In Berlin und anderen Großstädten herrscht Kitaplatzmangel, viele Eltern suchen verzweifelt nach einem Platz. Doch nicht nur sie stehen unter Druck: Wie geht es eigentlich denjenigen, die die Kitas leiten? Wie gehen sie mit der Flut an Bewerbungen und gestressten Eltern um? Jacqueline Hoinka, 51, ist seit 30 Jahren Erzieherin und seit zehn Jahren Chefin der Kita Remmi-Demmi in Berlin-Charlottenburg. Im Protokoll spricht sie über Fremdscham und Überforderung.

"Draußen vor unserer Kita hängt ein Zettel, auf dem steht, dass wir für 2018 und 2019 keine Plätze mehr haben. Die Eltern klingeln trotzdem, das Telefon läutet auch ständig. Und ich bekomme bestimmt zehn Mails am Tag. Vor allem das Klingeln stört den Kitaalltag, die Kinder, die noch in der Eingewöhnung sind, denken, sie werden abgeholt. Ich verbringe jede Woche zwei, drei Stunden nur damit, Anfragen für Plätze zu beantworten. Wenn ich das Personal hätte, könnte ich noch eine Kita aufmachen.

Ich bin seit 30 Jahren Erzieherin, die Kita am Mierendorffplatz in Berlin leite ich jetzt seit zehn Jahren. Wir betreuen hier 21 Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren aus Familien aus 18 verschiedenen Ländern. Jedes Jahr haben wir vier oder fünf Plätze zu vergeben. 40 weitere Kinder stehen auf der Warteliste, falls eine Familie absagt.

"Ich kann mir keinen Platz aus den Rippen schneiden"

Ich weiß manchmal einfach nicht, wo mir der Kopf steht. Die Lage hat sich extrem verschärft, weil es mehr Kinder gibt und weil die Kita in Berlin jetzt kostenlos ist. Der Berliner Senat hat da etwas versprochen, das er nicht halten kann. Mir haben schon Eltern mit dem Kitagutschein vor der Nase herumgewedelt und gesagt: "Wir haben das Recht auf einen Platz!" Denen musste ich sagen: Wir sind aber voll, ich kann mir keinen Platz aus den Rippen schneiden.

Wir haben schon vor Jahren gesagt: Es gibt einen Babyboom. Und haben vom Senat zu hören bekommen, es sei kein Bedarf festzustellen, eine neue Kita müssten wir auf eigenes Risiko gründen. Ein Jahr später hieß es dann plötzlich: Wir brauchen ganz dringend Plätze. Wer macht denn diese Statistiken, um Gottes Willen?

"Die Eltern klingeln trotzdem, das Telefon läutet auch ständig." © Sonja Hamad für ZEIT ONLINE

Manche Eltern sind so wütend, dass sie mich beschimpfen. Ich vergebe die Plätze nach der Reihenfolge der Warteliste, außer, da wird jemand pampig. Dem sage ich: Wir werden uns gegebenenfalls melden, und das war‘s dann. Eltern, die gleich meckern, stören auch später die Elternschaft in der Kita.

"Klar tut mir das leid"

Ich verstehe aber, unter welchem Druck sie stehen. Zu uns kommen inzwischen Frauen, die sind gerade schwanger geworden, und bewerben sich schon. Klar tut mir das leid. Die Mütter und Väter auf der Warteliste bitte ich, sich alle zwei, drei Monate zu melden, denn viele springen auch ab, weil sie auf so vielen Listen stehen. Ich kann leider nicht allen Eltern hinterhertelefonieren.

Bestochen hat uns noch keiner. Es gab aber schon Eltern, die uns Spenden versprochen haben als sie sich um einen Platz beworben haben. Doch das lehne ich grundsätzlich ab. Die meisten sind eher verzweifelt: "Bitte, bitte, wir brauchen ganz dringend einen Platz, wir müssen beide wieder arbeiten gehen!" Solche Hilfeschreie hören wir öfter.

Für die Warteliste müssen wir eigentlich nur wissen, wie alt das Kind ist, und ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Aber viele Eltern schreiben richtige Bewerbungen mit Lebenslauf und einem Anschreiben aus der Perspektive des Kindes: "Hallo, ich bin im Juli 2017 geboren, verbringe gerne Zeit mit meinen Eltern, bastele und singe gerne und bin ein fröhliches Kind." Ich finde das sehr unangenehm, das überschreitet auch die Grenzen der Privatsphäre für das Kind.