Gerade ist Era 18 geworden, endlich erwachsen. Die Freiheit, die zur Volljährigkeit gehört, hat sie sich schon jedoch schon lange vorher erkämpft. Vor anderthalb Jahren ist die junge Frau, die eigentlich anders heißt, vor ihrer Familie geflohen, und vor ihrem Verlobten, einem 30 Jahre älteren Onkel.

Era stammt aus einer kleinen deutschen Stadt, wo das Wort "Zwangsheirat" mehr nach Fernsehkrimi klingt als nach etwas, das in der Nachbarschaft passiert. Auch für Era. Sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat die serbische Staatsbürgerschaft. Den Kosovo, das Heimatland ihrer Mutter, kennt sie kaum.

Vor ihrer Reise im Sommer vor zwei Jahren ahnte sie nichts. Auch im Kosovo angekommen, wollte die damals 15-Jährige nicht wahrhaben, was mit ihr passierte. Bruchstückhaft erzählt sie: Eine Tante färbte ihr die Haare. Männer seien ins Haus gekommen, brachten Geschenke. Era sollte sie bedienen. Unter den Gästen ein Onkel Mitte Vierzig. Bei der Verlobung sagte sie "nein", aber das zählte nicht. Der Onkel wollte sie heiraten. "Meine Familie hat zugestimmt und mich vergeben", sagt Era.

Narben auf den Beinen

Später war sie allein mit dem fremden Mann. Sie erzählt von den Narben auf ihren Beinen, die von seinen glühenden Zigaretten stammen. Und von ihrer Mutter, die im Nebenzimmer war und die Schreie ihrer Tochter hören musste, aber nichts tat.

Era sollte im Kosovo bei ihrem Verlobten bleiben, aber schließlich überredete sie ihre Familie, in Deutschland die zehnte Klasse beenden zu dürfen. Zurück zu Hause in der kleinen Stadt versuchte sie, alles zu verdrängen, erzählt sie. Doch die Angst blieb. Um die Weihnachtszeit 2014 brach Era zusammen und kam ins Krankenhaus. Als sie entlassen wurde, sperrte ihre Mutter sie in der Wohnung ein und begann, die Sachen der 16-Jährigen zusammenzupacken. Als die Mutter beim Müllrausbringen vergaß, die Tür abzuschließen, traf Era eine Entscheidung. "Ich bin einfach losgelaufen, so schnell ich konnte."

Für mehrere Wochen kam sie beim Jugendnotdienst unter. Dort erzählte sie nur, dass sie Angst vor ihrer Familie habe. Wie viele junge Frauen in einer solchen Situation hielt sie den Rest geheim – aus Scham und, um die Familie trotz allem zu schützen. Nach und nach aber vertraute sie sich einer Freundin an, die eine Lehrerin von Era informierte. Noch am selben Tag, an dem diese den Mitarbeitern des Jugendnotdienstes von der drohenden Heirat berichtete, brachten sie Era mit ihrem Einverständnis nach Berlin – zu Papatya, einer anonymen Kriseneinrichtung für Mädchen mit Migrationshintergrund.

"Ich dachte immer, ich bin die einzige auf der Welt mit diesem Problem", erzählt Era. Bei Papatya aber erfuhr sie, dass das nicht so ist. Fast drei Monate blieb sie dort, an einer geheimen Adresse, ohne Schule und Kontakt zur Familie. Sie lernte andere Mädchen kennen, die waren wie sie. Mädchen, die Angst hatten, weil sie keine Jungfrauen mehr waren, weil sie einen deutschen Freund hatten oder weil ihnen eine Zwangsheirat drohte. Eine junge Frau, die Era dort kennen lernte, wurde später von ihren Brüdern umgebracht. Era erfuhr in den Nachrichten davon.

Das Bundesinnenministerium geht davon aus, dass derzeit fast 1.500 Minderjährige in Deutschland leben, die im Ausland verheiratet wurden. Der Anstieg der Zahlen wird auf die Einwanderung von Flüchtlingen zurückgeführt, eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe arbeitet gerade an einer Änderung des Eherechts, den sie in den nächsten Wochen vorlegen will. Aber das Problem war schon vorher da.