Kinder und Jugendliche sagen, sie fühlen sich sicher, wenn sie Vertrauen haben, sich zugehörig fühlen und anerkannt werden. Demnach geht es Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 14 Jahren in Deutschland ziemlich gut, hat die am Mittwoch veröffentlichte Studie "Children's World+" festgestellt. Die Autorinnen haben 3.500 Kinder und Jugendliche nach ihrem Wohlbefinden und ihren Bedürfnissen gefragt. Fast alle sagen, sie fühlten sich sicher bei ihren Eltern (mehr als 90 Prozent). Und für immerhin noch 60 Prozent gilt dasselbe gleichzeitig für die Schule und die Nachbarschaft.

Allerdings gibt es deutliche Unterschiede in den Schulformen: Gesamt- und Hauptschüler fühlen sich deutlich unsicherer in der Schule (etwa ein Drittel) als Gymnasiasten (nur 10 Prozent). Besonders häufig erleben Grundschüler Hänseleien, Schläge oder Ausgrenzungen. Und je älter die Kinder werden, desto eher beklagen sie sich, nicht ernst genommen zu werden. Sie wollen angehört werden und mitbestimmen.

Eine der Autorinnen der Studie, die Familienforscherin Sabine Andresen, spricht über Armut, über Gewalt und den Wunsch, ernst genommen zu werden.

ZEIT ONLINE: Physische und psychische Gewalt ist leider ein großes Thema an Schulen – an Grundschulen ist es am schlimmsten. Knapp 30 Prozent der Grundschüler sagen in Ihrer neuen Studie, sie seien im vergangenen Monat gehauen, gehänselt oder ausgegrenzt worden. Gleichzeitig fühlen die meisten sich in der Grundschule sicher. Wie passt das zusammen?

Sabine Andresen: Die genauen Ursachen können wir noch nicht benennen. In anderen Studien, die sich expliziter mit Mobbing und Gewalt in der Schule beschäftigen, gibt es Hinweise, dass Kinder in dieser Altersgruppe Konflikte häufiger körperlich austragen. Dass sie sich trotzdem sicher fühlen, kann daran liegen, dass in der Grundschule die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer mit vielen Stunden sehr präsent ist. Das erleichtert es den Kindern, sich mit ihren Problemen an einen vertrauten Erwachsenen zu wenden. Denn das ist ein wichtiger Befund unserer Studie: Kinder und Jugendliche sagen deutlich, dass sie Erwachsene brauchen, denen sie vertrauen können. Und eine große Mehrheit der Grundschulkinder fühlt sich von den Lehrerinnen und Lehrern anerkannt und ernst genommen.

ZEIT ONLINE: Also ist das alles gar nicht so schlimm?

Andresen: Die Ergebnisse darf man nicht bagatellisieren. Wir müssen etwa in weiterer langfristig angelegter Forschung darauf schauen, ob sich Gewalterfahrungen fortsetzen. Sind Kinder, die in der Grundschule ausgegrenzt oder gehänselt, vielleicht sogar gemobbt werden, in der weiterführenden Schule wieder betroffen?

Wir müssen auch genauer hinschauen, was Grundschüler brauchen, damit sie schnell Unterstützung bekommen. Welche Präventionsprogramme wirken gut? Welches Gewaltverständnis haben Lehrer und Lehrerinnen? Gibt es noch viele, die sagen: War doch schon immer so? Oder nehmen sie das Problem ernst?

ZEIT ONLINE: Was können Schulen jetzt schon konkret tun?

Andresen: Wichtig ist, dass Schulleiterinnen das Thema Gewalt und ein gutes Schulklima zur Chefsache erklären. Schulen müssen auch nicht alles alleine schaffen, sie sollten sich vernetzen, etwa mit Beratungsstellen. Außerdem ist es sinnvoll, Gewalt- oder Präventionsbeauftrage zu benennen. Das kann ein Lehrer sein oder eine Sozialarbeiterin. An sie können sich Lehrerinnen und Schüler wenden, die etwas beobachtet haben und Rat brauchen, und natürlich die Betroffenen selbst. All das geht aber nicht, wenn die Schulen politisch damit allein gelassen werden. Sie brauchen Ressourcen und Zeit. Wenn Lehrer das nebenbei erledigen sollen, klappt es nicht.