Nach der Ausstrahlung des Dokumentarfilms Elternschule über Therapieanwendungen in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen hat die Staatsanwaltschaft Essen Ermittlungen gegen die Klinik aufgenommen. Sie wirft der Einrichtung die Misshandlung Schutzbefohlener vor und reagiert damit auf die Anzeige eines Arztes. "Es geht um die Handlungen, die in dem Film gezeigt werden", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Essen.

In der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen werden unter anderem psychosomatisch erkrankte Kinder behandelt. Der im Oktober erschienene zweistündige Kinofilm Elternschule gibt Einblicke in ihre Behandlung in der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik. Gezeigt werden etwa Kinder, die unter massiven Ess- und Schlafstörungen leiden. Zu sehen sind auch verzweifelte Eltern, die Schwierigkeiten haben, ihr Kind allein zu lassen.

Einige der in der Klinik angewandten Therapiemethoden waren daraufhin kontrovers diskutiert worden. Der Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster sagte, dass in der Einrichtung Kindern gewaltsam ein bestimmtes Verhalten aufgezwungen werde, sie etwa zum Essen gezwungen würden. Die Anzeige gegen die Klinik bezeichnete er als "mutig und richtig".

Massive Kritik an Therapiemethoden

Auch nach Ansicht des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) enthält der Film zahlreiche Szenen, in denen Kinder psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt sind. "Die in dem Film gezeigten Behandlungsmethoden können keinesfalls Vorbild für die Erziehung von Kindern in Deutschland sein", sagte die Kindheits- und Familienforscherin und DKSB-Vizepräsidentin Sabine Andresen in einer Mitteilung. Diese Praktiken führten zu einer Verunsicherung von Eltern im Umgang mit ihren Kindern.

Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers sagte: "Verhalten sich Eltern gegenüber ihren Kindern so wie das Klinikpersonal in dem Film, dann ist das rechtswidrig."

Seit der Ausstrahlung des Films haben zudem etwa 22.000 Menschen eine Onlinepetition unterzeichnet, in der gefordert wird, den Film nicht mehr zu zeigen – weder im Kino noch im Fernsehen, noch im Internet. 

"Unberechtigte Vorwürfe gegen die Klinik"

Die Klinik hat die Vorwürfe als "haltlos" zurückgewiesen. Es gebe in der Klinik keine Gewalt, die klinischen Methoden entsprächen dem aktuellen Forschungsstand und den Standards der medizinischen Wissenschaft, hieß es in einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Stellungnahme. Das verhaltenstherapeutische Programm basiere zudem auf den Empfehlungen und Vorgaben von anerkannten Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. "Die Anzeige verstehen wir als Chance, die unberechtigten Vorwürfe gegen die Klinik juristisch zu entkräften", teilte die Geschäftsführung mit.

Jährlich werden in der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik der Kinderklinik Gelsenkirchen etwa 150 Kinder und ihre Eltern behandelt.