Wednesday Martin erscheint zum Interview in einem Mix aus Streetwear und elitär: Strickpullunder kombiniert mit Verlobungsbrillantring, am Handgelenk Tattoo neben Kettchen. Was anderes hatte man von ihr auch nicht erwartet, stilistisch passt sie sich gerne ihrer Umgebung an. Und nachdem sie sich für ihr Buch über Millionärsgattinnen extra einen Schrank voll Designerklamotten zugelegt hatte, ist sie jetzt nun mal in Berlin. Sie sei froh darüber, endlich hier zu sein, erklärt Martin.

In einem ihrer ersten Bücher schrieb sie unter anderem über die sexuelle Freizügigkeit der Frauen dieser Stadt. Ihr nächstes Buch drehte sich um Stiefmütter ("Stepmonster"), das darauf – das über die Millionärsgattinen in der Upper East Site – wurde ein Bestseller. In ihrem neuen Buch hat sich Martin nun die Ehebrecherin vorgenommen. "Untrue" ist ein wildes Gemisch aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlichen Geschichten.

ZEIT ONLINE: In Primats of Park Avenue (2015) beschrieben Sie die privilegierten Ehefrauen in New York. Ihr neues Buch handelt von unterdrückter weiblicher Libido. Ist Untrue die logische Folge, also eine Fortsetzung Ihres Buches über die Primaten?

Wednesday Martin: Als ich über die Frauen von der Upper East Side schrieb, dachte ich, dass sie ihr Begehren sublimierten. Statt ein aufregendes Liebesleben zu haben, steckten sie all ihre Energie darein, ihren Körper zu perfektionieren und für ihre Männer sexuell verfügbar zu sein. Dann traf ich eines Abends auf einer Party eine Frau. Sie hatte gehört, dass ich über die Frauen der Upper East Side schrieb. Sie fragte: "Geht es in Ihrem Buch um die Affären mit den Pussy Whisperers?" Ich hatte keine Ahnung, wen sie meinte, aber damit sie weiter redete, sagte ich: Ja.

ZEIT ONLINE: Pussy Whisperers? Ist das so was Ähnliches wie ein Pferdeflüsterer?

Martin: Genau. Nur dass hier mit der Vulva kommuniziert wird. Im Laufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass ein Großteil dieser reichen, heterosexuellen New Yorkerinnen Affären mit ihren Personal Trainerinnen hatten. Sie haben richtig gehört: Trainerinnen. Da wurde mir klar: Ich hatte gerade erst angefangen, diese Frauen zu verstehen.

ZEIT ONLINE: Eine der Thesen Ihres Buches ist, dass weibliche Sexualität eine Frage der wirtschaftlichen Umstände ist.

Martin: Nehmen wir das Beispiel dieser verheirateten New Yorker Frauen. Sie verbringen ihre Sommermonate mit ihren Kindern in Ressorts, während ihre Männer in der City bleiben und arbeiten. In diesen Monaten haben sie Affären mit anderen Frauen. Kommen sie im Herbst zurück nach New York, leben sie dann wieder heterosexuell. Sie haben also in gewisser Weise Recht: Untrue ist eine Folge von Primates of Park Avenue. Aber für mein neues Buch habe ich viel breiter recherchiert. Die Daten, die ich aus den verschiedenen Forschungsgebieten zusammengetragen habe, beschränken sich nicht auf Reiche. Sie nehmen alle Frauen in den Blick, über Generationen und Klassen hinweg.

Wednesday Martin ist promovierte Anthropologin und Autorin populärer Sachbücher. Ihr Buch "Die Primaten der Park Avenue" sorgte für große Aufregung, wurde wegen Ungenauigkeiten kritisiert – und ein Bestseller. © Elena Siebert/​dpa

ZEIT ONLINE: Wenn ich mein persönliches Umfeld anschaue, würde ich sagen, die Beziehungen der Generation Y sind wieder deutlich konservativer geworden. Sie haben 31 Wissenschaftlerinnen interviewt und 30 Frauen zwischen 20 und 93 Jahren nach ihren Liebesgeschichten befragt. Teilt die Wissenschaft meine Einschätzung?

Martin: Es ist genau das Gegenteil. Wir wissen schon länger, dass Frauen eine fluide Sexualität haben, also dass sie nicht so festgelegt sind, ob sie heterosexuell oder queer leben. Neuerdings hat sich übrigens herausgestellt, dass es auch bei Männern so ist: Jüngere Menschen sind insgesamt flexibler, was ihre sexuellen Beziehungen angeht, nicht konservativer. Die Psychologin Lisa Diamond, die auch den Begriff "Sexual Fluidity", also nicht festgelegte Sexualität, geprägt hat, hat für eine Studie junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren interviewt, die sich als heterosexuell bezeichnen. Die haben ihr von sexuellen Fantasien mit anderen Männern erzählt und von Pornofilmen mit Männern, die sie anschauen. Dann befragte sie ältere Männer, die teilten diese Fantasien nicht. Diamonds These lautet, dass die Ideologie, mit der man aufwächst, die sexuelle Identität bestimmt. Wer in stärker heteronormativen Kontexten groß wird, dessen Sexualität ist auch rigider.

ZEIT ONLINE: Aber leben nicht heute viel mehr junge Menschen in sehr festen, eheähnlichen Beziehungen als noch vor einer Generation?

Martin: Das kann schon sein. Aber diese Beziehungen sind nicht notwendigerweise monogam. Junge, queer lebende Frauen beispielsweise betrachten Sex außerhalb ihrer festen Beziehung heute oft eher als etwas, was die Beziehung stärkt und nicht schwächt.

ZEIT ONLINE: Stirbt die Monogamie also aus?

Martin: Nicht zu unseren Lebzeiten. Unsere industrialisierte Gesellschaft ist auf die exklusive Ehe aufgebaut, so ist gesichert, wie der Besitz weitergegeben wird. So ein Modell überlebt sich nicht so schnell, wenn sich die Verhältnisse nicht ändern. Eine Revolution gegen die Monogamie ist noch in weiter Ferne.

ZEIT ONLINE: Das klingt, als würden Sie das bedauern. Ist Ihr Buch ein Manifest gegen die Monogamie?

Martin: Es ist auf jeden Fall eine Polemik. Was ich erreichen will, ist, dass Frauen ihre Sexualität hinterfragen. Dass sie das Gefühl bekommen, ein Recht zu haben, ihr Begehren auszuleben. Dass sie darüber nachdenken, wen und wie sie begehren. Vielleicht ist das in Berlin anders, aber an vielen Orten der Welt ist sexuelle Autonomie, ein nicht monogamer Lebensstil, immer noch lebensgefährlich für Frauen.

ZEIT ONLINE: Ist das auch der Lebensstil, der Sie persönlich glücklich macht?

Martin: Sagen wir so: Zwischen 20 und 30 war das auf jeden Fall nichts für mich.

ZEIT ONLINE: Ihr Mann brachte zwei Töchter mit in die Ehe, mit der jüngeren lebten Sie für eine Zeit zusammen. Haben Sie als Stiefmutter auch so vehement für das Ausleben der weiblichen Libido argumentiert?

Martin: Nein, leider nicht. Wenn ich mit den Mädchen über Sex gesprochen habe, dann habe ich oft auf die Gefahren hingewiesen, die ja tatsächlich für Frauen größer sind. Etwa dass man als Frau sich einfach anatomisch leichter Krankheiten einfangen kann. Bei meinen Söhnen, die heute 11 und 18 sind, betone ich viel mehr, wie viel Spaß Sex machen kann. Ich bin also mitschuldig daran, dass sich gewisse Stereotype weitertragen. Dabei wünschte ich mir sehr, dass junge Frauen verstehen, dass es ihr Recht ist, sich auszutoben. Dass sie fürs Abenteuer geschaffen wurden.

Wednesday Martin holt aus einer kleinen grauen Tasche ein pinkes Plastikmodell hervor, das wie ein Gewächs aussieht. 

Martin: Wissen Sie, was das ist?

ZEIT ONLINE: Nein.

Martin: Das ist ein 3-D Modell einer Klitoris. Wussten Sie, dass dieses Sexualorgan fast zehn Zentimeter groß und sehr komplex ist? Nein? Sehen Sie, das meine ich, wenn ich sage, dass wir viel zu wenig über weibliche Lust wissen. Dieses Modell wurde zum ersten Mal 2005 von der Französin Odile Fillod entwickelt. Vorher hatten wir keine konkrete Vorstellung von der Klitoris. Die meisten denken, sie sei nur ein winziger Punkt.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass unsere wirtschaftlichen Verhältnisse uns dazu gebracht haben, dass wir das Begehren von Frauen vernachlässigen und das von Männern priorisieren. Wie darf ich das verstehen?

Martin: Wir sind zwar längst keine auf Landwirtschaft basierende Kultur mehr, aber wir leben immer noch im Schatten des Pfluges. Als die Menschen Jäger und Sammler waren, da war der Bewegungsradius für Männer wie für Frauen groß. Aber als der Besitz ins Spiel kam, als es Felder und Häuser zu bewirtschaften gab, wurde die Freiheit der Frauen extrem eingeschränkt. Sie bekamen ihre Kinder in kürzeren Abständen und waren so immer mehr ans Haus gebunden. Und als es Besitz gab, da wurde plötzlich auch die Frage wichtig, wer wessen Kind ist.

Vergleichen wir diesen Ansatz etwa mit einer Kultur wie der der Himba, ein Volk im Norden Namibias, dann stellen wir fest, dass Menschen auch ganz anders leben können. Hier erben zum Beispiel immer die Kinder der Schwester eines Mannes dessen Besitz. Deswegen stört es da auch nicht, wenn aus einer Affäre ein Kind entsteht. Es gibt bei den Himbas die Vorstellung einer doppelten Vaterschaft. Geliebte und Ehemänner kümmern sich um den Nachwuchs. Egal, ob er biologisch nun der eigene ist.

Wednesday Martin © Berlin Verlag

ZEIT ONLINE: Sie sagen, wenn die Macht zwischen Männern und Frauen gleich verteilt wäre, dann hätten Frauen genauso viele Orgasmen wie Männer. Ist es wirklich so einfach?

Martin: Ja. Viele glauben ja, dass Frauen weniger Spaß am Sex haben, weil das eine Geschichte ist, die immer wieder erzählt wird. Männer neigen dazu, mit ihren Affären anzugeben und die Zahl ihrer Sexualpartner zu übertreiben. Frauen dagegen sprechen seltener von ihren außerehelichen Erlebnissen und sie spielen die Zahl der Männer, mit denen sie Sex hatten, runter. So verfestigt sich die Vorstellung, dass für Männer der Sex wichtiger ist. Dabei habe ich mir gerade heute morgen spannende Zahlen für Deutschland angeschaut: Diesen zufolge ist der Gap hierzulande beim Thema außereheliche Affären gar nicht so groß wie in anderen Ländern.

ZEIT ONLINE: Was machen wir richtig?

Martin: Eine Erklärung dafür ist Ihre Bundeskanzlerin. In einem Wirtschaftssystem, in dem Frauen einen realen Anteil an politischer Macht, sozialem Einfluss und Kaufkraft haben, gestattet man Frauen auch eher das eigentlich für Männer reservierte Privileg einer autonomen Sexualität. Angela Merkel hat also, vielleicht unabsichtlich, viel für die Befreiung der weiblichen Libido getan.

ZEIT ONLINE: Im Ernst?

Martin: Schauen wir uns den Orgasmus-Gap an: Man geht davon aus, dass Männer dreimal so oft wie Frauen Orgasmen haben. Weil Männer mehr Macht haben, wird der Weg, wie sie am einfachsten zum Orgasmus kommen, als der einzig wahre anerkannt. Und das ist, wenn es um heterosexuelle Begegnungen geht, der Penis-Vagina-Sex. Es hat sich aber gezeigt, dass Frauen bei anderen Sexualpraktiken häufiger zum Orgasmus kommen würden. Wenn Frauen mehr politische, soziale und wirtschaftliche Macht bekommen, dann würden auch diese anderen Arten von Sex wichtiger. Wir definieren ja Sex klassischerweise als das, was zwischen männlicher Erregung und männlichem Orgasmus passiert. Dabei gibt es da noch viel mehr. Schauen Sie sich die Mikroökonomie einer lesbischen Beziehung an. Da ist die Definition viel weiter. Sex mit einem Umschnalldildo ist da nur eine Möglichkeit unter vielen.

ZEIT ONLINE: Braucht man mehr als 20 Jahre nach dem Start von Sex and the City wirklich noch die Wissenschaft, um uns von der Idee zu befreien, Frauen hätten keine Lust am Sex?

Martin: 20 Jahre sind wenig, wenn man überlegt, dass Menschen vor zirka 13.000 Jahren die Landwirtschaft erfunden haben und mit ihr das Modell der monogamen Beziehung, die heute noch die dominante Lebensform ist.

ZEIT ONLINE: Vielleicht auch, weil viel dafür spricht?

Martin: Für manche Frauen kann das stimmen. Aber es gibt auch andere, auch das zeigen uns die Daten der Wissenschaft. Ein nicht zu vernachlässigender Anteil von Frauen fängt nach zwei bis drei Jahren monogamer Beziehung an, sich sexuell zu langweilen. Die Zahlen sind hier sogar größer als bei Männern. Müsste es für diese Frauen nicht eine Lösung geben, die nicht mit Scham, Schuld und Verletzungen verbunden ist?