachsen. Seit die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen 2007 den Ausbau von Kitaplätzen massiv vorantrieb, boomt die Branche. Im Jahr 2006 gaben Bund, Länder und Kommunen rund zehn Milliarden Euro für Kinderbetreuung aus. 2014 war es mit fast 23 Milliarden schon mehr als doppelt so viel.

Über die Abgründe der Branche dringt wenig nach außen. Die Behörden reden nicht gern über Missstände, weil sie die Vorgaben der Politik einhalten müssen. Träger und Leitungen der Kitas äußern sich nicht, weil sie dann zugeben müssten, wie schwer es ihnen fällt, trotz des starken Ausbaus die Qualität ihrer Einrichtungen zu halten. Sogar Eltern schweigen oft, weil sie auf die Plätze angewiesen sind. Und die Bundesregierung schiebt bisher ergebnislos ein längst versprochenes Kita-Qualitätsgesetz vor sich her. Geraten Skandale schließlich doch ans Licht, verwenden die Verantwortlichen viel Energie darauf, sie kleinzureden.

"Einmal", sagt Silke Neumann, "hab ich Anna total verstört abgeholt." Als sie in der Kita nachfragte, erzählten Erzieherinnen von einem Streit um ein Glas Wasser. Wer will sich da als Helikopter-Mama lächerlich machen? Silke Neumann hat selbst beruflich mit Kindern und deren Eltern zu tun, sie unterrichtet Biologie an einem katholischen Gymnasium, ihr Mann arbeitet als Gewässerökologe. Im Nachbarort haben sie sich ein Haus neben der Burgschänke hergerichtet. Hühner picken im Garten, durchs Wohnzimmer schnurrt eine Katze. Die Neumanns werfen sich heute vor, dass sie zu spät begriffen, warum ihre Jüngste oft weinte, wenn sie in die Kita sollte.

Die Kita Regenbogen in Antweiler © Astrid Geisler

Tanja und drei Kolleginnen aus der Kita Regenbogen sind seit Dezember vor dem Landgericht Koblenz angeklagt. Polizei und Staatsanwaltschaft haben in zwei Jahre dauernden Ermittlungen eine lange Liste an Vorwürfen zusammengetragen: Drei der Erzieherinnen sollen Anna und acht andere Kinder traktiert haben, vor allem während des Mittagessens in einem Speiseraum im Erdgeschoss, der den hübschen Namen "Sterneküche" trug. Den Kindern sei gegen ihren Willen Essen in den Mund geschoben und Flüssigkeit nachgeschüttet worden, bis sie schlucken mussten. Parierten die Kinder nicht, sollen sie bestraft worden sein. Hände und Füße seien mit Klebeband am Stuhl fixiert, Kinder in eine dunkle Abstellkammer gesperrt, geschlagen, ihr Mund zugeklebt worden. Ein Kind habe sich übergeben und soll mit Erbrochenem in der Hand weitergefüttert worden sein.

Misshandlung und Freiheitsberaubung

Die Staatsanwaltschaft wirft den Frauen Misshandlung von Schutzbefohlenen, Freiheitsberaubung und Nötigung vor. Mitangeklagt ist auch eine Kollegin, die "trotz einer hierzu bestehenden Rechtspflicht die Misshandlung eines Kindes nicht unterbunden" habe. Laut der Staatsanwaltschaft bestreiten die vier Angeschuldigten die Taten. Der Strafverteidiger der Erzieherin Tanja will sich nicht zu dem Fall äußern.

Ein seltenes Horrorszenario in einer ansonsten heilen Kitawelt. Das ist die offizielle Lesart dessen, was sich in Antweiler zugetragen haben soll. Doch je länger man Belege für diese Hypothese vom tragischen Einzelfall sucht, desto mehr Indizien finden sich für systematische Probleme. Es gibt viele Einrichtungen, in denen Kinder vorbildlich umsorgt und gefördert werden. Aber es gibt auch andere, wo Überforderung und Lieblosigkeiten den Alltag prägen, manchmal sogar Vernachlässigung und Gewalt. Problematisch sind nicht nur Fälle wie jener in Antweiler, bei denen es zu einer ganzen Serie massiver Vorwürfe kam und die Zahl mutmaßlich betroffener Kinder groß ist. Auch subtilere, nicht strafbare Übergriffe können Kleinkinder belasten: rücksichtslose Füttermethoden ebenso wie ein gehässiger Umgangston, ausbleibender Trost oder das gezielte Bloßstellen nach dem Einnässen. 

"Jeder weiß es, keiner spricht darüber. Es ist ein offenes Geheimnis", sagt Ursula Rabe-Kleberg, eine emeritierte Professorin für Bildungssoziologie an der Universität Halle. Rabe-Kleberg hat bis 2015 ein Institut für frühkindliche Pädagogik geleitet. Das Gewaltproblem werde tabuisiert, kritisiert die Wissenschaftlerin. "Unter der Hand wird in Fachkreisen längst diskutiert, dass wir eine große Untersuchung solcher Vorfälle brauchen."

Betreute Kinder

Die Anzahl der betreuten Kinder (0-14 Jahre) stieg um 13,4 Prozent

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Immer mehr Kinder verbringen einen großen Teil ihrer ersten Lebensjahre in Kindertageseinrichtungen. Seit 2006 ist die Zahl der Kitaplätze in Deutschland um eine halbe Million gestiegen. 6.335 neue Einrichtungen sind entstanden, rund 170.000 zusätzliche pädagogische Mitarbeiter nahmen die Arbeit auf. Gerade in Westdeutschland waren die Ausbauquoten gigantisch. Allein in Bayern arbeiten heute 33.000 Erzieherinnen mehr als noch vor zehn Jahren. In Baden-Württemberg versechsfachte sich die Zahl der Kleinkinder unter drei Jahren, die in Kindertageseinrichtungen betreut werden. Oft müssen Eltern froh sein, wenn sie überhaupt einen Kitaplatz abbekommen, trotz Rechtsanspruch. Auch wer pädagogische Fachkräfte sucht, darf vielerorts nicht wählerisch sein. Das hat Folgen.

Leiterinnen von Kindergärten wenden sich seit einiger Zeit an Gewerkschafter und Fachjuristen. Was sie denn tun sollten, wenn problematische Erzieher im eigenen Team auffielen? Marion Hundt war überrascht, als sie die ersten Beschwerden mitbekam. Hundt lehrt Öffentliches Recht als Professorin an der Evangelischen Hochschule Berlin, sie ist eine Expertin auf dem Feld des Kitarechts. Hundt sagt, dass sie das anfangs für ein Phänomen von "fünf schwarzen Schafen" gehalten habe. Doch als sie ihre Erfahrungen während ihrer Fortbildungen für Kitaleiterinnen ansprach, seien in der Pause Führungskräfte auf sie zugekommen. "Es gibt also offensichtlich ein größeres Problem." Die These von den wenigen schwarzen Schafen hat die Juristin verworfen.

Betreuungsschlüssel in Kitas

Sieben Bundesländer schaffen nicht den empfohlenen Schlüssel von max. vier Kindern* pro Betreuer (rot markiert)

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Auch Norbert Hocke, Hauptvorstand der Bildungsgewerkschaft GEW, verlangt mittlerweile eine "Kultur des Hinschauens". Beim sexuellen Missbrauch habe die Gesellschaft diese Aufmerksamkeit schmerzlich entwickeln müssen, sagt Hocke. Wenn es um die Gewalt in Kitas gehe, höre er immer wieder von Einzelfällen. Fälle, die dem ähneln, was Anna in Antweiler erlebt haben soll. "Es kommt also immer wieder vor. Aber wie oft? Keiner kann das sagen."

Es gibt Kleinkind-Pädagoginnen, die hin und wieder in das Dunkelfeld hineinleuchten. Nicht gezielt, sondern unbeabsichtigt, während sie Kitas evaluieren, Erzieherteams coachen oder deren Arbeit zu Forschungszwecken begleiten. Eine ehemalige Doktorandin und eine Pädagogin, die als Kitacoach arbeitet, beide aus unterschiedlichen Bundesländern, haben ZEIT ONLINE von ihren Erlebnissen erzählt. Anonym, weil sie eigentlich nicht öffentlich darüber reden sollten. "Das Problem wird einfach nur ausgeblendet", sagt die Trainerin. "Niemand will diesen Kochtopfdeckel anheben."

Die beiden Frauen haben Alltagsszenen in Dutzenden von Kitagruppen gefilmt, um die Situationen auszuwerten. Einige Sequenzen gehen ihnen seither nicht mehr aus dem Kopf. Einmal habe eine Erzieherin ein Kind über einen Mülleimer gehalten und gedroht: "Da gehörst du hin, wenn du so viel Schmutz machst." Die Frau sei keine unqualifizierte Aushilfe gewesen, sondern die Leiterin der Einrichtung.

In einer anderen Kita hätten hungrige Kleinkinder auf das Mittagessen gewartet. Es habe gedauert, bis endlich eine Schüssel auf den Tisch gekommen sei. Ein Kind habe mit der Hand danach gegriffen. Die Erzieherin habe ihm deshalb auf die Finger geschlagen, vor laufender Kamera. Die Pädagogin sagt heute, dass sie damals ein Gespräch über den Vorgang verlangt habe. Sie habe zudem gewollt, dass die Kitaleitung den Träger über den Schlag auf die Finger informiert. "Genau das passierte nicht." Die Pädagogin hat den Träger daraufhin angezeigt.

Haben Sie ebenfalls Missstände in der Kita Ihres Kindes erlebt? Berichten Sie uns von Ihren Erlebnissen in der ZEIT ONLINE-Leserumfrage. © Christoph Stache/AFP/Getty Images

Wieder woanders fiel der Trainerin ein fieberndes Kind auf. Keine der Erzieherinnen habe sich gekümmert, das Kind habe mit auf den Spielplatz gemusst. "Mit Fieberbäckchen saß es auf einem Schaukelgerät und weinte einfach vor sich hin." Niemand habe das Kind getröstet. "Da hab ich gesagt: Kamera aus – machen Sie sofort was!" Die Pädagogin nennt den Umgang mit dem fiebernden Kind "emotionale Gewalt". Ihre Kritik hätten die Erzieherinnen aber oft gar nicht verstanden. "Denen fehlte das Gefühl für das, was ihnen passiert war." Beide Beobachterinnen fragen sich, was in solchen Einrichtungen geschieht, wenn gerade niemand filmt.

Die Politik scheint davon bislang nichts wissen zu wollen – zumindest nicht genau. Anders lässt sich nicht erklären, dass ausgerechnet über die Abgründe bei der Betreuung der Kleinsten keine verlässlichen Zahlen erhoben werden, obwohl in Deutschland so gut wie alles mit Detailliebe statistisch vermessen wird. Tatsächlich ist das Sammeln der Zahlen nicht trivial. Kinder können nicht einordnen, was mit ihnen geschieht. Manchmal lassen sie sich falsche Behauptungen in den Mund legen, die zur öffentlichen Hinrichtung ausarten. Das haben die Schlagzeilen um angebliche sexuelle Gewalt an einer Mainzer Kita im vergangenen Jahr gezeigt. Andererseits akzeptieren Kinder selbst unangemessene Erziehungsmethoden, weil sie denken, die Eltern wissen, was in der Kita passiert und stehen dahinter. Oder sie sind einfach noch zu klein, um von ihren Erfahrungen zu erzählen.

Kleine Königreiche

Das Bundeskinderschutzgesetz sieht seit 2012 klare Regeln vor. Kitaträger müssen die zuständige Aufsichtsbehörde umgehend über "Ereignisse oder Entwicklungen" informieren, "die geeignet sind, das Wohl der Kinder und Jugendlichen zu beeinträchtigen". In Merkblättern steht, was darunter fällt. Wie häufig Kitaträger den Aufsichtsbehörden auf diesem Weg von Missständen in ihren Einrichtungen berichten, weiß jedoch niemand. Ein Kraftfahrtbundesamt, das Verkehrsverstöße nicht im Detail auflistet, wäre undenkbar. In der Kitaaufsicht ist das bisher weit verbreiteter Standard.

Nur fünf Bundesländer zählen überhaupt, was ihnen aus den Kitas gemeldet wird: Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Brandenburg und das Saarland. Sachsen-Anhalt bereitet mittlerweile eine erste Jahresbilanz vor. In allen anderen Bundesländern gibt es ein undurchdringbares Dunkelfeld.

Doch auch Länder mit Meldestatistik geben auf Nachfrage von ZEIT ONLINE zum Teil nur dürre Zahlen heraus, wenn überhaupt. Vergleichbar sind diese Werte nicht. In Rheinland-Pfalz gab es laut Landesjugendamt zuletzt etwa 90 Meldungen pro Jahr – worum es darin konkret ging, abgesehen vom Regenbogen-Kindergarten in Antweiler, dazu schweigt die Behörde.  Auch das Bildungsministerium in Thüringen will keine Details über die 109 Meldungen im vergangenen Jahr nennen. Das Meldeverfahren sei zu neu, Einzeldaten der verschiedenen Kategorien deshalb "statistisch noch nicht belastbar". Brandenburgs Bildungsministerium betreibt die Statistik nach eigenen Angaben nur für interne Zwecke.

Vorbild Baden-Württemberg

Lediglich das Saarland und Baden-Württemberg haben ZEIT ONLINE detaillierte Statistiken vorgelegt. Unter den 89 Meldungen im Saarland waren 19 Beschwerden über Personalmangel der größte Faktor, gefolgt von 16 gemeldeten Aufsichtspflichtverletzungen. Auch fünf Fälle von "erzieherischem Fehlverhalten" registrierte das dortige Familienministerium. In Baden-Württemberg ist der "Kommunalverband für Jugend und Soziales" in Stuttgart für die Kitaaufsicht zuständig. Das Amt erreichten 2014 insgesamt 107 Meldungen, darunter 54 Fälle von "Fehlverhalten" des Kitapersonals im Umgang mit betreuten Kindern. 32 dieser Fälle seien "unzulässige Strafmaßnahmen" gegen kleine Kinder gewesen, analysiert die Aufsichtsstelle in ihrer Jahresbilanz.

Eben diese 32 Vorkommnisse aus den 8.600 baden-württembergischen Kindergärten und Krippen erinnern an den Fall aus dem Eifeldorf Antweiler. Zum gemeldeten Fehlverhalten gehörte "beispielsweise Kindern den Mund zuzukleben, Kinder durch Fachkräfte in der Gruppe bloßzustellen oder Kinder zum Essen zu zwingen", berichtet die Behörde. Zudem seien Kinder "gegen ihren Willen festgehalten beziehungsweise gepackt" worden. "In einzelnen Meldungen wurden auch 'blaue Flecke' erwähnt."

Die Stuttgarter Aufsichtsbehörde hat nach Mustern hinter solchen Übergriffen gesucht. Häufig waren die Einrichtungen mit dem Personalschlüssel "hart am Rand", sagt die zuständige Referatsleiterin Evelyn Samara. Das Personal war schlecht oder veraltet qualifiziert. Erzieher mussten Kinder plötzlich ganztags statt nur bis zum Mittagessen betreuen und waren heillos überfordert. Berufsanfänger wurden vom ersten Tag an voll eingespannt.

Wer redet, bekommt Druck

Ursula Enders von der Kölner Beratungsstelle Zartbitter untersucht Fälle sexueller Gewalt, auch an Kitas. Sie kritisiert, dass die Leitungen und Trägerorganisationen der Einrichtungen oft selbst Teil des Problems und nicht der Lösung seien – und zwar nicht nur, wenn der Verdacht von sexuellem Missbrauch im Raum stehe. Die Sanktionsmöglichkeiten der Aufsichtsbehörden seien zu schwach: "Hat eine Kitaleiterin ihre Elternschaft gut im Griff, dann hat sie ein kleines Königreich", sagt Enders. Es gibt einige solcher Königreiche im Land. Und wer hier Missstände benennt, darf nicht mit Unterstützung rechnen, sondern muss massiven Druck fürchten.

Elisabeth König* hat genau das während ihrer Ausbildung erlebt. Wenn sie von den Erlebnissen an ihrem früheren Arbeitsplatz in der katholischen Krippe Barbara Strell im oberbayerischen Kolbermoor erzählt, beschlägt noch heute ihre Stimme. Mal wurde ein Kleinkind alleine im Bettchen vergessen, während die Gruppe zum Schlittenfahren ging. Dann blieben Kinder unbeaufsichtigt auf dem Wickeltisch liegen. Eine Erzieherin redete ein schwarzes Kind mit "Schoki" an. Der Wasserkocher stand griffbereit für die Kleinen herum. So schildert es König.

Kind auf der Straße vergessen

Als sie die Vorfälle mit Kolleginnen beim Arbeitgeber anspricht, beginnt für die Frauen der Ärger. Der Gemeindepfarrer und der Kindergarten versuchen, die Kritik zu unterdrücken. Sie beruhigen die verunsicherten Eltern. Mütter und Väter unterzeichnen sogar einen "Haftungsausschluss". In dem handschriftlichen Papier garantieren sie: "Wir sprechen die Trägerschaft in diesem Sachverhalt von jeglicher Haftung frei."

Elisabeth König meldet die Vorfälle auch beim Jugendamt in Rosenheim. Die beschuldigten Kolleginnen bleiben dennoch im Dienst. Der Gemeindepfarrer stellt stattdessen Elisabeth König von der Arbeit frei, sie muss die Kindergartenschlüssel zurückgeben. Den Brief bringt der Pfarrer ihr persönlich nach Hause.

Dann, im Sommer 2014, wird ein Kind vor der Krippe in Kolbermoor vergessen, eine Mutter findet es zufällig. Erst jetzt greift das Jugendamt plötzlich durch. Es entbindet die Leiterin von ihren Aufgaben und entzieht der Einrichtung sogar die Betriebserlaubnis. Sigrid Kumberger, eine SPD-Lokalpolitikerin aus Kolbermoor, sagt: "Der Träger hat den guten Namen der Institution geschützt statt das Wohl der Kinder." In der Krippe sei "Vertuschung wie aus dem Lehrbuch" gelaufen.

War das so? Der damals verantwortliche Pfarrer Maurus Scheurenbrand ist zu dem Thema nicht zu sprechen. Sein Pfarrbüro verweist an die Pressestelle des Erzbischöflichen Ordinariats in München. Eine Sprecherin des Ordinariats sagt: "Wir äußern uns dazu nicht mehr." Die Kindertagesstätte werde schließlich inzwischen von einem anderen Träger verwaltet, der mit der damaligen Situation nichts zu tun habe. Pfarrer Scheurenbrand sei für die Einrichtung nicht mehr zuständig. Auch der Name der Kita wurde geändert.

Im Nebel der Bürokratie

Im Eifeldorf Antweiler ahnt die Familie Neumann irgendwann, worüber die Verwaltung längst informiert ist. Silke Neumann hat den Elternabend nicht vergessen. Nikolaustag 2013, fast kein Stuhl ist mehr frei im Obergeschoss des Gemeindehauses, als Vertreter von Kommunalverwaltung und Jugendamt den Müttern und Vätern von "Unregelmäßigkeiten" im Regenbogen-Kindergarten berichten. Was damit gemeint sein könnte, bleibt vage. Die Eltern sind ratlos. Silke Neumann bohrt nach: Unregelmäßigkeiten?

Hinter diesem Bürokratenwort sollte wohl der Verdacht verschwinden, von dem die Verwaltung seit fast drei Monaten wusste. Schon im August 2013 hatten eine Küchenhilfe und eine Erzieherin beim kommunalen Kitaträger ausgepackt. Trotzdem ließen die Beamten die beschuldigten Kolleginnen noch mehrere Monate im Dienst und die Eltern im Unklaren. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen Taten angeklagt, die sich im Herbst, weit nach der ersten Meldung der Kitamitarbeiterinnen, zugetragen haben sollen. Statt die Vorwürfe ernst zu nehmen, habe der Kitaträger auch noch Druck auf die Whistleblowerinnen ausgeübt, erzählt Silke Neumann.

"Das kann ich nicht bestätigen", sagt Bernhard Jüngling von der Verbandsgemeinde Adenau. Er war damals in der Kommunalverwaltung für das Krisenmanagement zuständig. Jüngling beschreibt den Ablauf anders: Die Verwaltung habe im August von "Vorgängen" in der Kita Regenbogen erfahren und die Eltern gleich im September über "Unregelmäßigkeiten" informiert. Der Fall habe aber erst nach Elternbeschwerden im November eine "neue Dimension" bekommen. Daraufhin habe man die Polizei eingeschaltet, drei beschuldigte Erzieherinnen freigestellt und noch einmal die Eltern informiert. Wegen der laufenden Ermittlungen habe die Verwaltung keine "Details" nennen dürfen, sagt Jüngling. Er wisse, dass das "negativ angekommen" sei. "Wir haben uns aber zu genaueren Informationen nicht in der Lage gesehen."

Der Schriftverkehr der Neumanns zur Kita Regenbogen füllt inzwischen einen Leitzordner. Im Wohnzimmer am Holztisch blättert Annas Mutter die Papiere durch. Die Erinnerung lässt leise Wut in ihr aufsteigen. Die Vorwürfe seien als "Indianerspiele" verniedlicht worden: "Es ging von Anfang an nur darum, die Sache möglichst klein zu halten." Die entscheidende Frage habe die Verwaltung ihr nie gestellt: Wie geht es den Kindern?

Die Neumanns warten nun darauf, dass die Hauptverhandlung endlich beginnt. Zwar hat die zuständige sechste große Strafkammer des Landgerichts Koblenz die jüngste Tochter der Familie kürzlich als Nebenklägerin anerkannt. Doch das Gericht ist überlastet, Haftsachen müssten wegen strenger Fristen zuerst behandelt werden. Vier Monate nach der Anklage hat die Kammer noch nicht einmal offiziell über deren Zulassung entschieden, deshalb gibt es auch keinen Termin für das Verfahren.

Derweil vergessen die jüngsten Kinder aus Antweiler, was sie in der Kita Regenbogen erlebt haben. Anna hat aufgehört, ihre Puppe zu verhauen oder der Mutter im Spiel zu versichern: "Keine Angst, ich sperr dich nicht ein, ich bind dich nur fest!" Das Mädchen geht inzwischen in einen anderen Kindergarten in der Nachbarkleinstadt Blankenheim.  Und Anna weint morgens nicht mehr, wenn sie in die Kita soll. Sie fühlt sich dort wohl.

*Die Namen aller Kinder, Eltern und beschuldigten Kitamitarbeiterinnen wurden geändert.

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Mitarbeit: Karsten Polke-Majewski und Sascha Venohr