Jedes Jahr erscheinen Statistiken, die zeigen, dass jedes fünfte Kind in Deutschland arm oder von Armut bedroht ist – und dass jedes siebte Kind von Hartz-IV-Leistungen lebt. Mal verschiebt sich die Zahl ein bisschen nach unten, mal ein bisschen nach oben, regional ist sie meist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Doch das Grundproblem bleibt immer bestehen. Nur eine Zahl hat sich deutlich verändert: die der Kinder von Alleinerziehenden, die betroffen sind. Ihr Armutsrisiko ist in den vergangenen zehn Jahren um knapp sieben Prozent gestiegen, wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt. Bei Paarfamilien sank das Armutsrisiko dagegen in derselben Zeitspanne um knapp 12 Prozent. "Kinderarmut ist ganz wesentlich auf die Armut von Alleinerziehenden zurückzuführen", sagt Stiftungsvorstand Jörg Dräger.

Das größte Problem seien die Unterhaltszahlungen: Bei drei von vier Kindern komme gar kein oder nur ein geringer Unterhalt an. Die Hälfte aller Alleinerziehenden bekomme gar keinen Unterhalt. Die Studie zeigt, dass die meisten Kinder bei der Mutter leben – nämlich 89 Prozent – und dass diese häufig arbeitet und gut ausgebildet ist. Viele Mütter arbeiten in Teilzeit, um Arbeit und Familie managen zu können. 29,5 Stunden kämen laut Studie durchschnittlich in der Woche zusammen. Das Einkommen reicht oft nicht, um den eigenen Unterhalt und den der Kinder zu decken. Mehr als die Hälfte der Alleinerziehenden ist daher auf Sozialleistungen angewiesen.

Dazu zählt etwa ein Unterhaltsvorschuss, wenn der Partner nicht zahlt. Er kann für maximal sechs Jahre beantragt werden. Allerdings nur, wenn das Kind noch keine 12 Jahre alt ist. Das gehe an der Lebensrealität der Betroffenen vorbei, kritisiert Dräger. "Alle Kinder haben, unabhängig vom Alter und Trennungszeitpunkt ihrer Eltern, Bedarfe, die gedeckt werden müssen."

Familienpolitik verringert Armutsrisiko

Die Bundesregierung hat eine Reihe von Familienleistungen zusammengestellt, um das Armutsrisiko zu senken. Diese seien durchaus erfolgreich, wertet das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), das die Verteilungswirkung von Maßnahmen wie beispielsweise dem Ehegattensplitting, Elterngeld, Kinderzuschlag und Kindergeld untersucht hat. Ergebnis: Ohne diese Steuer- und Transferleistungen läge das Armutsrisiko in Deutschland bei 18,3 statt 15,2 Prozent und bei der Kinderarmut ergäbe sich sogar ein Wert von 33,8 statt 18,3 Prozent.

Die Familienpolitik leiste also einen Beitrag zur Verringerung des Armutsrisikos. Aber: Die Maßnahmen stärkten vor allem reichere Familien – durch steuerliche Vorteile. Eltern aus den untersten Einkommensschichten erhalten oft über die Grundsicherung die gesamten Unterhaltskosten vom Staat, ein zusätzliches Kindergeld gibt es deshalb für sie nicht. 37,6 Prozent der Einelternfamilien erhalten Hartz-IV-Leistungen.

Um die Einkommenssituation von Alleinerziehenden zu verbessern, regt die ZEW-Studie eine Subventionierung der Kinderbetreuung an. Wenig wirksam sei dagegen die von der großen Koalition 2015 beschlossene deutliche Aufstockung des Entlastungsbetrags für Alleinerziehende. Der großzügigere Steuerabzugsbetrag wirke kaum auf das Armutsrisiko, denn davon profitierten nur Einelternfamilien mit einem zu versteuernden Einkommen in nennenswerter Höhe.

Eine Kindergelderhöhung um 100 Euro, die nur auf Alleinerziehende beschränkt sei, werten die Autoren der Studie hingegen als effektiv und prognostizieren: Der Anteil der armutsgefährdeten Kinder in diesen Familien ließe sich damit von 41 auf 37 Prozent reduzieren. Allerdings geben sie auch zu bedenken."Diejenigen Leistungen, die nur Haushalten mit geringen Einkommen zugutekommen, reduzieren das Armutsrisiko am effizientesten, schwächen aber die Anreize zur Erwerbstätigkeit. Umgekehrt erreichen Leistungen zur Förderung der Erwerbstätigkeit nicht die am stärksten Bedürftigen."