Raffauf: Da muss man unterscheiden. Wenn ein Jugendlicher erzählt, in der Schule hätte einer, der immer gehänselt wird, von einem Amokläufer geschwärmt und gesagt: "Bald zeig ich es euch allen", sollte man schon aufmerksam werden und mit den Lehrern reden, was das bedeuten kann. Denn viele Schulattentäter haben vorher Andeutungen gemacht und keiner hat es ernst genommen.

Wenn das eigene Kind im Teenageralter einen Amokläufer cool findet, sollte man nicht sofort sagen: Was redest du da für einen Blödsinn, sondern nachfragen: Wie meinst du das? Es kann sich herausstellen, dass er nur seine Angst nicht zugeben will und sich hinter einem coolen Spruch verschanzt. Ansonsten sollte man tiefer ins Gespräch gehen. Herausfinden, ob er sich vielleicht einsam fühlt, gemobbt wird, oder auf andere Weise unglücklich ist. Und sich im Zweifel professionelle Hilfe suchen.

Kleine Kinder spielen eine grausame Tat manchmal nach. Indem sie sich mit dem Angreifer identifizieren, fühlen sie sich nicht mehr so schwach. In diesen Fällen kann man davon ausgehen, dass das Spiel eine Bewältigungsstrategie ist, also völlig harmlos. Trotzdem können Eltern natürlich mit ihnen darüber sprechen.

ZEIT ONLINE: Und wenn ein Kind große Angst hat? Wie kann man ihm Sicherheit geben?

Raffauf: Ein sicheres Gefühl lässt sich vor allem über Personen herstellen. Mama und Papa beschützen dich. Aber draußen in der Welt gibt es ebenfalls Menschen, bei denen du dich sicher fühlen kannst. Denn auch Lehrer, Fußballtrainer, die Mütter und Väter der Freunde können Geborgenheit vermitteln.

ZEIT ONLINE: Sollten Lehrer Terror- und Amokattentate in der Schule zum Thema machen? Und wie können sie mit Schülern über die Motive der Täter reden? Ohne Nachahmer zu motivieren?

Raffauf: Es wäre gut, wenn Lehrer mit Schülern im Unterricht über die Angst, aber auch über mögliche Ursachen reden: über psychische Störungen, Mobbing, über Islamismus oder Fremdenfeindlichkeit. Und was dagegen helfen kann, ohne jemanden zu stigmatisieren. Sie sollten darüber hinaus immer eine Nische öffnen für Schüler, die in Not sind. Ihnen signalisieren, dass sie auch anonym über Probleme reden können – etwa mit einem geschulten Vertrauenslehrer. Und zeigen, dass sie nicht allein sind, dass es anderen ähnlich geht und dass es ganz normal ist, darüber zu sprechen.

In den meisten Schulen gibt es inzwischen Amokschutzprogramme. Denn wenn Lehrer vorbereitet sind, könnten sie in den vielen Stationen vor einem Amoklauf noch einen Kontakt zum potentiellen Täter bekommen. Der Täter in München hatte seinen Angriff auch ein Jahr lang geplant.