"Na, wann kommt sie denn in die Kita?", fragten mich meine Nachbarn schon, als meine Tochter nicht mal ein Jahr alt war und mir der Gedanke, sie abzugeben, völlig abwegig vorkam. "Ich genieße die Zeit mit ihr", antwortete ich. Meine Nachbarn überzeugte es nicht. Sie und viele andere in meinem Umfeld meinten ungefragt: "Bald geht's ja los mit dem Kindergarten, bald hast du wieder Zeit für dich." Eine befreundete Psychologin fand es wichtig, dass meine Tochter, wenn sie schon von einer Single Mom aufgezogen wird, so schnell wie möglich neue Kontakte in der Kita knüpft. Mit kaum einem Jahr? Von allen Seiten wurde mir suggeriert, dass ich wieder unabhängig sein und tolle Erwachsenensachen machen solle. Dabei wollte ich so viel Zeit mit meinem Kind verbringen, wie es geht.

Ohne groß darüber nachzudenken, hatte ich mich einige Monate nach der Geburt meiner Tochter um einen Kitaplatz bemüht. Schließlich machen das alle so. Ich hatte mit vielen Monaten Wartezeit gerechnet, aber bekam fast auf Anhieb einen in einer großen Kette gleich um die Ecke. Wir konnten kurz nach ihrem ersten Geburtstag anfangen.

Im ersten Moment habe ich gejubelt. Ein Kitaplatz gilt als der neue Sechser im Lotto und ich dachte, es ist Luxus, gleich einen vor der Haustür zu bekommen, und das, ohne hundert Klinken zu putzen. Doch mein zuversichtliches Gefühl schlug schlagartig um. Schon am zweiten Tag der Eingewöhnung sollte ich für kurze Zeit den Raum verlassen. Mein sonst sehr zufriedenes Baby fing lauthals an zu schreien. Ich wollte nicht gehen, aber die Erzieherinnen drängten mich. Vertrauen zu ihnen würden die Kleinen am ehesten aufbauen, wenn sie die Chance bekämen, sie zu trösten. Und das funktioniere nur, wenn ich sie heulend zurücklasse. Ich weigerte mich. 

Die Erzieherinnen sagten, es sei meine Schuld. Ich wäre zu spät dran, meine Einjährige wäre zu alt und würde die Mama-Abgewöhnung so leicht nicht mehr mitmachen. Was soll das heißen? Dass ich mein Baby so früh abgebe, dass es sich nicht wehren kann?

Es kam zum Streit. Erst mit den Erzieherinnen, dann mit der Leitung. Nach wenigen Tagen gab ich den Platz wieder auf.

Betreuung von sieben Uhr bis sieben Uhr abends

Kinder werden nicht nur immer jünger eingewöhnt, sie verbringen auch immer mehr Stunden pro Tag in Krippe, Hort, Kindertagesstätte oder Kindergarten. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Kinder unter drei Jahren in Kindertagesbetreuung zum 1. März 2018 gegenüber dem Vorjahr um rund 27.200 auf insgesamt 789.600 Kinder gestiegen. Damit lag die Betreuungsquote am Stichtag bundesweit bei 33,6 Prozent. Unsere Nachbarin Lulu ist kaum eins und bleibt bis fünf Uhr im Kindergarten, Johann ist ein gutes Jahr und bleibt bis vier.

Eltern fordern mehr Randzeitbetreuungen und flexible Öffnungszeiten. BMW, so heißt es, stellt Babysitter, wenn die Kinder krank werden, auch andere Arbeitgeber bieten Nannys, wenn die Eltern nicht ausfallen dürfen. Was wirkt wie Luxus, bedeutet gleichzeitig, dass man sich seinem Kind, ob krank oder gesund, nicht selbst zuwenden soll. In einem Kindergarten hier in meinem Berliner Kiez liegt ein Kind mit über 40 Grad Fieber neben der Erzieherin auf einer Matratze, und statt dass es zu Hause bleibt, landet es am nächsten Morgen wieder krank mit Medikamenten auf der Matratze.

Es ist fast unmöglich, sich dem gesellschaftlichen Konsens, sein Kind fremdversorgen zu lassen, zu entziehen. Eine Freundin traut sich nicht, zuzugeben, dass sie ein Jobangebot ablehnt, um ihr einjähriges Kind nicht der Babysitterin in die Hände zu geben. Eine andere Freundin aus Hamburg wird angefeindet, weil sie ihr Baby nicht mit eins in die Krippe gibt. Einer Bekannten wird beim Jobtraining gesagt, "So eine bist du also", als sie sich damit outet, dass sie ihren Sohn freiwillig um zwölf Uhr abholt. Meine Cousine aus Köln pendelt aufwendig für eine unbefriedigende Stelle in eine andere Stadt, um dem Image von der arbeitenden Mutter zu entsprechen. Dabei hätte sie das Geld, erst später in den Job zurückzugehen.

Ein paar Tage spielte ich das Spiel mit. Wir machten die erzwungene Trennung im Kindergarten. Meine Tochter gewöhnte sich nicht daran. Nach einigen schlaflosen Nächten habe ich die Eingewöhnung abgebrochen und den Vertrag gekündigt, ohne zu wissen, ob ich je wieder einen Kitaplatz für sie bekomme.

In diesen Eingewöhnungsnächten habe ich Texte über DDR-Kinder gelesen, die ganz früh von ihren Familien abgespalten wurden und noch heute mit den daraus resultierenden Traumata kämpfen. Das ist nicht dasselbe wie heute, wo die Übergänge sanfter gestaltet werden. Aber der gesellschaftliche Druck, sich möglichst früh zu trennen, ist wieder aktuell.

Warum und wann sind Theorien, dass Kinder sich besser entwickeln, je mehr Berührung und Nähe sie erfahren, so aus der Mode gekommen? Neurowissenschaftler und Psychologen wie Joachim Bauer sagen, dass es nur die Eins-zu-eins-Beziehung ist, die intensive Spiegelung, die eine optimale Verschaltung im Gehirn in dieser frühen Phase unterstützt. Vor dem dritten Lebensjahr sei das kindliche Gehirn nicht so weit entwickelt, dass Kompromissfähigkeit und Empathie funktionieren. Das Zusammensein im Kinderrudel verlangt die Anpassung und das Zurücknehmen eigener Bedürfnisse. Für wenige Stunden ist das unproblematisch, aber einen ganzen Tag, mit hohem Geräuschpegel, Aufmerksamkeit zu teilen und sich selbst zu beschäftigen, ist eine extreme Herausforderung. Bevor sich Kinder wirklich äußern können und bevor sie trocken sind, ist der plötzliche Übergang von der Innigkeit mit den Eltern im ersten Jahr zu lauten Wuseltagen mit vielen Kindern ein Nähe-Distanz-Schock. Ich würde sogar behaupten, dass eine emotionale Bedürftigkeit erzeugt wird.