Sie hatte eigentlich immer Angst, erzählt Alex*. Vor den zugedröhnten Freunden ihrer Mutter, die in der Wohnung herumlungerten. Vor den Typen, die bei ihnen auftauchten und Geld von ihrer Mutter wollten. Vor dem Alleinsein, wenn ihre Mutter unterwegs war, um Heroin zu besorgen oder Geld für Heroin. Oft gab es zu wenig zu essen. Als Alex in die Schule kam, wurde sie zur Außenseiterin. Fragt man die heute 17-Jährige, wie sie sich damals als Sechs-, Sieben, -Achtjährige fühlte, sagt sie: einsam. Und wie empfand sie ihre Mutter? "So traurig."

Alex sitzt, als sie das erzählt, in einem plüschigen Sessel im sehr aufgeräumten Wohnzimmer des frisch gestrichenen Reihenhauses ihrer Oma in einem bürgerlichen Viertel im Norden von Mönchengladbach. Wären da nicht die aufquellenden Narben an ihren Unterarmen, eine ordentlich neben der anderen, sähe sie aus wie viele typische Mittelschichtsteenager: frisch geduscht, enge Jeans, mittellange, braune Haare. Eine Strähne wischt sie sich immer wieder mit einer hastigen Bewegung aus dem Gesicht. Sie spricht wenig, aber reflektiert und eloquent. Ihre großen Augen fixieren direkt das Gesicht ihres Gegenübers.

Sie erinnert sich an ein Schulfest in der dritten Klasse: "Meine Mutter hatte versprochen zu kommen." Sie wartete. Erst als die Kinder ihre Lieder gesungen und die anderen Eltern applaudiert hatten, kam auch Alex' Mutter. Sie war high. Eine andere Mutter wurde darauf aufmerksam und informiert die Schule, die wiederum das Jugendamt einschaltete.

Heim? Pflegefamilie? Oma?

Mitarbeiter des Jugendamts mussten schnell entscheiden. Soll das Kind weg von der Mutter? In ein Heim? In eine Intensivgruppe für traumatisierte Kinder? In eine Pflegefamilie? Kann eine Verwandte die Pflege übernehmen? Sie holten die Neunjährige aus der Wohnung der Mutter und riefen die Großmutter an: "Können Sie Alex zu sich nehmen?"

Die erste Entscheidung des Jugendamts ist häufig nicht die einzige. Läuft etwas schief, zeigen alle auf das Amt. Wenn ein Kind getötet, missbraucht oder vernachlässigt wird, ist es immer das Jugendamt, das es besser hätte wissen müssen. Dabei läuft es nicht immer schief, aber darüber redet keiner.

Das Jugendamt in Mönchengladbach liegt am Rande der Stadt. Ein verschachtelter Flachbau aus den Fünfzigerjahren, die Möbel sind alt und billig, die Tapeten schmutziggelb. 1.000 Mitarbeiter arbeiten im Amt, einer davon ist Jens Volkmer, ein schlaksiger Typ mit blauem Hemd, eckiger Brille und Jeans. Volkmer hat gegen die Tristesse des Gebäudes Pflanzen in den Flur gestellt und gerahmte Bilder aufgehängt.  Er ist Teamleiter des Allgemeinen Sozialen Diensts, des ASD, und verantwortlich für Alex. 

Der 43-Jährige sagt: 60 Prozent der Kinder, die aus der Familie genommen und in Pflege gegeben werden, leben wie Alex bei den Großeltern oder bei anderen Angehörigen. Dort hat das Kind im besten Fall schon eine Bindung an die Familienangehörigen und wird geliebt, nicht nur betreut. Aber hier lauert auch eine Gefahr: Das Kind kann im System der Familie stecken bleiben. In genau dem System, das die Sucht, die Gewalttätigkeit oder den Missbrauch der Eltern mitverursacht hat. 

Jens Volkmer an seinem Schreibtisch im Jugendamt Mönchengladbach © Parvin Sadigh

Unterwegs ist Volkmer oft in Vierteln wie Rheydt-Mülfort mit heruntergekommenen Hochhäusern. Hier liegen Spritzen und Müll  in den Hausfluren. Bis die nicht verschwinden und die Wohnungen nicht saniert sind, wünscht sich das Jugendamt von der Stadt, dass keine neuen Familien hier untergebracht werden. Die Idee ist, in Zukunft mit den Stadtplanern zusammenzuarbeiten.

Von Dreck, Armut und Vernachlässigung kann in Alex' neuem Zuhause keine Rede sein. Alex' Oma ist sehr fürsorglich, sie lebt ein bürgerlich geordnetes Leben. Zwar kommt die Mutter anfangs immer wieder vorbei, verlangt Geld, macht ihrer Mutter Vorwürfe. Sie habe sie mit ihren Tabus erst in die Sucht gedrängt. Aber nachdem die Mutter ins Gefängnis kommt, wird es ruhiger. Das Jugendamt kommt Alex regelmäßig besuchen, schaut, wie es ihr geht. Eine Weile geht es gut.

In der Pubertät ist die Angst wieder da

Dann kommt Alex in die Pubertät. Die bedrohlichen Bilder aus der mütterlichen Wohnung kommen ihr wieder hoch, auch Gerüche und Geräusche drängen sich zurück in ihr Gedächtnis. "Die Einsamkeit, die Angst, alles war wieder da", erzählt sie. Sie rebelliert nicht, sucht keine Hilfe – sie schneidet sich die Arme auf. Eine Freundin erzählt ihr, das verschaffe Erleichterung. Erst ritzt sie nur winzige Muster in den Arm. "Damals war ich noch richtig schockiert", sagt sie, "dass ich mir selbst so weh tun konnte." Doch allmählich werden ihre Schnitte immer tiefer und länger. Sie spricht von Suizid. Und sie zeigt auch, dass sie weiß, wie sie es machen muss. Als sie 13 ist, nimmt sie Schlaftabletten. Alex' Oma findet sie.