Jennifer Strnad hat früh gemerkt, dass sie ihre Freundinnen toll fand. © Kathrin Spirk für ZEIT ONLINE

Nach dem inneren Coming-out, also dem Zeitpunkt zu dem sie sich selbst über ihre sexuelle Orientierung klar werden, brauchen Jungen im Schnitt drei Jahre, bis sie einer anderen Person davon erzählen. Das hat die Studie Coming-out und dann …?! des Deutschen Jugendinstituts im Jahr 2015 gezeigt. Mädchen brauchen zwar im Schnitt 1,8 Jahre bis zum sogenannten äußeren Coming-out, aber auch sie machen ihre Homosexualität jahrelang mit sich allein aus.

Timmermans sagt, nicht wenige der LGBTQ-Jugendlichen laufen Gefahr, die negativen Folgen des Stresses dieser Zeit ein Leben lang mit sich herumzutragen. Ihre psychische und physische Gesundheit könne dauerhaft darunter leiden, das zeigten verschiedene Studien. Auch die Suizidrate ist höher als unter heterosexuellen Jugendlichen.

Aber einer großen Zahl der schwulen und lesbischen Jugendlichen gelingt es, ihre sexuelle Orientierung gut ins Selbstbild zu integrieren. Sie haben zwar vor dem Coming-out auch Angst, diskriminiert zu werden. Wenn sie danach aber überwiegend positive Rückmeldungen bekommen, können sie unbeschwert damit leben.

Das Bild von Männlichkeit ist festgelegter als das von Weiblichkeit

Warum sich Mädchen schneller outen, lässt sich nur vermuten. Sie erleben zwar auch ganz spezifische Formen von Diskriminierungen, Sätze wie: "Wenn du erst mal einen Mann gehabt hast, dann weißt du, was gut ist." Aber trotzdem scheint das Bild von Weiblichkeit nicht mehr derart festgelegt wie das von Männlichkeit. Timmermanns sagt, wenn sich beispielsweise die Fußballspielerinnen der Nationalmannschaft offen lesbisch zeigen, "gelten sie als cool". Schwule Fußballer trauten sich aber noch immer selten, sich zu outen.

Jennifer Strnad hat eine andere Vermutung: Vielleicht werden Mädchen in der Öffentlichkeit seltener angegriffen, weil heterosexuelle Männer knutschende Mädchen heiß finden. Jennifer genießt an diesem Freitagabend vor dem Magnus-Hirschfeld-Centrum die letzten Sonnenstrahlen. Auch sie liebt den Jugendtreff, ihr "Highlight der Woche". Im September ist die 19-Jährige für ihre Ausbildung als Tierpflegerin nach Hamburg gezogen, weg von Freunden und Familie. Hier im mhc hat sie neue Freunde gefunden.

Jennifer trägt etliche LGBTQ-Armbänder, wie sie sie selbst nennt, am schmalen Handgelenk – sie hat sie vom Christopher Street Day aus verschiedenen Städten. Sie erzählt, sie habe früh bemerkt, dass sie ihre Freundinnen toll findet, nicht die Jungs. Aber sie habe sich lange nicht als lesbisch definiert. Da waren doch diese Liebesfilme, die sie sich so gerne anschaute, mit all den tollen Kerlen. Jennifer schließt nicht aus, dass sie sich auch mal in einen Mann verlieben könnte, obwohl sie lesbisch ist.

Starre Identitätskonstrukte kommen ins Rutschen

Tatsächlich kämen in der Generation bis 25 Jahre starre Identitätskonstrukte immer mehr ins Rutschen, sagt Timmermanns. Mehrere Studien aus den USA, Großbritannien und Deutschland zeigten, dass sich teilweise weniger als die Hälfte dieser Generation ausschließlich als heterosexuell definiert. Viele heterosexuelle Jugendliche machen Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht, ohne deshalb infrage zu stellen, heterosexuell zu sein. Eine junge lesbische Frau kann auch mal eine Beziehung mit einem Mann haben, ohne sich deswegen in eine neue Kategorie einsortieren zu wollen.

Jennifer bezeichnet sich selbst seit einem Jahr als lesbisch. Kurz zuvor hatte sich eine Freundin geoutet. Da habe sie gemerkt: "Stimmt, so ist es bei mir auch." In Freundeskreis und Schule hatte Jennifer keine Probleme, sagt sie, ihre Freunde hätten nur gesagt: "Ach, kommst du selbst auch endlich drauf?" Der Englischlehrer machte selbst kein Geheimnis daraus, dass er schwul ist. Die Stimmung in der Schule war tolerant.

Warum passiert das ausgerechnet in unserer Familie?

Aber Jennifers Mutter, von der Jennifer denkt, sie habe eigentlich keine Vorurteile, reagierte schockiert. Warum passiert das ausgerechnet in unserer Familie? Nach etwa zwei Monaten hat sie sich entschuldigt. Ihr sei wichtig, dass Jennifer glücklich werde. Der Vater weiß es von der Mutter, bisher schweigt er darüber. Aber das, sagt Jennifer, sei egal, sie fühle sich akzeptiert und spüre, dass ihre Familie sie glücklich sehen wolle. "Auch wenn meine Mutter bestimmt heimlich hofft, dass doch irgendwann ein Kerl bei mir auftaucht."

Wenn die Jugendlichen im mhc nicht wissen, ob sie sich outen sollen oder nicht, wenn sie Probleme in der Schule oder mit den Eltern haben, können sie Markus Hoppe ansprechen. Der Sozialpädagoge begleitet den Jugendtreff, er ist selbst schwul. Er weiß, dass Jennifers Mutter keine Ausnahme ist. Auch Menschen, die mit ihren lesbischen Kolleginnen selbstverständlich zusammenarbeiten, reagierten manchmal beim Coming-out ihrer Kinder alarmiert, sagt er. Sie machen sich Sorgen. Viele hätten Bilder vom Leben ihrer Kinder im Kopf, von Hochzeit und Enkelkindern. Und sie brauchten Zeit, diese Bilder anzupassen. Jennifer sagte ihrer Mutter, sie wolle ja auch irgendwann Kinder. Da war die Mutter dann beruhigt.

Eine abfällige Bemerkung reicht manchmal

In einigen wenigen Fällen rät Hoppe Jugendlichen davon ab, sich zu Hause zu outen. In orthodox religiösen Familien, christlichen wie muslimischen, komme es vor, dass die Eltern ihre Kinder in eine heterosexuelle Orientierung zwingen wollten. Manchmal muss Hoppe das Jugendamt einschalten. Eine Familie wollte die lesbische Tochter gegen deren Willen in die Türkei schicken. Eine andere hatte dem Sohn Gewalt angedroht, der stand dann nur mit einem Rucksack vor dem mhc.

Zwar endet es selten so extrem, aber Hoppe erlebt viele verunsicherte Teenager. Vielen Eltern sei nicht bewusst, sagt er, was eine abfällige Bemerkung anrichten könne, sei sie noch so witzig gemeint. Das allein könne reichen, damit sich der Sohn oder die Tochter jahrelang niemandem anvertraue. Und wenn Eltern nach dem Coming-out Sätze sagen wie "Das geht vorbei", lassen sie ihre Kinder möglicherweise sehr einsam zurück. Hoppe rät den Jugendlichen, sich vor dem familiären Coming-out ein soziales Netz zu suchen, falls es nicht so gut läuft.

Sowohl André als auch Jennifer haben ihr Netz im mhc gefunden. Jennifer ist immer noch gerührt, wie offen sie aufgenommen wurde. Sie sagt: "Ich weiß, ich kann jeden hier anrufen, wenn es mir nicht gut geht." Auch um 3 Uhr morgens.