Das Blatt mit der Randnummer 149 ist ein unscheinbares Dokument. Eine geschäftliche E-Mail, ausgedruckt auf weißem Papier. Die Mail schließt mit "Besten Grüßen". Doch nichts an diesem Schreiben ist Bestens. Im Gegenteil.

Die E-Mail stammt aus einer Akte der Berliner Kitaaufsicht. Die Behörde residiert im fünften Stock eines mächtigen Bürogebäudes in einer Seitenstraße hinter dem Alexanderplatz. Hier verwalten die Beamten das Wohl von mehr als 150.000 Kindern in der Hauptstadt. Zentimeterdick stapeln sich die Schriftwechsel in den Aktenordnern der Aufseher, dazwischen sind Personallisten abgeheftet, Auszüge aus dem Handelsregister, amtliche Betriebserlaubnisse.

Doch etwas unterscheidet das DIN-A4-Blatt mit der Nummer 149 von anderen Dokumenten in den Papierstapeln. Ein Geheimnis, das die Aufseher vor den Journalisten verborgen haben, denen sie das Papier übergeben mussten. Der Betreff der ausgedruckten E-Mail ist dick mit schwarzer Tinte übermalt, Informationen der Staatsanwaltschaft sind unlesbar gemacht, ebenso Namen und die Vorgeschichte.

Das Dokument Nummer 149 ist Teil eines Systems, in das man mit viel Mühe eindringen muss, um zu verstehen: Die Berliner Behörden versagen bei dem Versuch, die Kinder der Hauptstadt zu schützen. Das zeigt diese Recherche.

Kindertagesstätten sind ein wichtiger Schutzraum und in vielen deutschen Kindergärten leisten Pädagogen wertvolle Arbeit, um die Kleinsten auf ihren ersten Schritten zu begleiten. Doch es gibt Kitas, in denen es Kindern schlecht ergeht. Sie werden angeschrien, am Arm gerissen, geohrfeigt und zum Essen gezwungen. Deshalb braucht es Aufsichtsbehörden, die über die Kitas wachen.

Mehr als 2.000 Kindertagesstätten gibt es in Berlin. Für jede von ihnen haben die Aufseher der Hauptstadt eine gesonderte Einrichtungsakte angelegt. Darin haben sie chronologisch abgeheftet, was in der Kita vorfällt und wie das Amt darauf reagiert. ZEIT ONLINE hat in den vergangenen Monaten mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes bei der Senatsverwaltung für Bildung beantragt, fünf dieser Akten einsehen zu können. Insgesamt knapp 1.400 Seiten wurden ausgewertet.

In allen fünf Kitas hatten Eltern gravierende Missstände bemängelt. Eine Einrichtung lief mangels Personals nur noch im Notbetrieb. In einer anderen Kita blieb ein kleiner Junge allein im Gebäude zurück, während seine Gruppe zum Spielplatz um die Ecke ging. Eine Erzieherin soll ein Mädchen so lange mit Essen vollgestopft haben, bis das Kind würgen musste. In all diesen Fällen hatten sich die Eltern hilfesuchend an die Aufsichtsstelle gewandt.

Über die Arbeit der Kitaaufseher dringt bisher kaum etwas nach draußen, weder in Berlin noch irgendwo sonst in der Republik. Dabei hat die Bedeutung der Beamten stark zugenommen, seit der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz gilt und die Branche stetig wächst. Seit dem Jahr 2006 ist die Zahl der Kitaplätze in Deutschland um eine halbe Million gestiegen. 6.335 neue Einrichtungen sind entstanden, rund 170.000 zusätzliche pädagogische Mitarbeiter nahmen die Arbeit auf. Trotzdem gelingt es Kommunen vielerorts nur mit Mühe, überhaupt genügend Kitaplätze zu schaffen. Das geht oft auf Kosten der Qualität.

Umso wichtiger werden staatliche Stellen, die Kinder schützen und skrupellose Unternehmen sanktionieren. Doch, so zeigen es die Berliner Akten: Auf das Kontrollsystem ist kein Verlass.

Schon um die Persönlichkeitsrechte von Kindern, Müttern, Vätern und Pädagogen, die in ihren Dokumenten vorkommen, scheint die Berliner Verwaltung nicht sonderlich bemüht. Man kann allerhand Namen nachlesen, die vor der Herausgabe der Akten an Journalisten eigentlich hätten geschwärzt werden müssen. Ganz anders ist das beim Blatt mit der Randnummer 149. Die Aufseher haben mehrere Passagen daraus sorgsam unlesbar gemacht.

Unter den Schwärzungen sollte ein Vorfall verschwinden, der die Aufsichtsstelle eigentlich hätte alarmieren müssen. Immer wieder hatten sich wütende Eltern einer Kita bei der Behörde gemeldet. Ein Vater klagte, er schreibe "in großer Not". Seit Monaten seien "die Voraussetzungen für den Betrieb der Einrichtung" nicht mehr erfüllt. Es gebe keine pädagogische Konzeption, das Personal sei ungeeignet, die Aufsichtspflicht werde verletzt. "Massive Beschwerden der Elternschaft", notierte eine Beamtin anschließend in der Akte: "Das Bildungs- und Erziehungsprogramm wird aufgrund des Personalmangels seit Monaten nicht umgesetzt."

Tatsächlich liefen der Kita zu jener Zeit die Erzieher weg, sie bot nur noch eine Notversorgung an, der Betreiber verschob einen Teil der Kinder zeitweise in eine andere Einrichtung. Im Mai 2016 teilte der Betreiber den Eltern schließlich mit, er wolle die Kita ganz loswerden. Kurz darauf erreichte die Kitaaufsicht eine weitere Botschaft. Diesmal war es der Betreiber selbst, der die schlechten Nachrichten überbrachte. Auch sie stehen auf jenem Blatt 149 mit den vielen Schwärzungen.

Im April 2016 hatte der Betreiber der Einrichtung einen neuen "Erzieherhelfer" eingesetzt – obwohl der Mann kein aktuelles, erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt hatte. Ohne diesen Nachweis darf aber niemand in einer Kita arbeiten, so steht es im Sozialgesetzbuch. Die Regelung soll verhindern, dass einschlägig vorbestrafte Menschen ihr Geld in Kitas verdienen.