Cassandra Leitner will Maschinenanlagenführerin werden. In ihrer Ausbildung lernt die 17-Jährige, Maschinen zu beaufsichtigen, die Metall zu Bauteilen pressen, die für Waschmaschinen, Trockner oder Fahrstühle gebraucht werden. Sie lernt dasselbe, wie alle anderen Auszubildenden in ihrem Betrieb, arbeitet zu denselben Zeiten, verdient dasselbe Geld.

Aber es gibt einen Moment, der sie von den anderen unterscheidet. "Wenn wir in der Runde stehen und alle unsere Gehaltszettel bekommen, fühle ich mich einfach nur schlecht." Dann wird Cassandra daran erinnert, dass ihr Leben anders ist als das ihrer Kollegen, sagt sie.

Die Azubis in ihrem Betrieb erhalten 840 Euro. Cassandra bleiben davon aber monatlich nur 210 Euro. Den Großteil ihres Gehalts, 630 Euro, muss sie ans Jugendamt abgeben. Der Grund dafür steht im achten Sozialgesetzbuch und nennt sich "Kostenheranziehung". Cassandra ist ein Pflegekind, das selbst Geld verdient. Deswegen muss sie sich an den Kosten für ihre Unterbringung selbst beteiligen. Bis zu 75 Prozent ihres Einkommens müssen Pflegekinder an das Jugendamt zurückzahlen – das Geld nutzt der Staat, um die Unterbringung in einer Pflegefamilie zu finanzieren.

Die FDP fordert, dass Pflegekinder ihr Geld behalten dürfen

Pflege- oder Heimkinder haben in ihrem jungen Leben schon viel durchgemacht. Sie sind von ihren Eltern vernachlässigt worden, sie wurden vergessen und vielleicht sogar verprügelt. Das alles haben die Jugendlichen sich nicht ausgesucht. Dass sie es schaffen, einen Schulabschluss zu machen, dass sie eine Ausbildung anfangen, schon das ist für viele nicht selbstverständlich. Umso ungerechter finden viele von ihnen, dass sie jetzt das selbst verdiente Geld nicht behalten dürfen.

Die Politik hat erkannt, dass die Kostenheranziehung ein Problem für die Betroffenen ist. Grüne, Linke und FDP wollen sie abschaffen. Ein Antrag der FDP-Fraktion befindet sich derzeit im Familienausschuss. Im Januar oder Februar soll darüber beraten werden. Kommt es zu einer Abstimmung, könnte Paragraph 94, Absatz 6 bald verschwinden – und mit ihm die Pflicht, Kostenbeiträge zu leisten.

Bislang besteht sie nicht nur für Pflege-, sondern auch für Heimkinder. Laut Statistischem Bundesamt leben in Deutschland 74.969 Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien sowie 96.506 in Heimen. Sobald sie Geld verdienen, müssen sie Kostenbeiträge leisten. Dabei spielt keine Rolle, ob sie in Ausbildung oder fest angestellt sind. Selbst wenn sie nur nebenbei Zeitungen austragen oder während der Ferien Regale im Supermarkt einräumen, gehen drei Viertel des Gehalts ans Jugendamt.

"Unfair", findet Cassandra Leitner das. Seit sechs Jahren lebt sie bei einer Pflegefamilie in Bayern. Ihr leiblicher Vater hatte sich nicht um sie und ihre zwei Schwestern gekümmert. Er war arbeitslos, rauchte viel und gab sein Geld eher für Tabak aus als für die Nahrung seiner Kinder. "Jetzt werde ich dafür bestraft, dass meine Eltern Mist gebaut haben", sagt Cassandra.

Mit 17 Jahren ist sie in einem Alter, in dem sie selbstständig werden will. Cassandra will den Führerschein machen oder für die erste eigene Wohnung sparen. Bei 210 Euro, die ihr monatlich bleiben, ist daran jedoch nicht zu denken. Auch weil sie einen Teil davon für Fahrkarten einplanen muss. Jeden Monat gibt sie 140 Euro für Bus und Bahn aus, um zum Betrieb oder in die Berufsschule zu kommen. Der Betrag wird ihr vom Jugendamt zwar erstattet – meist jedoch nicht direkt zum Ende eines Monats, sondern vier Wochen später. "Ich strecke also einiges an Geld vor, bis ich etwas davon wiedersehe", sagt Cassandra. Das heißt im Alltag oft: Verzicht. Die neue Jeans, die da im Schaufenster hängt und ihr so gut gefällt, kann sie sich nicht leisten. Und wenn sie mal ins Kino geht, dann "nicht ohne schlechtes Gewissen".

Immerhin kann Cassandra auf ihre Pflegemutter zählen. "Wir haben ein gutes Verhältnis, sie unterstützt mich so gut sie kann", sagt Cassandra. Ab und zu bekommt die 17-Jährige von ihr Geld für die Fahrkarten. Außerdem zahlt die Pflegemutter einen Teil des Unterhalts auf ein Sparbuch ein. In Bayern erhalten Eltern für ein Pflegekind 748 Euro Unterhalt. Das Geld soll Miete, Essen, Kleidung und Pflegeprodukte finanzieren. Hinzu kommt ein Betrag von 350 Euro, der Pflegeeltern für die Erziehung der Kinder und Jugendlichen entlohnt. Cassandra ist dankbar, dass ihre Pflegemutter davon etwas für sie zur Seite legt. Aber es ist ihr auch unangenehm. "Eigentlich will ich mein Leben allein bewältigen", sagt sie.