Eine Grundsatzakte kann wichtige statistische Informationen enthalten. Viele Anbieter betreiben mehrere Kitas. Nur in einer Querschnittsanalyse fällt beispielsweise auf, wenn sich Beschwerden bei einem Unternehmen häufen. Die Berliner Kitaaufsicht führt jedoch keine Beschwerdestatistik. "Der Erkenntniswert einer statistischen Erfassung der eingehenden Beschwerdefälle ist für uns zu gering, als dass er den damit verbundenen Erhebungsaufwand rechtfertigen würde", argumentiert der Behördensprecher. Es gehe vielmehr darum, für einzelne Kitas individuelle Lösungswege zu finden. Eine Statistik habe da nur "sehr begrenzten Nährwert".

Mit diesem Argument könnte man auch die Kriminalitätsstatistik abschaffen. Denn natürlich muss jedes Haus individuell vor Einbruch geschützt werden. Trotzdem zeigt erst eine solche Statistik der Polizei, in welcher Gegend sich Einbrüche häufen und wo es deshalb vielleicht sinnvoll wäre, mehr Beamte auf die Straße zu schicken.

Deshalb dokumentieren die Kitaaufseher in Baden-Württemberg oder im Saarland auch alle relevanten Meldungen über Missstände in ihren Kitas und klassifizieren sie. Die Stuttgarter Aufsichtsbehörde sucht außerdem nach Mustern hinter Übergriffen, um systematisch gegensteuern zu können.

Doch als ZEIT ONLINE im Mai 2016 über das Informationsfreiheitsgesetz auch Einsicht in die Grundsatzakte der Berliner Aufseher beantragte, kam eine erstaunliche Antwort zurück. Die Behörde schrieb: "Eine Grundsatzakte der Kitaaufsicht gibt es nicht."

Viele Missstände

Jene Akten hingegen, die sich im Behördendschungel finden lassen, belegen eine erschreckende Wurstigkeit. Ein Beispiel aus dem Stadtteil Kreuzberg: Dort hatte die Behörde eine Kita im Blick, in der es immer wieder Schwierigkeiten gab. Schon 2009 forderte die zuständige Beamtin den privaten Betreiber auf, er müsse die Toiletten kindgerecht nachrüsten und einen Wickelplatz für Kleinkinder einrichten. Ende 2014 rügte die Aufsicht, eine Kitagruppe habe zwar zwei Räume, einer davon werde aber "überwiegend als Schlafraum" genutzt, die Kinder hätten ihn also nicht zum Spielen zur Verfügung. Anmerkung in der Akte: "Deshalb gab es auch eine Elternbeschwerde." Außerdem monierte das Amt, dass die Kita noch kein Kinderschutzkonzept erarbeitet habe. Diese Konzepte sollen das Recht der Kinder auf eine gewaltfreie Umgebung sicherstellen und sind seit vier Jahren Pflicht. Im vergangenen Jahr ging der Träger der Kita sogar soweit, die Betreuungsverträge mit den Eltern befristen zu wollen. Die Senatsverwaltung lehnte den Plan als illegal ab.

Viele Versäumnisse also, von denen die Kita im Juni 2016 offiziell nichts mehr wissen wollte. Da fragte ZEIT ONLINE nach einem Hinweis von Eltern bei der Kitaaufsicht nach, ob die Kreuzberger Kita in der Vergangenheit auffällig geworden sei. Die Antwort: "Die Kita ist nicht auffällig geworden." Und: "Es sind keine Beschwerden über die Kita bei der Kitaaufsicht eingegangen." Unterschrieben wurde die E-Mail von derselben Sachbearbeiterin, deren Name auch unter den vielen Mängelvermerken in der Akte steht.

Hilflose Aufseher

Selbst in den Fällen, in denen die Aufseher offensichtliche Fehler erkannten, reagierten sie hilflos. Etwa im Fall einer Kita im Stadtteil Steglitz, gegründet als haftungsbeschränkte UG, laut Handelsregister mit gerade einmal 300 Euro Stammkapital. Die Kita sollte 25 Kinder ab dem ersten Lebensjahr versorgen. Doch die Leiterin hatte offenbar schon Schwierigkeiten, einfache Vorgaben einzuhalten: Erst waren die Räume zu klein, dann gab es keine Außenfläche zum Spielen, die öffentlichen Spielplätze waren zu weit weg, das Verhältnis von Krippen- und Kitakindern wurde falsch berechnet. Eigentlich sollte ein Kitaträger in diesem Chaos der überforderten Leiterin zur Seite springen. Doch der Träger war in diesem Fall kein Wohlfahrtsverband, sondern der Ehemann der Leiterin. Die zuständige Sachbearbeiterin in der Kitaaufsicht erkannte früh diesen Interessenskonflikt. Eine Betriebserlaubnis erteilte sie der Einrichtung trotzdem.

Es passierte, was zu befürchten war. Eltern waren unzufrieden. Doch die Kita hatte kein Beschwerdemanagement. Also beschwerten sich die Eltern bei der Kitaaufsicht. Erzieher hätten Zweijährige zum "Ausbocken" alleine auf einen dunklen Flur gesetzt. Sie hätten Kinder auf der Treppe oder im Flur essen lassen, weil sie am Tisch Quatsch gemacht hätten. Ein Kind sei am Arm durch den Flur geschleift worden.

Dem Ehemann der Leiterin passten die Beschwerden nicht. Die Eltern sollten sich doch erst einmal bei ihm melden, wenn es Probleme mit der Kitaleitung gebe, schrieb er der Aufsichtsbehörde. Offensichtlich verstand das Betreiber-Ehepaar nicht einmal das Problem. Die Beamtin musste Überzeugungsarbeit leisten und erläutern, warum es wohl wenig hilfreich sei, wenn der Träger als Ehemann mit unzufriedenen Eltern ein klärendes Gespräch über die Arbeit seiner Frau führe.

Nicht zuständig?

Doch statt den schwelenden Konflikt zu lösen, versuchte die Behörde, die kritischen Eltern abzuwiegeln. Die Sachbearbeiterin schrieb ihnen zurück, sie habe den Träger mit den Vorwürfen konfrontiert und zu seinen Pflichten beraten. Im Übrigen gelte: "Ich bin keine Ermittlungsbehörde. Es ist nicht meine Aufgabe und ich habe auch keine Möglichkeit herauszufinden, wer hier die Wahrheit spricht."

Die Eltern ließen es nicht darauf beruhen und beschwerten sich abermals. Das Wohl ihrer Kinder sei gefährdet worden. Darauf antwortete die Sachbearbeiterin lapidar: "Kindeswohlgefährdungen können sie bei der Polizei zur Anzeige bringen." In der Betriebserlaubnis für jede Berliner Kita steht: "Jedes Vorkommnis, das geeignet ist, das Wohl eines Kindes zu gefährden", müsse unverzüglich gemeldet werden. Bei der Kitaaufsicht. Nicht bei der Polizei.

Rund 23 Milliarden Euro steckt die öffentliche Hand heute bundesweit in die Kindertagesbetreuung, mehr als doppelt soviel wie noch vor fünfzehn Jahren. Doch wenn es um den Schutz der Kinder geht, versagt das System. Das Beispiel Berlin zeigt: Es fehlt an Professionalität und am Willen, Qualitätsstandards durchzusetzen.

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