Was macht ihr da mit unseren Kindern? – Seite 1

Die Kitachefin kann nicht mehr. Es ist erst Mittag, aber sie geht nach Hause. Dort schreibt sie an ihre Vorgesetzten bei der Diakonie in Frankfurt: "Noch nie habe ich Kinder so wund gesehen und schreien hören, weil sie nicht gewickelt wurden." Erzieherinnen ihrer Krippe schreien Kinder an, zerren sie am Arm durch das Zimmer. Auch ihre Co-Chefin alarmiert den Träger. "Notsituation" lautet der Betreff der E-Mail. "Wir machen unseren Job sehr gerne und mit gutem Gewissen, aber die Umstände machen die Arbeit einfach untragbar." So steht es in einer Falldokumentation über Mängel in der Kita, die ZEIT ONLINE vorliegt.

Das Papier ist ein Hilferuf. Und nicht der einzige. Überall im Land sehen Kitaleiterinnen, Erzieherinnen und Eltern dramatische Missstände. Doch niemand hilft ihnen. Ob Kitaträger oder Ämter, viel zu viele schauen weg. Und im Bund boykottieren die zuständigen Ministerpräsidenten aller Parteien überfällige Mindeststandards, die Kleinkinder schützen würden.

Alle Länderchefs sind sich einig, "dass es keiner bundesweiten Standards bedarf". Ihr Beschluss, von dem niemand erfahren soll, fällt am 11. Dezember 2014 im Bundeskanzleramt. Angela Merkel hat die Ministerpräsidenten der Bundesländer in ihren Amtssitz gebeten. Die Runde geht bereits dem Ende zu, als der drittletzte Tagesordnungspunkt aufgerufen wird: Kitaqualität. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, die monatelang für einheitliche Mindeststandards geworben hatte, ist ins Kanzleramt geeilt. Aber sie kann das Debakel nicht verhindern.

Die Kanzlerin schweigt, jedenfalls vermerkt das Protokoll keine Wortmeldung von ihr. Tagesordnungspunkt 15 wird routiniert erledigt. Auch anderthalb Jahre später kennen nur Eingeweihte den Wortlaut dieses Beschlusses, der ZEIT ONLINE vorliegt. Er gilt als nicht öffentlich. Selbst zuständige Landesminister erfahren nichts.

Der Internationale Konferenzraum im Kanzleramt. Dort fassten die Ministerpräsidenten jenen verhängnisvollen Beschluss, den wir hier dokumentieren (Klicken Sie auf das Bild). © Tim Brakemeier/​dpa

Mit dem, was die 16 Ministerpräsidenten an diesem Wintertag im Kanzleramt entsorgen, brechen sie ein Versprechen. Es lautete: Erst bauen wir im großen Stil neue Kindergartenplätze, dann wird deren Qualität verbessert. Aber die Länder sagen den zweiten Schritt ab.

Die Folgen dieser Politik erleben viele Kinder jeden Tag. ZEIT ONLINE hat seine Leser Anfang Mai gefragt, ob sie Missstände in ihrer Kindertagesstätte beobachtet haben. Etwa 2.000 Eltern und 260 Kita-Mitarbeiter haben geantwortet. Wissenschaftler, Behördenmitarbeiter und Berufsaussteiger berichteten aus dem Inneren der Boombranche.

Ein Reporterteam ist Dutzenden Erfahrungsberichten nachgegangen: In Hamburg sperrt eine Erzieherin einen Fünfjährigen in einen Toilettenraum, ein Kindergartenleiter ohrfeigt einen autistischen Jungen. In Heilbronn traktiert eine ältere Fachkraft ein Kind so, dass es mit Hämatomen nach Hause kommt. Im saarländischen Eppelborn schlägt eine Erzieherin einem Kind auf die Finger, weil es nicht auf ihre Anweisungen hört.

"Schieflage in der Pädagogik"

In Frankfurt schalten die Kitaleiterinnen schließlich die städtische Aufsichtsbehörde ein, weil sie das Wohl der Kinder in ihrer Krippe gefährdet sehen.

"Wir nehmen jedes Kind ernst – mit seinen Wünschen, Gefühlen und Bedürfnissen", mit diesem Versprechen wirbt das Diakonische Werk in Frankfurt für seine "Krabbelstuben". Eltern können dort schon vier Monate alte Babys ganztags unterbringen, "in einer Atmosphäre, die Offenheit und Vertrauen prägt".

Eine gekrümmte Seitenstraße, hier im Norden kann man Frankfurt für ein Dorf halten. Schmutzschlieren ziehen sich über den Putz des Mehrfamilienhauses. Drinnen verbringen gut 30 Kinder einen großen Teil ihrer ersten drei Lebensjahre. Was sie bis Ende 2015 dort erlebten, beschäftigt seit einem halben Jahr das Stadtschulamt Frankfurt als Kita-Aufsichtsbehörde.

Die Fallsammlung, die dem Schulamt vorliegt, dokumentiert trostlose Zustände in der Kinderkrippe. Schon im Oktober 2014 alarmiert die Leitung der Krippe das Diakonische Werk: "Die Krabbelstube bietet aktuell für die Kinder leider nur eine Aufbewahrungssituation." Es folgen regelmäßige Meldungen, was alles schlecht läuft: Mitarbeiterinnen lassen Kinder im Schlafraum allein, obwohl es drinnen stockfinster ist und die Jüngsten die Tür nicht alleine öffnen können, wenn sie Angst bekommen. Erzieherinnen sprechen Kleinkinder schroff an, Windeln werden so selten gewechselt, dass Kinder wund werden und beim Wickeln vor Schmerzen weinen. "DAS ist Kindeswohlgefährdung", warnt die Leitung den evangelischen Träger, "so unprofessionelle Arbeit mit den Kindern" habe sie nie zuvor erlebt. So geht es über Monate, ohne dass sich viel ändert.

ZEIT ONLINE hat der Diakonie und dem Bildungsdezernat der Stadt Frankfurt eine Liste mit Fragen zu den beschriebenen Vorfällen geschickt. Der Leiter des Diakonischen Werks, Michael Frase, lädt daraufhin zum Gespräch. Ein nüchterner Konferenzraum im dritten Stock eines Bürogebäudes, 400 Meter vom Mainufer entfernt. Auf diesem Flur arbeitet die Abteilung Personalgewinnung der Diakonie. Wie anderen Kita-Anbietern fehlen dem evangelischen Träger talentierte Fachkräfte für seine 31 Kinderkrippen, die er seit 2003 in kurzen Abständen eröffnet hat. Mehr als 1.000 der 5.000 neuen Krippenplätze in Frankfurt hat die Diakonie geschaffen und dafür auch Kita-Mitarbeiterinnen aus Ungarn angeworben.

Michael Frase trägt Sakko und eine feine Metallbrille. Man könnte ihn für einen Betriebswirt halten, aber die Visitenkarte weist ihn als Pfarrer mit Doktortitel aus. Der Theologe spricht gereizt. Die Anfrage berühre interne Vorwürfe, deshalb könne die Diakonie sich nicht zu allen Punkten äußern. Frase verdächtigt ehemalige Angestellte, die Vorwürfe öffentlich gemacht zu haben. Und er droht: Die Diakonie prüfe rechtliche Schritte gegen sie.

Offenheit versprechen, aber die Jagd eröffnen, wenn Missstände publik werden. So läuft es immer wieder, wenn Konflikte aus Kitas nach außen dringen: Wer Mängel offenlegt, bekommt Ärger.

Der Diakoniechef verteidigt das Krisenmanagement. "In allen Fällen können wir dokumentieren, dass wir sofort gehandelt haben." Die Diakonie habe das Kinderschutzkonzept der Stadt Frankfurt "in allen Fragen der Kindeswohlgefährdung komplett angewendet".

Offenbar war die Diakonie selbst unzufrieden mit der Situation in der Krabbelstube. Von einer "Schieflage in der Pädagogik" spricht Ursula Renkewitz. Sie ist als Bereichsleiterin für 13 Krippen der Diakonie zuständig. Auf den stockfinsteren Schlafraum habe man sofort reagiert. Eine Fachberaterin habe die Einrichtung unterstützt, die damaligen Leiterinnen bekamen ein Coaching. Inzwischen hätten sie allerdings gekündigt. Unter der neuen Führung laufe die Einrichtung "stabil".

Nach dem Vorfall mit dem herumgezerrten Kind schickt die Diakonie eine förmliche Meldung wegen des Verdachts einer Kindeswohlgefährdung an die Aufsichtsbehörde. Sie schaltet sogar den Kinderschutzbund ein, das Stadtschulamt habe den Fall "vertieft geprüft". Diese Prüfung habe eindeutig ergeben, dass der Umgang mit dem Kleinkind keine Kindeswohlgefährdung war. So schildert es Ursula Renkewitz.

Im Frankfurter Kinderschutzkonzept steht unter "vertiefte Prüfung": "Zwingend erforderlich ist in jedem Fall die Information der betroffenen Eltern". Doch die Diakonie informiert die Familie nicht. Die Kita-Leitung, der Träger, die Aufsichtsbehörde und der Kinderschutzbund – alle erfahren von dem Vorfall. Nicht aber die Eltern des betroffenen Kleinkindes. Mit dem Verdacht der Kindeswohlgefährdung müsse man "sehr sensibel" umgehen, sagt Diakoniechef Frase: "Wie soll ein solcher Vorwurf wieder eingefangen werden, wenn er sich als falsch erweist?"

Der Bildungsbehörde in Frankfurt liegen seit Monaten die Hinweise zur Situation in der Krabbelstube vor. Eine Auskunft dazu lehnt das Amt jedoch ab. In einem laufenden Prüfverfahren sei das rechtlich unmöglich, behauptet eine Sprecherin.

Glückspiel Kita-Wahl

Wer sein Kind in einem Kindergarten anmeldet, lässt sich auf ein Glücksspiel ein. Den Eltern wird vorgegaukelt, dass ihr Nachwuchs in jeder Kita bestens versorgt ist. Und Familien wollen der Werbeprosa gerne glauben, mit der Anbieter die Wirklichkeit überblenden.

Doch in vielen Kindertagesstätten sind kleine Kinder nicht besonders gut aufgehoben. Das weiß auch die Bundesregierung. Sie hat schließlich selbst die Nubbek-Studie mitfinanziert, eine Qualitätsanalyse in 550 Kleinkind-Einrichtungen. Die Wissenschaftler bewerteten 2013 nur sechs Prozent aller Kinderkrippen als gut. In fast sieben Prozent der Krippen und 17 Prozent aller altersgemischten Kindergärten fanden sie die Qualität unzureichend.

Anschreien und niederstoßen

Die wenigsten Eltern kennen solche Studien. Sie sehen Fotos von fröhlichen Kindern mit Holzspielzeug, lesen von Waldorfpädagogik und einer warmen und familiären Atmosphäre. So wie Familie B. auf der Website einer Kita in Berlin-Kreuzberg. Raphael B. und seine Frau sind froh, dass sie für ihren Sohn Jonas* einen Platz in der kleinen Kindertagesstätte bekommen. "Wir waren erst sehr glücklich", sagt der Vater.

Ähnlich geht es Amina A.*. Sie ist 19 Jahre alt, als sie ihren Bundesfreiwilligendienst in der Kita beginnt. Amina A. findet die Räume so liebevoll eingerichtet, so warmherzig präsentiert, dass sie glaubt, einen schönen Arbeitsort für ihr Jahr als Bufdi gefunden zu haben. Sieben Monate später bricht sie ihren Dienst dort ab. Sie erträgt nicht länger, wie mit den Kindern umgegangen wird.

Amina A. sagt, sie sei oft allein gewesen in der Gruppe mit den elf kleinen Kindern, die jüngsten ein Jahr alt, die ältesten drei. Eine Kollegin sei häufig krank gewesen, die Gruppenleiterin Karin S.* habe immer wieder Vorwände gesucht, um die Gruppe für kurze oder längere Zeiträume zu verlassen. So wirkt es zumindest auf Amina A., sie fühlt sich im Stich gelassen, genauso wie die Kolleginnen in Frankfurt. Amina A. weiß nichts von dem Ministerpräsidentenbeschluss, sie ahnt nicht, dass es nicht einmal ein Kinderschutzkonzept gibt. Aber sie merkt schnell, dass es schlecht läuft in dieser Kita, die erst so kuschelig wirkte. "Karin war schnell genervt", sagt Amina A. "Sie fing auch an, auf die Kinder loszugehen." Einem kleinen Mädchen habe Karin Essen in den Mund gestopft, obwohl es offensichtlich satt gewesen sei. Das Kind habe daraufhin würgen müssen. Die Erzieherin habe Kinder aus nichtigen Gründen angeschrien und zu Boden gestoßen. Amina A. spricht sie darauf an. Karin S. habe Fehler eingestanden, erzählt sie, sogar geweint. "Aber ich habe bald gemerkt, es wird sich nichts ändern."

Kind vergessen

Die B.s haben ihren Sohn inzwischen abgemeldet. Der Vater erinnert sich, wie es begann. Karin S. habe sie angerufen. "Es täte ihnen sehr leid, aber sie hätten unser Kind vergessen." Die Eltern sind irritiert. Was wirklich passiert ist, begreifen sie erst nach mehreren Gesprächen.

Die Kinder der Gruppe sollten sich anziehen, ein Spaziergang zum Spielplatz stand an. Draußen war es kalt, deshalb dauerte es, bis das kleine Rudel startklar war. Jonas schnalzte in der Garderobe mit der Zunge vor sich hin. Das nervte Karin S. offenbar.

Als Strafe habe sie den Jungen zurück in den Gruppenraum gebracht und die Tür geschlossen. So rekonstruieren die Eltern das Geschehen. Auf dem Spielplatz bemerkte eine Kollegin: Ein Kind fehlt. Da sei Karin S. zur Kita zurückgerannt. Mindestens 15 bis 20 Minuten blieb Jonas demnach allein in dem Gruppenraum, saß dort heulend am Tisch.

Geschäftsführer der kleinen Kita ist der Mann der Leiterin. Er bestreitet einen Teil der Vorwürfe. Jonas sei nicht im Gruppenraum, sondern in der Garderobe vergessen worden und höchstens zehn Minuten allein gewesen. Man habe die Eltern sofort informiert, für den Vater sei die Sache "ausdrücklich erledigt" gewesen. Die Kitaleitung wisse nichts von Vorwürfen, dass Kindern Essen in den Mund gestopft worden sei oder dass Karin S. sie zu Boden gestoßen habe. Raphael B. hingegen sagt, Karin S. habe in einem Gespräch zwischen ihnen, der Erzieherin und der Kitaleitung eingestanden, dass sie die Kinder zu grob anfasse und Besserung gelobt.

So läuft es meistens. Vorwürfe werden erhoben und abgestritten, niemand hat Beweise, und die Kinder selbst können sich nicht klar genug äußern. Viele Eltern scheuen Konfrontationen mit der Kitaleitung und den Aufsichtsbehörden. Sie fürchten, dass ihre Kinder noch mehr leiden, wenn die Eltern als Querulanten gelten. Lieber suchen sie sich still eine neue Kita.

Meldepflicht

Dabei müssen die Eltern die Behörde gar nicht selbst einschalten. Die Träger der Kitas sind verpflichtet, gravierende Zwischenfälle von sich aus zu melden – zum Beispiel wenn Kinder vergessen werden. Der Kreuzberger Kitageschäftsführer drückt sich an diesem Punkt unklar aus. Mal schreibt er, mit den Vorwürfen konfrontiert, er habe die Berliner Kitaaufsicht wegen des vergessenen Jungens "per Mail kontaktiert". An anderer Stelle jedoch gibt er zu, es habe keine konkrete Meldung gegeben, sie sei seiner Ansicht nach nicht erforderlich gewesen, "da das Versehen mit den Betroffenen vollständig geklärt werden konnte".

Doch nach dem Bundeskinderschutzgesetz ist es egal, ob sich die Eltern beschweren oder ob irgendetwas mit ihnen "geklärt werden konnte". Die Kitas sind in der Pflicht. Auf die Frage, ob dieser Fall meldepflichtig war, antwortet die Berliner Kitaaufsicht knapp: "Ja." Es seien jedoch keine Hinweise auf "kindeswohlgefährdende Situationen" eingegangen, schreibt der Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung.

So schieben sie die Verantwortung hin und her. Kita-Mitarbeiter, Träger und Behörden – jeder sieht die Schuld für Missstände beim jeweils anderen.

Hinter den vielen kleinen Konflikten verbirgt sich ein großes Strukturproblem. Seit Ursula von der Leyen als Bundesfamilienministerin den Kita-Ausbau anstieß, boomt die Branche: 2014 gaben Bund, Länder und Kommunen fast 23 Milliarden Euro für Kitas aus – mehr als doppelt so viel Geld wie acht Jahre zuvor. 6.335 neue Kindertagesstätten entstanden, rund 170.000 zusätzliche Mitarbeiter nahmen die Arbeit auf.

Doch die Wachstumsbranche wird zu wenig gelenkt und kontrolliert. Jedes Bundesland legt seine eigenen Regeln fest: Der Personalschlüssel für eine Kita-Gruppe in Rostock lässt sich nicht mit dem in Rosenheim vergleichen, der Ausbildungsstand der Mitarbeiter variiert von einem Land zum nächsten. Überall wachen andere Aufsichtsbehörden über die Kindertagesstätten, einige von ihnen führen Beschwerdestatistiken, andere nicht. Deshalb weiß niemand, wie oft es Kita-Kindern so ergeht wie Jonas B. in Berlin-Kreuzberg.   

"Die Politik schaut weg"

"Die Politik schaut weg", sagt Ilse Wehrmann. Sie war jahrzehntelang Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder. Heute arbeitet sie als Sachverständige für Frühpädagogik und sitzt im Expertenteam des Zukunftsdialogs der Bundeskanzlerin. "Man hat dort das Gefühl, seit der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz erfüllt ist, ist alles paletti – aber nichts ist paletti."

Nötig sei ein Kindergarten-TÜV, der nicht nur die Breite von Türen und die Quadratmeter des Außengeländes misst, sondern auf die Art der pädagogischen Arbeit achtet. "Das muss ein Chefthema in der Bundesregierung werden." Auch die Autoren der Nubbek-Studie forderten schon vor drei Jahren eine unabhängige, bundesweite Qualitätskontrolle und genauso große Investitionen in die Qualität, wie sie bisher in den flächendeckenden Ausbau der Kitaplätze gesteckt wurden.

Ein Bundesgesetz zur Kita-Qualität könnte einheitliche Mindeststandards für den Personalschlüssel und die pädagogische Arbeit mit den Kindern festlegen. Es würde die entscheidende Frage verbindlich beantworten: Wie muss eine Kita aufgestellt sein, damit sie wenigstens die Grundbedürfnisse eines Kindes befriedigt?

Doch die Politik streitet um Geld und Macht. Denn bessere Standards kosten Milliarden. Nach Berechnung der Bertelsmann-Stiftung wären zusätzliche 4,8 Milliarden Euro nötig, wollte man die Kitas angemessen mit Personal ausstatten. Die Bundesländer fürchten diese immensen Kosten, sie verlangen Geld vom Bund. Ihre Hoheit über dieses Aufgabenfeld wollen sie aber behalten. Bundesfamilienministerin Schwesig wiederum wünscht sich einheitliche Standards. Dann erst könne es Geld vom Bund geben.

Seit dem einstimmigen Länderboykott im Kanzleramt ruht das Projekt. Zwar soll eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe im Herbst noch einen Zwischenbericht vorlegen. Doch dann ist die Legislaturperiode schon fast vorbei.

Notbetrieb mit Leiharbeitern

Die Folgen dieses politischen Patts spüren auch die Franckeschen Stiftungen in Halle. Ihr Kita-Neubau liegt mitten in einer historischen Schulstadt, ein hügeliger Garten mit Apfel- und Walnussbäumen lädt ein zum Toben, Klettern und Schaukeln. Die Stiftungen sind eine pädagogische Instanz mit 300 Jahre alter Tradition. Sie betreiben Kindergärten und ein Familienzentrum, auf ihrem Gelände hat das Institut für Pädagogik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg seinen Sitz, auch das Deutsche Jugendinstitut ist vertreten. Die Stiftung arbeitet mit dem Anspruch, in ihrem "lebendigen kulturellen Bildungskosmos" pädagogische Maßstäbe zu setzen.

Betreuungsschlüssel in Kitas

Sieben Bundesländer schaffen nicht den empfohlenen Schlüssel von max. vier Kindern* pro Betreuer (rot markiert)

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Acht Monate nach dem Ministerpräsidentenbeschluss legen Eltern einer der Francke-Kitas in Halle ein Protokoll an. Es zeichnet nach, in welchem Ausnahmezustand die Mütter und Väter ihre Kleinkinder dort immer wieder zurücklassen.

Ein Montagmorgen im August 2015, 9:30 Uhr, eine Aushilfe ohne Erzieherabschluss versorgt alleine 17 Mädchen und Jungen der Krippengruppe, während eine Auszubildende auf dem Flur einem Kleinkind hinterhereilt. Zwei Wochen später, 8:45 Uhr: Eine Springerin kümmert sich auf dem Spielplatz alleine um 18 Krippenkinder, einige schreien seit Minuten, die Kollegin wechselt drinnen Bettwäsche. Wieder zwei Wochen später, 9:20 Uhr: Eine Fachkraft betreut alleine 20 Krippenkinder, die Aushilfe wickelt im benachbarten Bad.

Das Personal reicht zuweilen nur für einen Notbetrieb. Aushilfen von Zeitarbeitsfirmen bleiben mit Gruppen allein.

Im Sommer 2015 bezweifeln Elternvertreter schließlich, dass ihre Kita überhaupt noch die Aufsichtspflicht erfüllt. Denn keine Erzieherin kann zehn Kleinkinder oder mehr gleichzeitig herumtragen, an der Hand führen, auf den Schoß nehmen, füttern, umziehen, trösten. Sie schalten das Jugendamt ein. Die Behörde rügt, dass Aushilfen alleine auf Kita-Gruppen aufpassten, kommt aber zum Ergebnis: Die Aufsichtspflicht sei nicht verletzt worden, solche Ausnahmezustände seien letztlich alltäglich. "Aufgrund des knapp bemessenen Personalschlüssels kann es, nach unserer Einschätzung, in jedem Kita-Team zu ähnlichen Krisensituationen kommen". Eine Bankrotterklärung mit Behördenstempel.

Wenn die Rahmenbedingungen schlecht sind, können die Anbieter an ihren Ansprüchen nur scheitern. Und Sachsen-Anhalt begnügt sich mit besonders schlechten Kita-Standards: Ein zu niedriger Personalschlüssel, dazu ein zunehmender Fachkräftemangel – sie stünden vor schwer lösbaren Problemen, bedauern die Franckeschen Stiftungen in einer ausführlichen Stellungnahme für ZEIT ONLINE. Man sehe selbst "dringenden Handlungsbedarf".

Das Problem mit dem Personalschlüssel ist nicht nur, dass er zu gering ist, sondern auch, dass er de facto noch weiter unterschritten werden kann: Die Zahl der Erzieher in einer Kita muss nicht jeden Tag den gesetzlichen Vorgaben entsprechen oder wenigstens jede Woche, sondern nur im Jahresdurchschnitt. Fehlzeiten wegen Urlaub, Krankheit oder Fortbildungen werden in die Rechnung nicht einbezogen. Darauf beruft sich auch das Jugendamt der Stadt Halle. Es schreibt: Der gesetzliche Schlüssel könne durchaus von der "erlebten Betreuungssituation" abweichen.

Erzieherinnen aus mehreren Bundesländern haben ZEIT ONLINE ähnliche Erfahrungen mit extremer Personalnot geschildert. Einige haben ihren Beruf aufgegeben, weil sie es nicht mehr ertrugen, Kita-Kinder stundenlang "durchweinen" zu lassen. Auf strengere Qualitätsstandards wollten sie nicht mehr warten.

Aber was zählt für Kinder, wenn nicht das, was sie sehen und spüren – also die "erlebte Betreuungssituation"? Wenn Kinder schlecht versorgt sind, erleben sie traurige Tage. Die Kinder haben keine Wahl; und dem Gesetzgeber genügt es, wenn sie aufs Jahr gerechnet irgendwann getröstet werden.

*Name geändert

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Lesen Sie in der ZEIT Nr. 28 vom 30.06.2016 den Schwerpunkt im Chancen-Ressort: "Kitas im Chaos – Eine Umfrage enthüllt, wie schlecht die Qualität vieler Einrichtungen ist." Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.