Es gibt da dieses Merkblatt. Die Berliner Kitaaufsicht hat es verfasst. Die Aufseher haben darin Dinge zusammengetragen, die schon einmal in Kindertagesstätten der Hauptstadt vorgefallen sind. Sie nennen es "Gefährdungstatbestände". Es ist eine Liste des Grauens.

"Fixieren von Kindern" steht dort und dazu als Beispiel: Kleine Kinder werden während des Essens mit Mullbinden angebunden. Ihr Stuhl wird so nahe an den Tisch geschoben, dass sie sich nicht mehr rühren können. Der um den Hals gebundene Latz wird auf den Tisch gelegt und der Teller darauf gestellt. Des Weiteren: "Zwang zum Essen", "Zwang zum Schlafen", "Bloßstellen von Kindern in der Gruppe", "Androhung von Straf- oder Erziehungsmaßnahmen". Damit ist die Liste längst noch nicht zu Ende. Es geht um Fälle von seelischer und körperlicher Gewalt, um Vernachlässigung und um Verletzungen der Aufsichtspflicht.

Mit dem Merkblatt hat die Berliner Behörde 2012 externe Gutachter ausgestattet. Sie sollten die Qualität der Kitas in der Hauptstadt unabhängig bewerten. Auf Fehlverhalten zu achten, war ein Nebenauftrag dieses Verfahrens.

Wegschauen geht nicht

Man erschrickt, wenn man dieses Blatt liest. Doch eigentlich stecken gute Motive dahinter. Die Liste soll Kinder schützen. Leider aber funktioniert das nicht. Ausgerechnet dort, wo es um die Schwächsten und Wehrlosesten in der Gesellschaft geht, versagen wichtige Aufsichts- und Kontrollprinzipien. Auch deshalb – das zeigen Recherchen von ZEIT ONLINE – gibt es systematische Missstände in deutschen Kitas. Die Liste aus Berlin ist keine Fiktion oder übertriebene Vorsichtsmaßnahme, sondern sie gibt wieder, was in einigen Einrichtungen längst geschehen ist und immer noch geschieht.   

Das Versagen der Aufseher beginnt schon damit, dass die Evaluation in Berlin nur unter der Bedingung stattfinden durfte, dass Bewertungen einzelner Kitas nicht veröffentlicht werden. Was auch bedeutet: Eltern, die ihre Kinder in einer Tagesstätte anmelden wollen, wird die Möglichkeit vorenthalten, sich über deren Qualität zu informieren. Trotz dieser Einschränkung ist man damit in Berlin weit fortgeschritten. In Hamburg ist beispielsweise im vergangenen Jahr der Versuch gescheitert, eine allgemeine externe Qualitätssicherung zu installieren. Die zuständige Behörde und die Träger der Einrichtungen konnten sich nicht auf Prüfkriterien einigen und auch nicht, wer die Kontrolle bezahlen soll. Jetzt denkt die Sozialbehörde darüber nach, eine Art Kitainspektion aufzubauen.

Ohnehin ist es mit den Möglichkeiten nicht allzu weit her, die die Aufsichtsbehörden in der Republik haben, wenn sie wissen wollen, wie es in Kindertagesstätten zugeht. Üblicherweise müssen Kontrollen vorher ankündigt werden. Doch angekündigte Überprüfungen produzieren bekanntermaßen erwünschtes Verhalten. Unangekündigt kontrolliert werden darf nur, wenn eine akute Gefahr für das Kindeswohl besteht. Die Aufseher müssen also schon vor ihrem Besuch wissen, dass etwas schiefläuft. Doch wo sich niemand beklagt, kann auch nicht geprüft werden – ganz gleich, wie gut oder schlecht die Kita arbeitet.

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Ja, in vielen deutschen Kindergärten wird gute Arbeit geleistet. Ja, pädagogische Mitarbeiter brauchen einen Handlungsspielraum im Umgang mit manchmal schwierigen Kindern. Ja, es ist nicht immer leicht, abzugrenzen, wo genau pädagogisches Fehlverhalten beginnt. Ja, Kitamitarbeiter sind einer hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt, ihre Teams sind häufig schlecht besetzt, Personalschlüssel werden oft nicht erfüllt.

Doch das alles rechtfertigt nicht, dass systematisch weggesehen wird, in der Annahme, es werde schon nichts passieren. Vielmehr muss das Kitasystem professionalisiert werden. Eine Branche, in der fast eine Dreiviertelmillion Menschen arbeitet, in die die öffentliche Hand im Jahr rund 23 Milliarden Euro steckt, braucht verlässliche und überprüfbare Standards.

Eigentlich fordert das 2012 überarbeitete Bundeskinderschutzgesetz solche Standards längst ein. Seither ist die Betriebserlaubnis einer Kindertagesstätte daran gebunden, dass die Kita ein eigenes Konzept für den Schutz von Kindern vor Gewalt festgeschrieben hat. Diese Konzepte sollen das Recht der Kinder auf eine gewaltfreie Umgebung sicherstellen. Sie schützen aber auch die Mitarbeiter. Denn mit diesen Konzepten definieren die Kitas eben jenen Handlungsspielraum, den Mitarbeiter im Umgang mit ihren Schutzbefohlenen haben, und auch dessen Grenzen. Längst gibt es Vorbilder, wie solche Konzepte in den Teams entwickelt und im Alltag umgesetzt werden können.

Einige Träger verlangen außerdem zusätzlich zum obligatorischen erweiterten Führungszeugnis von neu einzustellenden Mitarbeitern die Unterschrift unter einen Verhaltenskodex. Darin bekennen sich die Mitarbeiter dazu, dass jegliche Anwendung körperlicher und psychischer Gewalt an Schutzbefohlenen zu unterlassen ist und sie abwertendes Verhalten nicht tolerieren. Vor allem aber unterschreiben sie, dass sie suspektes und auffälliges Verhalten anderer Mitarbeiter an die Leitung melden. Das ist kein Aufruf zur Denunziation. Sondern zur Professionalität.

Doch auch vier Jahre nach Verkündung des Kinderschutzgesetzes haben sich bei Weitem noch nicht alle Kitas ein solches Schutzkonzept gegeben. Ihre Aufsichtsbehörden, also die Bundesländer, fordern sie offensichtlich nicht einmal flächendeckend ein. Und im Bundesfamilienministerium kann niemand so genau sagen, wie viele Kindergarten-Träger dem Gesetz überhaupt Folge leisten. Hamburg bildet eine positive Ausnahme. Der Stadtstaat verlangt seit vergangenem Jahr von jeder Kindertageseinrichtung ein entsprechendes Konzept. Was in den übrigen Bundesländern seither passiert ist, bleibt im Dunkeln. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, hat nun eine Umfrage gestartet, die herausfinden soll, wo es schon Schutzkonzepte gibt. Die Untersuchung läuft noch bis 2018.

Statt einheitliche und transparente Standards durchzusetzen, zieht sich die Politik in schwammige Qualitätsdebatten zurück. Den Kindern, die unter Übergriffen und schwarzer Pädagogik leiden, hilft das nichts. Und auch nicht den Kitas, die gut arbeiten und Fehler reflektieren.

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