Eine Putzfrau, eine Gemüsekiste, Bestellungen im Internet: Marco Müller* und seine Frau mögen ihre Jobs und wollen trotzdem Zeit haben für die Familie. Deshalb geben sie gerne Geld dafür aus, damit andere für sie putzen oder einkaufen. Der 31-jährige Vater von zwei kleinen Kindern betrachtet es als Win-win-Situation, wenn er Helfer engagiert, den Familienalltag leichter zu organisieren. Er sagt, es sei ihm wichtig, dass auch Geringqualifizierte eine Arbeit haben, die ihnen ein geregeltes Einkommen bietet.

ZEIT ONLINE Leserbefragung Dezember 2016

Helfer wie Babysitter, Putzkräfte oder der Lieferdienst sind für viele Familien fester Bestandteil ihres Alltags geworden, um Arbeit, Kinder und vielleicht noch ein wenig Freizeit unter einen Hut zu bringen. Das zeigen Daten, die DIE ZEIT und ZEIT ONLINE erhoben haben.

Wir haben unsere Leserinnen und Leser gefragt, welche Dienstleistungen sie in Anspruch nehmen – die Resonanz war enorm. Mehr als 3.000 Menschen haben unseren Fragebogen beantwortet, das Ergebnis: So gut wie niemand kommt ganz ohne Hilfe aus. Nach der Kinderbetreuung in der Kita oder bei der Tagesmutter werden am häufigsten Putzkräfte in Anspruch genommen: 46 Prozent der berufstätigen Elternpaare bezahlen jemanden, der bei ihnen sauber macht. Darauf folgen Onlineshopping (38 Prozent), das Zubereiten und Liefern von Essen (27 Prozent) und die Dienste eines Babysitters (25 Prozent). Nur zehn Prozent gaben an, gar keine dieser Dienste zu nutzen.

Ist das moralisch vertretbar?

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Das Thema ist jedoch emotional aufgeladen. Denn ist es moralisch vertretbar, Dienstleister für einen geringen Stundenlohn arbeiten zu lassen, damit die – oft besser verdienenden – Eltern Zeit gewinnen? Geht gar nicht, schrieb Julia Friedrichs. Im Gegenteil, antwortete Lisa Nienhaus, und viele Leserinnen und Leser diskutierten mit.

Da es zu den Familiendienstleistungen kaum Daten gibt, zeigt unsere Leserumfrage erstmals, welche Bedeutung sie haben. Die Ergebnisse sind allerdings nicht repräsentativ, so gehört etwa der Großteil der Antwortenden zu den Besserverdienern. In 31 Prozent der teilnehmenden Familien arbeitet ein Partner voll und der andere in einer Dreiviertel-Stelle, in 25 Prozent der Familien arbeiten beide Elternteile voll.

Die Umfrage erlaubt aber immerhin eine Annäherung, wie sehr Familien in Deutschland auf Hilfe angewiesen sind, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Es wird deutlich: Moderne Familien funktionieren nicht allein dank Foodora, Amazon und Helpling. Obwohl die meisten Familien Dienstleistungen nutzen, leisten Eltern den Großteil der Haus- und Betreuungsarbeit nach wie vor selbst.

Das bisschen Haushalt...

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Frauen machen noch immer den Großteil der Hausarbeit

So viel Zeit beansprucht der Beruf

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Allerdings in traditionellen Rollen: Die befragten Väter arbeiten am häufigsten Vollzeit und dazu noch bis zu sieben Stunden in Haushalt und Familie – so machen das rund 30 Prozent. Unter den Müttern ist das häufigste Modell eine Dreiviertel-Stelle kombiniert mit mehr als 21 Stunden Hausarbeit (14 Prozent). Allerdings sind auch viele andere Teilzeitvarianten bei den Frauen vertreten.

Vergleicht man Vollzeit arbeitende Mütter und Väter, zeigt sich deutlich, wer die Hauptlast zu Hause schultert: Frauen putzen, kochen und organisieren meistens acht bis 14 Stunden pro Woche, Männer beschränken sich meist auf die besagten maximal sieben Stunden. Überraschung: Männer sind mit dieser Aufteilung zufriedener als Frauen. 

Die Großeltern fehlen

Helfer im Haushalt gewinnen nicht nur an Bedeutung, weil viele Mütter und Väter beide berufstätig sind, sondern auch, weil Unterstützung von Großeltern oder anderen Familienmitgliedern fehlt. Und das ist nicht nur in den Städten der Fall: 56 Prozent der Städter und 49 Prozent der Landbewohner geben an, keine derartige Hilfe zu bekommen. 

"Wenn wir etwas ändern könnten, würden wir hier wohl die Wohnung zusammenklappen und in die Nähe der Großeltern ziehen, um abends flexibler in der Kinderbetreuung zu sein oder mehr Zeit für uns zu haben", erzählen Claudia Nordweis und Carsten Pollak*. Die Eltern einer  zweieinhalbjährigen Tochter sind beruflich an ihren Wohnort gebunden. Die Großeltern von Katharina können nur im Notfall helfen. "Gefühlt müsste jeder Tag zehn Stunden mehr haben, um alles zu schaffen", sagen sie über ihren Alltag. Außer der Kitabetreuung nehmen die beiden keine Dienstleistungen in Anspruch, aus finanziellen Gründen. "Wenn wir könnten, würden wir gerne mehr Geld haben, um uns zusätzliche Dienstleistungen kaufen zu können wie eine Putzfrau", sagen sie.

100 Euro pro Monat

Lässt man die je nach Wohnort stark schwankenden Kitagebühren außen vor, geben die befragten Familien im Mittel hundert Euro im Monat für Dienstleistungen aus. Je mehr Dienstleistungen eine Familie in Anspruch nimmt, desto zufriedener ist sie mit der Arbeitsaufteilung. Die Arbeitsbelastung sinkt, der Alltag wird etwas weniger hektisch. Doch das ist eine Frage des Geldes: Je mehr ein Elternpaar verdient, zeigen unsere Daten, desto mehr Dienstleistungen nimmt es auch in Anspruch. Alleinerziehende geben notgedrungen auch mit einem niedrigen Nettoeinkommen vergleichsweise viel für die Helfer aus.

Lieber mehr Zeit als mehr Geld

Wir haben auch nach den Wünschen gefragt: 60 Prozent der Eltern hätten gern mehr Zeit zur Verfügung, um Haushalt und Kinder selbst zu versorgen – statt mehr Geld zu bekommen, um andere dafür zu bezahlen.

Was Eltern sich wünschen

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Der Wunsch nach mehr Zeit ist unter den Vätern noch ausgeprägter als unter den Müttern. Wenig überraschend, da sie im Schnitt mehr Zeit bei der Arbeit verbringen. Arbeiten die Mütter auch Vollzeit, ergibt sich aber das gleiche Bild. Je weniger Zeit Eltern für Haushalt und Kinder haben, desto größter ist der Wunsch danach.

Interessant: Immerhin 19 Prozent der Teilnehmer gaben zu, eine oder mehrere Dienstleistungen schwarz zu bezahlen, im Mittel mit 160 Euro monatlich. Der tatsächliche Anteil an Schwarzarbeit dürfte wesentlich höher liegen.

Dienstleistungen - Der Mittelschicht zu Diensten Internetplattformen vermitteln haushaltsnahe Dienstleistungen an Kunden aus der Mittelschicht. Gutes Geschäft für alle Beteiligten oder Kollateralschaden der Emanzipation? © Foto: ZEIT ONLINE

Die moralische Frage, ob es generell legitim ist, Dienstleister zu beschäftigen, damit die Eltern entlastet sind, beantworten die Leser deutlich: Der Großteil der Antwortenden ist mit sich im Reinen und stimmt der Aussage zu: "Es ist eine Win-win-Situation: Wir bekommen die Hilfe und die Dienstleister verdienen Geld." Nur 15 Prozent fühlen sich unwohl dabei. Das sind jedoch nicht zwingend die, die ihre Dienstleister schwarz bezahlen.

Acht Prozent wollten übrigens nicht wählen zwischen mehr Zeit zum Selbermachen und mehr Geld für die Dienstleister. Sie wählten "Sonstiges" und erklärten ihre Ideallösung so: mehr Geld für die Hilfe im Haushalt – und mehr Zeit für die Kinder.

*Die Nachnamen haben wir auf Wunsch geändert.