Viele Experten stellen sich jedoch gegen jede Form des Kopftuchverbots. Allein verfassungsrechtlich kann so ein Verbot problematisch werden, weil Eltern das Recht auf die Erziehung ihrer Kinder haben, auch auf die religiöse, solange sie damit nicht andere Gesetze verletzen. Die Gewerkschaft GEW, der eher linke Grundschulverband und konservative Islamverbände stehen in diesem Punkt auf einer Seite: Anders als Meidinger sagen sie: Ein Kopftuchverbot schadet der Integration. Und würde vor allem benutzt, um Muslime zu diskriminieren.

Der Bildungsforscher Jörg Ramseger vom Grundschulverband sagte ZEIT ONLINE, wenn etwa ein Mädchen gemobbt wird, weil es ein Kopftuch trägt oder weil es keins trägt – dann müssen Lehrer in beiden Fällen gegen die Diskriminierung vorgehen. Mobbing höre nicht auf, wenn man die Kopftücher verbiete. Es fänden sich andere Anlässe: Etwa, wenn ein Kind Gummibärchen mit Gelatine gegessen habe.

Ramseger sagt auch: "Es geht den Staat nichts an, wie Eltern ihre Kinder erziehen. Sie dürfen konservativ oder sogar archaisch denken." Schließlich hätten auch Eltern, die ihre Kinder pietistisch, konservativ katholisch, nach den Überzeugungen der Zeugen Jehovas oder fundamental laizistisch erziehen würden, das Recht dazu.  

Kopftuchdebatten schaden den Frauen

So sehen es auch zwei muslimische Verbände. Der einflussreiche Dachverband Ditib, der vom türkischen Staat finanziert wird, verweist ebenfalls auf das Gesetz und das allgemeine Recht der Eltern auf die religiöse Erziehung ihrer Kinder. Und Ditib klagt an: "Sondergesetze für Muslime zu fordern, ist ein immer wiederkehrendes politisches Verhaltensmuster, um Gesellschaft und Medien von dringlichen Problemen abzulenken", sagt die Pressesprecherin Ayse Aydın. "Diese Art von Symbolpolitik bedient Vorurteile, schafft gesamtgesellschaftlichen Spannungen, aber keine Lösungen."

Und Bekir Altaş, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş, hält es für das "normalste der Welt", dass Eltern ihre Kinder durch ein Kopftuch an die Religion heranführen würden. Den Vorwurf von Staatsministerin Güler, das Kopftuch würde junge Mädchen sexualisieren, erkennt er nicht an. Er sagt: "Wenn sich das Mädchen später gegen das Kopftuch entscheidet, was nicht selten vorkommt, ist es sein Wille, und wenn es sich dafür entscheidet, ebenso." Warum es aber sinnvoll sein soll, schon Mädchen vor der Pubertät mit einem Kopftuch an die Religion heranzuführen, erklären beide Verbände auch auf Nachfrage nicht.

Altaş kritisiert weiter, dass sich Frauen mit Kopftuch häufiger als andere um einen Arbeitsplatz oder eine Mietwohnung bewerben müssten, um Erfolg zu haben. Sie würden beleidigt, bespuckt oder körperlich angegriffen. "Die Zahl solcher Vorfälle und Diskriminierungen steigt immer dann, wenn wir eine Kopftuchdebatte führen", sagt er.

Der Zentralrat der Muslime wollte sich zum Thema gar nicht äußern.

Mit den Eltern reden, wenn es Probleme gibt

Auch Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, betont, dass muslimische Mädchen und Frauen häufig diskriminiert werden. Sie warnt deshalb vor Verboten einzelner religiöser Symbole: "Wer das muslimische Kopftuch an Schulen verbieten will, der löst damit keine Integrationsprobleme, sondern trägt dazu bei, dass sich Schülerinnen ausgegrenzt und diskriminiert fühlen." So stärke man ihre Selbstbestimmung nicht.

Und das könne laut Bülent Ucar, Direktor des größten islamtheologischen Instituts in Deutschland an der Universität Osnabrück sogar dazu führen, dass man Parallelgesellschaften verfestige, weil die Kinder in der Schule möglicherweise anders auftreten als privat in den Familien, sagte er der Welt.

Das heißt laut Ucar natürlich nicht, dass die Schulen passiv bleiben sollten, wenn Eltern ihre Töchter zum Kopftuchtragen zwingen. Genauso wenig, wie sie Rassismus und Diskriminierung ignorieren sollten, sagt Ramseger.

(mit dpa)