Festl: Kaum. Wir haben etwa festgestellt: Wer sich generell prosozialer verhält und empathischer ist, verhält sich auch online sozial kompetenter. Außerdem bewältigen Jugendliche online wie offline ihre Entwicklungsaufgaben: sie bahnen romantische Beziehungen an, lösen sich von ihren Eltern, experimentieren damit, wer sie sein wollen. Online bekommen sie dafür etwa auf Instagram neue Möglichkeiten, aber das Prinzip bleibt das Gleiche. Umgekehrt sind Jugendliche schon immer gerne Risiken eingegangen und gelegentlich in aggressives, antisoziales Verhalten abgerutscht. Ob das durch die Online-Nutzung mehr geworden ist, kann nur in Langzeitstudien beantwortet werden. 

ZEIT ONLINE: Was könnten online denn Verstärker sein, außer den hundert Nachrichten am Tag?

Festl: Online haben viele das Gefühl, die ganze Welt hat einen bestimmten Post gesehen, noch dazu, wenn er viele Likes bekommt. Außerdem sieht man die Reaktionen eines Mobbingopfers nicht unbedingt. Generell sinkt das Verantwortungsgefühl des Einzelnen, jemanden zu helfen, wenn viele Menschen anwesend sind, die theoretisch ebenfalls eingreifen könnten.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch den Einfluss der Eltern untersucht und festgestellt: Restriktive Eltern stärken die Sozialkompetenz weniger als Eltern, die offen für die Online-Aktivitäten sind. Wie kommt das und was raten Sie?

Festl: Wenn Eltern ihren Kindern Freiheiten lassen, aber mit ihnen darüber sprechen, was sie online machen und wo die Gefahren liegen, verhalten sich die Kinder online sozial kompetenter. Wenn Eltern die Internetnutzung ihres Kindes dagegen stärker einschränken, haben diese auch weniger Möglichkeiten, sich mit ihren Freunden über ihre Erlebnisse auszutauschen. Dennoch ist es nicht so einfach: Weniger Regeln bedeuten umgekehrt, dass Kinder mehr ausprobieren und dabei auch häufiger bestimmten Risiken ausgesetzt sind, wie der Konfrontation mit gewalttätigen oder pornografischen Inhalten. Eltern müssen ein gutes Mittelmaß finden, wenn auch eine gesprächsorientierte offene Medienerziehung positiver für das soziale Verhalten der Jugendlichen zu sein scheint.