"Jugendliche bekommen manchmal hundert Nachrichten am Tag" – Seite 1

Fast alle Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren besitzen ein Smartphone. Sie sind im Schnitt dreieinhalb Stunden pro Tag online. Einen Großteil der Zeit verbringen sie damit, sich mit Freunden und Familie über Messenger auszutauschen. Aber etwa jeder und jede Dritte hat schon erlebt, wie jemand online gemobbt wurde. Leidet die Sozialkompetenz online? Die Kommunikationswissenschaftlerin Ruth Festl hat genau das in einer Studie untersucht. Sie erklärt im Interview, warum Medienunterricht mehr vermitteln muss als Wissen über die Technik. 

ZEIT ONLINE: Frau Festl, die meisten Jugendlichen wissen Ihrer Studie zufolge, wie man respektvoll auf WhatsApp oder Snapchat miteinander umgeht. Sie kennen sich auch gut aus, wann man etwa ein Foto hochladen darf. Wissen die Teenager besser Bescheid, als man denkt?

Ruth Festl: Prinzipiell ja, aber so einfach ist es nicht. Wenn es nämlich darum geht, ihr Wissen in entsprechendes Handeln umzusetzen, haben einige Jugendliche durchaus Schwierigkeiten. Das ist eine zentrale Erkenntnis der Studie. Bisher hieß es oftmals, wenn die Kinder nur viel über Technologie und respektvollen Umgang wissen, dann verhielten sie sich auch kompetent.

Wir stellen aber fest: Wissen und Fähigkeiten spielen zwar eine Rolle, aber wir müssen mehr Wert auf ihre Motivation legen. Sie müssen sich auch sozial verträglich verhalten wollen. 

ZEIT ONLINE: Was motiviert denn umgekehrt Jugendliche dazu, andere online zu beleidigen oder beschämende Bilder von Mitschülern hochzuladen, wenn sie dieses Verhalten selbst falsch finden? 

Festl: In manchen Peergroups steigt das Ansehen, wenn man andere mobbt. Wir haben außerdem herausgefunden: Je intensiver Jugendliche das Internet für soziale Aktivitäten nutzen und je höher der wahrgenommene Kommunikationsdruck ist, desto weniger sozial verträglich verhalten sie sich. Sie bekommen manchmal hundert Nachrichten am Tag und die anderen im Chat erwarten, dass sie schnell antworten. Sie sind im Stress.

ZEIT ONLINE: Wie kann man Mobbing dann verhindern?

Festl: Man kann an beiden Punkten in der Prävention gut ansetzen. Die Jugendlichen können lernen, dass es auch einen anderen Weg gibt, gemocht zu werden: Sie erleben schließlich selbst, dass wer andere verteidigt und freundlich ist, genauso beliebt ist.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Ruth Festl arbeitet als Postdoc am Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in der Nachwuchsgruppe Soziale Medien. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung mit Cybermobbing und den Chancen und Risiken, die sich Jugendlichen in digitalisierten Lebenswelten bieten. Sie ist die Studienleiterin von Jung! Digital! Sozial? © Leibniz Institut fu\u0308r Wissensmedien

Die Schülerinnen und Schüler können natürlich auch daran arbeiten, Nachrichten eine Weile ruhen zu lassen und generell bewusster mit diesen umzugehen. So verringert sich auch das Risiko, dass ungeeignete oder verletzende Inhalte weiterverbreitet werden. Das geschieht nämlich zum Teil auch unbeabsichtigt.

ZEIT ONLINE: Wie sprechen Jugendlichen darüber, was sie online erleben?

Festl: Zur Sozialkompetenz gehört auch, dass ich mein Wissen an andere weitergebe und dass ich Erlebtes – Unangenehmes wie Lustiges – mit anderen besprechen kann. Dann kann ich es besser verarbeiten und in mein alltägliches Leben integrieren. Interessant ist, dass die verschiedenen Formen eines sozial kompetenten Verhaltens online offensichtlich nicht immer gut zu vereinbaren sind. Denn wir haben in der Umfrage gesehen: Wer sich intensiv mit anderen austauscht, verhält sich häufiger sozial daneben, zum Beispiel weil etwas weiterverbreitet wird, das man im Vertrauen erfahren hat.

Mädchen und Jungen unterscheiden sich außerdem anscheinend. Es sind eher die Mädchen, die online sehr auf ein sozial verträgliches Verhalten achten. Oft können sie aber nicht so gut darüber reden, was sie online sehen und erleben. Jungen dagegen tauschen sich oft intensiv über ihre Online-Spiele und YouTube-Videos aus, sie legen jedoch zum Teil weniger Wert auf ein sozial verträgliches Verhalten. Sie brauchen deshalb andere Unterstützung.

ZEIT ONLINE: Das klingt nach bekannten Geschlechterklischees. Mädchen verhalten sich moralischer als Jungen. Gibt es denn überhaupt Unterschiede beim Sozialverhalten online und offline?

Eltern müssen ein gutes Mittelmaß finden

Festl: Kaum. Wir haben etwa festgestellt: Wer sich generell prosozialer verhält und empathischer ist, verhält sich auch online sozial kompetenter. Außerdem bewältigen Jugendliche online wie offline ihre Entwicklungsaufgaben: sie bahnen romantische Beziehungen an, lösen sich von ihren Eltern, experimentieren damit, wer sie sein wollen. Online bekommen sie dafür etwa auf Instagram neue Möglichkeiten, aber das Prinzip bleibt das Gleiche. Umgekehrt sind Jugendliche schon immer gerne Risiken eingegangen und gelegentlich in aggressives, antisoziales Verhalten abgerutscht. Ob das durch die Online-Nutzung mehr geworden ist, kann nur in Langzeitstudien beantwortet werden. 

ZEIT ONLINE: Was könnten online denn Verstärker sein, außer den hundert Nachrichten am Tag?

Festl: Online haben viele das Gefühl, die ganze Welt hat einen bestimmten Post gesehen, noch dazu, wenn er viele Likes bekommt. Außerdem sieht man die Reaktionen eines Mobbingopfers nicht unbedingt. Generell sinkt das Verantwortungsgefühl des Einzelnen, jemanden zu helfen, wenn viele Menschen anwesend sind, die theoretisch ebenfalls eingreifen könnten.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch den Einfluss der Eltern untersucht und festgestellt: Restriktive Eltern stärken die Sozialkompetenz weniger als Eltern, die offen für die Online-Aktivitäten sind. Wie kommt das und was raten Sie?

Festl: Wenn Eltern ihren Kindern Freiheiten lassen, aber mit ihnen darüber sprechen, was sie online machen und wo die Gefahren liegen, verhalten sich die Kinder online sozial kompetenter. Wenn Eltern die Internetnutzung ihres Kindes dagegen stärker einschränken, haben diese auch weniger Möglichkeiten, sich mit ihren Freunden über ihre Erlebnisse auszutauschen. Dennoch ist es nicht so einfach: Weniger Regeln bedeuten umgekehrt, dass Kinder mehr ausprobieren und dabei auch häufiger bestimmten Risiken ausgesetzt sind, wie der Konfrontation mit gewalttätigen oder pornografischen Inhalten. Eltern müssen ein gutes Mittelmaß finden, wenn auch eine gesprächsorientierte offene Medienerziehung positiver für das soziale Verhalten der Jugendlichen zu sein scheint.