Bürgerliche Mitte

Frauen aus der bürgerlichen Mitte sind der leistungs- und anpassungsbereite Mainstream. Sie streben nach beruflicher und sozialer Etablierung, nach gesicherten und harmonischen Verhältnissen. Sie arbeiten unter anderem als Tierärztin, Hotelfachfrau, angestellte Juristin, Bankkauffrau oder Erzieherin. Von der zunehmend geforderten Flexibilität im Job fühlen sie sich bedroht. Die Gruppe ist mit 19 Prozent relativ groß.

Bürgerliche Frauen wünschen sich, nach einer guten Ausbildung Vollzeit zu arbeiten, um dann eine Familie zu gründen und für einige Jahre Teilzeit zu arbeiten. Später wollen sie dann wieder mehr arbeiten.

Vollzeiterwerbstätigkeit

Im Alter von 18 bis 40 Jahren

Für diese Frauen gilt sowohl das Rollenvorbild der guten Mutter als auch das der beruflich gut qualifizierten und in der Regel teilzeiterwerbstätigen Frau. Die Anreize des Ehegattensplittings haben in dieser Gruppe die größte Wirkung entfaltet. Frauen in der bürgerlichen Mitte distanzieren sich sowohl von der konsequent traditionellen Rollenteilung als auch von Emanzipation und Feminismus. Sie sehen sich für die Balance und den Zusammenhalt der Familie zuständig, Familie ist für sie ein Schutzraum vor den Zumutungen und Risiken "draußen". Wenn sie vollzeiterwerbstätig wären, könnten sie dieser Hauptaufgabe nicht mehr gerecht werden.

"Ich bin total glücklich mit drei bis vier Tagen Arbeit. Das ist mit Kind ein schönes Arbeiten."

Bürgerliche Frauen sehen Familie als Managementaufgabe und wünschen sich statt des bürokratischen Staats eine Serviceverwaltung, die der einzelnen Mutter, Alleinerziehenden oder der Familie Leistungen aktiv anbietet, maßgeschneidert auf die jeweilige Lebenssituation. Davon erhoffen sie sich mehr Zeit im Alltag und weniger Druck.

Expeditive

Expeditive Frauen gehören zur unkonventionellen kreativen Avantgarde. Sie sind stets auf der Suche nach neuen Grenzen und ihrer Überwindung. Für eigene Projekte opfern sie sich auf, haben eine hohe Anpassungsfähigkeit. Sie sind Gebärdendolmetscherin, freischaffende Künstlerin, Angestellte im Buchhandel oder Übersetzerin. Sie sind sehr unterschiedlich beschäftigt: Von Freiberuflichen mit hoher Belastung und 40-Stunden-Wochen bis hin zu Minijobs oder Teilzeit mit 15 bis 20 Stunden gibt es in diesem Milieu alles. Rund 15 Prozent der Frauen in Deutschland gehören dazu.

Expeditive Frauen suchen nach Balance von Arbeit, Zeit für ihr Kind, für ihre Projekte, für Muße und den Partner. Sie wollen sich in der Arbeit verwirklichen und persönlich weiterentwickeln, aber nicht, dass ihnen der Job sämtliche Energien für die Zeit nach der Arbeit raubt.

"Ich hätte gerne einen Teilzeitjob mit 25 Stunden in der Woche. Zeit ist kostbar. Ich hätte gerne weniger Geld und mehr Zeit."

Obwohl expeditive Frauen sich selbstbewusst von bürgerlichen Konventionen distanzieren, ist die gesellschaftliche Norm der "guten Mutter" bei ihnen sehr präsent. Sie haben den Eindruck, "dass man es als Mutter aus Sicht der Gesellschaft sowieso falsch macht".

"Geht man nicht arbeiten, gilt man als faul und spießbürgerliche Hausfrau; geht man arbeiten, ist man eine Rabenmutter."

Sie fordern deshalb, dass ganz verschiedene Lebensformen vorbehaltlos akzeptiert werden, etwa lange Elternzeit bei Vätern, WGs mit Kindern oder homosexuelle Paare, die ein Kind haben. Die größten Probleme aber sind für sie die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen und die Kosten und Öffnungszeiten der Kitas. Eine 31-jährige Frau sagt: "Ich hätte zwar gern ein Kind, aber ich kann es mir nicht leisten!" Nicht das aktuelle Einkommen ist das Problem, sondern das Einkommen bei fehlender Kinderbetreuung oder zu hohen Betreuungskosten. Die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern in der Gesellschaft halten die Expeditiven für nicht erreicht. 

Benachteiligte

Benachteiligte Frauen sehnen sich nach Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft und suchen Anschluss an die Konsumstandards des Mainstreams. Sie sind etwa Verkäuferin für Textil, Lebensmittel oder Schuhe, Erzieherin, Servicekraft, Hausfrau oder arbeitslose Alleinerziehende. Sie haben wenig Geld und oft eine geringe Bildung, häufig werden sie durch die Bürgerliche Mitte ausgegrenzt. Weil sie geringe Aufstiegsperspektiven haben, resignieren viele dieser Frauen und ziehen sich zurück. 13 Prozent der Frauen ordnet die Studie diesem Milieu zu.

Frauen in diesem Milieu sind auf das Hier und Jetzt fokussiert: Sie möchten ein "Stück vom Kuchen" abbekommen. Etwas für eine künftige Anschaffung sparen oder für das Alter zurücklegen können sie nicht. Die meisten von ihnen haben weniger als 1.500 Euro im Monat zur Verfügung.

Deshalb wünschen sie sich in erster Linie mehr Geld. In keinem anderen Milieu ist der Anteil der Familienernährerinnen und der Alleinerziehenden so hoch wie bei den Benachteiligten. Nur wenige sind als Hausfrau nicht erwerbstätig. Auch Frauen in einer Partnerschaft sagen, dass sie die Verantwortung für Einkommen und Haushalt, für die Erziehung der Kinder, den Kontakt mit Schulen, Ärzten und Behörden tragen. Sie fühlen sich häufig alleingelassen: von ihrem Partner, von der Gesellschaft und dem Staat.

"Ich arbeite auf Mindestlohn und renne wie eine Bekloppte. Als ich noch Hartz IV bekommen habe, da ging es mir besser."

Obwohl die Frau oft das Haupteinkommen hat, wird dies nach außen und innen tabuisiert: Der Mann gilt als das Oberhaupt der Familie. Benachteiligte Frauen erleben keinen Fortschritt in Sachen Gleichstellung. Im Gegenteil hätte sich die Situation von Frauen in den letzten Jahren und Jahrzehnten sogar verschlechtert, sagen die Befragten. Waren Frauen früher sicher versorgt und mussten sich "nur" um den Haushalt und die Kinder kümmern, müssen sie heute auch noch die Familie finanzieren.

Benachteiligte Frauen würden gern mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und weniger arbeiten. Das aber können sie sich nicht leisten. Weil sie in Schichten und am Wochenende arbeiten müssen, wünschen sie sich eine flexiblere und vor allem kostenlose Kitabetreuung.

Hedonisten

Hedonistische Frauen sind Teil der spaß- und erlebnisorientierten modernen Unterschicht und unteren Mittelschicht: Sie leben im Hier und Jetzt, verweigern sich der Leistungsgesellschaft. Sie sehen sich als unangepasste und freie Menschen, die tun wollen, wozu sie Lust haben. Sie arbeiten als Bloggerin, kaufmännische Angestellte, Kellnerin, Kfz-Mechatronikerin, Kurierfahrerin, Erzieherin oder Friseurin. Sie machen zwölf Prozent der Frauen aus.

"Der Job ist dazu da, um Geld für die Freizeitaktivitäten zu verdienen."

Kinderlose Hedonistinnen spüren weder einen Mangel an Freizeit noch an Geld, weil sie mit wenig auskommen. Typisch sind Jobs mit einer Wochenarbeitszeit von 25 bis 39 Stunden.

Doch die Geburt eines Kindes ändert für Hedonistinnen alles. Die Frauen leiden unter dem Verlust von Freiheiten und dem höheren finanziellen Druck. Der Anteil der Alleinerziehenden in diesem Milieu ist hoch, einige wurden vom Vater ihres Kindes verlassen, andere trennten sich selbst von ihrem Partner, weil dieser in eine traditionell-chauvinistische Rolle fiel, berichtet die Studie. Einige würden gern ein Jahr oder zwei zu Hause bleiben, doch das ist finanziell meistens nicht machbar. Ein Teil der Frauen will unbedingt finanziell unabhängig bleiben, auch für den Fall einer Trennung. Andere wollen, dass beide Partner zu gleichen Teilen arbeiten und sich auch die Mutter- und Vaterrolle teilen. Ein weiterer Teil hätte hingegen kein Problem damit, ganz zu Hause zu bleiben – vorausgesetzt, der Partner verdient genug.

"Ich habe viele Freundinnen, die schon seit drei Jahren nicht arbeiten. Die haben genug Geld und können sich komplett um die Kinder kümmern. Wenn es sich ergeben würde, dass mein Partner sich um das Finanzielle kümmert, fände ich es super, Hausfrau zu sein. Das ist zwar altmodisch, aber das ist ja jedem freigestellt."

Den Aufruf aus der Politik an Frauen, arbeiten zu gehen, deuten sie als Eigeninteresse der Wirtschaft und sehen kaum den Nutzen für sich selbst. Wenn sie erwerbstätig sind, erwarten sie dafür staatliche Dankbarkeit und Gegenleistungen wie kostenfreie Kinderbetreuung.