Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster formuliert es so: "In den ersten beiden Jahren steht für alle Kinder das Du im Vordergrund, die Kinder brauchen das, um sich selbst gut kennenzulernen, wir Großen brauchen es, um unsere Kinder kennenzulernen. Im dritten Jahr geht es für die Kinder auf die Reise zum Wir. Manche brechen zögerlich auf, man darf sie dann nicht zwingen, andere schneller, die darf man nicht stoppen. Und beide brauchen weiterhin das vertraute Du mit Menschen, denen sie bedeutsam sind und die gut mit Kindern umgehen können. Das können auch vertraut gewordene Fremde sein und natürlich auch pädagogisches Fachpersonal. Jede Familie muss den besten Weg in diesem skizzierten Gelände finden." Erst wenn sich ein Kind wirklich wohlfühle, könne es lernen.

Er sagt: "Gestresste Kinder lernen nicht – das sollte in großen Buchstaben über jeder Einrichtung stehen, von Krippe bis Schule." Bildung von Kindern sei erst dann möglich, wenn – genau wie bei einem Haus – ein gutes Fundament vorhanden sei. Und das entstehe nach seiner Theorie dann, wenn das Kind eine aufnahmefähige, unbeschädigte Persönlichkeit habe. Warum investieren wir nicht mehr Zeit in das Fundament und ermöglichen eine stressfreiere, geborgenere Kindheit?

Ein befreundeter Kinderarzt hat bei seiner ersten Zeit im Job in Schleswig-Holstein beobachtet, dass Kinder dort tendenziell erst ab drei Jahren in den Kindergarten kommen. Er fand, dass sie in dem Alter entspannter und weniger grob zueinander sind. Solange sie nicht ausdrücken können, was sie möchten, hauen sie eher blind drauf und müssen in der Folge eine Menge einstecken. Eine meiner Freundinnen nennt den Kindergarten schlicht "Dschungel".

Der allgemeine Fremdbetreuungswahn wird nicht infrage gestellt. Vielleicht auch, weil niemand hinter die Kulissen schaut? Meine Freundin in Luxemburg berichtet von einem jungen Mädchen, das unbedingt Erzieherin werden wollte. Sie hat ein Praktikum in einer Krippe für Null- bis Dreijährige gemacht und berichtet von schreienden Babys, die einfach in einen Nebenraum gelegt wurden, damit man das Schreien nicht aushalten musste. Sie betont, dass die Betreuer liebevolle Menschen waren, für eine liebevolle Zuwendung aber schlicht keine Zeit war. Am Ende hat sie ihren Berufswunsch aufgegeben. 

Mir drängt sich der Gedanke auf, dass unfreiwillig outgesourcte Kinder ihre Eltern am Ende ähnlich outsourcen, in Heime stecken und andere machen lassen. Sie haben ja selbst kaum über die Superkükenzeit hinaus persönliche Betreuung durch Herzensmenschen erlebt, wurden an Personal weitergereicht, weil nicht der Raum und die Zeit geschaffen wurden zu einem entspannten Heranwachsen in geschützter Umgebung.

Jetzt konnte meine Tochter mitbestimmen

Als meine Tochter und ich wieder zusammen zu Hause waren, war ich einerseits sehr erleichtert und habe die Verlängerung in unserer exklusiven Mama-Kind-Blase sehr genossen. Wir waren antizyklisch auf den Spielplätzen in unserer Nachbarschaft, haben viel gelesen, sind spät ins Bett gegangen und ich habe meine Kleine morgens ausschlafen lassen. Aber es war/ist auch superanstrengend, immer für sie da zu sein und rund um die Uhr ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Mit fast drei Jahren hat meine Tochter einen Platz im Kindergarten unserer Kirchengemeinde bekommen. Die Eingewöhnung hat über vier Wochen gedauert, ich habe diesmal keine Anweisungen wie "Sie dürfen nicht mit den anderen Kindern interagieren" bekommen und es funktionierte ohne Tränen. Es war, als würde meine Tochter mitbestimmen, was jetzt passiert.

Diesmal lief es besser, und doch hat sich etwas wiederholt. Mir wurde wieder von allen Seiten verkündet, was für eine glorreiche Zeit jetzt anbricht, was für einen unfassbaren Fortschritt es für mein Leben bedeutet, wenn ich das Kind los bin und mich endlich wieder all den tollen Erwachsenendingen zuwenden kann. "Genieß den Vormittag, genieß die Zeit allein! Tu was für dich!" Hundertmal habe ich das gehört. Seit mein Kind auf der Welt ist, gehört es aber zu mir, und ich fühle mich wohler, wenn wir zusammen sind.

Im Moment stößt sich meine Umwelt daran, dass ich es mir erlaube, ein "Mittagskind" zu haben. Meine Tochter wartet täglich um zwölf Uhr auf der Bank an der Kindergartentür auf mich und fällt mir um den Hals, sobald sie mich sieht.

Zuerst hieß es: "Gib sie ab, dann bist du frei!" Jetzt heißt es: "Es ist doch egal, ob sie in der Kita schläft oder zu Hause." Nein, das ist es nicht. Ich wünsche mir, dass meine Tochter mittags zu Hause schläft, weil ich es liebe, sie beim Schlafen zu sehen, und weil ich es wunderschön finde, wenn sie hier bei uns in der Wohnung aufwacht und verschlafen meine Nähe sucht. Ich finde diese Zeit kostbar und kann auch noch mal zwei Stunden konzentriert arbeiten, wenn sie eingeschlafen ist.

Wir müssen alle zurück in den Job, finanzielle Zwänge sind vorhanden und der Vereinbarkeitskonflikt zwischen Familie und Beruf ist Alltag. Arbeitgeber machen selten attraktive Angebote für eine familiengerechte Teilzeit. Im öffentlichen Dienst wurde einer Mitarbeiterin gesagt: "Wir halten deinen Job zwölf Monate für dich frei. Wenn du länger wegbleiben willst, geben wir dir die Stelle, die frei ist." Und diese Stellen sind selten attraktiv. "Wer weiß, was ich dann kriege, wo ich dann hinmuss, ob ich den Standort wechseln muss."

Einer anderen Bekannten wurde nach dem dritten Kind direkt eine hohe Abfindungssumme angeboten, bevor sie überhaupt zurückgekommen ist. Von einem großen Medienunternehmen, das mit seiner Frauenquote prahlt. Konzerne mögen keine Mütter beziehungsweise keine Väter, die nicht hundertprozentig verfügbar sind. Anders als in Skandinavien, wo angeblich Politiker mit der größten Selbstverständlichkeit früh das Büro verlassen mit den Worten: "Ich hole jetzt mein Kind ab."

Meine Work-Life-Balance beruht leider nicht auf bourgeoisen Vermögensverhältnissen. Am Anfang hat mir das Modell der Wunschoma, durch das unsere Minifamilie für eine gewisse Zeit um eine Generation gewachsen ist, sehr geholfen. So konnte ich mit Baby im Schlepptau einen Dokumentarfilm drehen, habe in Nachtschichten gesichtet und getextet und war zwei Wochen am Stück im Schnitt. Langfristig hat dieses persönliche Arrangement nicht funktioniert und jetzt ist meine Tochter gut im Kindergarten angekommen. Durch viel Disziplin an den Vormittagen, Nachtschichten und vor allem das solidarische Selbstverständnis meines Umfelds kommen wir knapp über die Runden.
Priorität ist im Moment, maximal viel Zeit für den Menschen zu haben, der in mein Leben gekommen ist.

Ich sehe jetzt schon, wie unser Leben wieder Fahrt aufnimmt und die Zauberblase, in der ich am Anfang schwebte, langsam dem Alltag weicht. Die magische Zeit mit meiner Kleinen währt nicht ewig. Deshalb investiere ich bewusst jeden Tag.

Ich finde es viel zu schön, die Entwicklung meiner Tochter selbst zu erleben, ich möchte nicht verpassen, wie sie Puppenbabys bekommt, wie sie zum hundertsten Mal ihr Schaukelpferd aufzäumt, Bücher selbst mit Inbrunst vorliest, mir in ihrer Kinderküche einen Kaffee kocht, Rollenspiele mit zwei Klötzchen veranstaltet, sich die Sprache erschließt und ganz wild oder ganz ruhig in meiner Nähe ist.

Ich halte es im Moment noch nicht gut aus, wenn wir länger als ein paar Stunden getrennt sind. Ich fange an, meine Tochter körperlich zu vermissen. Bin ich denn so anders? Ich frage mich, wie es all den anderen Eltern damit geht, ihre Kinder – nachdem sie sie so wie ich fast ein Jahr lang eng vor dem Bauch in der Trage getragen haben – so leicht herzugeben. Und ich wünsche mir, dass es selbstverständlicher wird, die spannende Entwicklung in den ersten Jahren selbst intensiver mitzuerleben und mitzugestalten und vielleicht noch ein Extrajahr an die offizielle Elternzeit dranzuhängen.

Würden mehr Eltern Mut zur Lücke beweisen und ihr Kleinkind nur einen halben Tag fremdbetreuen lassen, könnten wir uns trauen, zu sagen, dass wir einen schönen Nachmittag mit dem Kind verbringen. Mit Vorlesen und Spielen und Toben. Wann werden wir noch mal so gewünscht wie in dieser Phase? Wann bedeutet unsere Zuwendung mehr als jetzt? Aus der gemeinsamen Zeit könnte ein Fundus entstehen, aus dem Kinder und Eltern viele Jahre schöpfen können.

Hinweis: Um die Anonymität der Autorin zu schützen, haben wir ein Pseudonym verwendet. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.