Operierte Partyschönheiten

Hana sieht aus wie Mariah Carey, ihre Schwester Nasrin wie Demi Moore. Nichts deutet darauf hin, dass Hana und Nasrin, beide 32 Jahre alt, eineiige Zwillinge sind. Hana hat eine Stupsnase, herzförmig aufgespritzte Lippen und honigblonde Locken. Nasrin hat der Chirurg ein griechisches Profil verpasst. Hana und Nasrin sind stolz auf ihre Schönheitsoperationen. Die Verbände auf den Nasenrücken trugen die beiden Studentinnen der Sozialwissenschaft noch, da waren die Wunden längst verheilt.

Plastische Chirurgie verstößt eigentlich gegen die Ideale der Islamischen Republik. Seelische Schönheit gilt mehr als die äußere. Doch das Regime duldet kosmetische Operationen, sie sind hip. Ungefähr 3000 plastische Chirurgen haben sich in Teheran niedergelassen. In keinem Land der Welt werden mehr Nasen verschönert als in der Islamischen Republik, jährlich zwischen 60.000 und 70.000. Der Hype ist so stark, dass sogar Schaufensterpuppen einen Verband im Gesicht tragen.
Hana und Nasrin leben im reichen Norden von Teheran in einem Appartement, das wirkt wie eine Kulisse aus der US-Serie Reich und Schön: weiße Ledersofas, Kristalllüster, Clubsessel. Die Familie hat genug Geld für Schönheitsoperationen. Hana denkt jetzt noch über eine Brust-Vergrößerung nach. Im Bekanntenkreis der Zwillinge gibt es kaum eine Frau, die sich nicht unters Messer legt.

Dabei geht es den Frauen nicht nur um Verschönerung, sondern auch um Veränderung und sogar um Selbstbestimmung. Sheila zum Beispiel, eine Freundin der Zwillinge hat einen Mund, der aussieht wie ein Schlauchboot, über den Wangenknochen knistert die Haut pergamentartig und ihre Nase erinnert an eine Spitzmaus. Ein verstörender Anblick, zumindest für einen Betrachter, der an das europäische natürliche Schönheitsideal gewöhnt ist.

Frauen wie Sheila, Nasrin und Hana aus der iranischen Oberschicht orientieren sich an Hollywood-Sternchen aus Vorabendserien. Sie kopieren, was amerikanische Satellitenprogramme in ihre Wohnungen übertragen.

Auf der Straße muss vieles versteckt werden. Iranische Mädchen tragen eine Schuluniform. Ab neun Jahren gilt in der Öffentlichkeit der Hidschab für Frauen: Das heißt Kopftuch und ein Mantel, der die Knie bedeckt, sind Pflicht. "Bei so vielen Vorschriften bin ich froh, wenn ich mit meinem Körper anstellen kann, was ich will", sagt Sheila. Die kosmetische Chirurgie in Iran ist ein Politikum und eine kleine Nische der Freiheit.

Discos sind verboten in Iran; deshalb holen die Zwillinge sie nach Hause. "Zur Feier des Tages", sagt Nasrin und öffnet eine Fanta-Flasche mit Rotwein. Der Rotwein schmeckt nach Essig. Er ist so sauer, dass Nasrin das Gesicht verzieht. Doch der Wein ist etwas Besonderes. Der Onkel der Zwillinge hat ihn gekeltert auf seinem Landsitz in der Nähe von Teheran, heimlich. Denn auf Alkoholgenuss und -besitz stehen in Iran Peitschenhiebe.

Wodka kann man jedoch problemlos bestellen über einen Drogen-Kurier, einen Taxifahrer, der illegal Alkohol aus Afghanistan an Privathaushalte liefert. Eine Flasche Wodka kostet ungefähr 35 US-Dollar, mehr als doppelt so viel wie eine Nacht in einem Mittelklasse-Hotel.
Jamshid ist der erste Gast. Er trägt einen elfenbeinweißen Anzug, sein fliederfarbenes Seidenhemd ist bis zu den Brusthaaren aufgeknöpft, auf dem Bauch baumelt ein Goldanhänger in Peace-Form. "Partyyyy!" ruft er. Um acht Uhr sitzen 15 Leute um den Tisch, sie trinken Wodka, Wodka, Wodka. Jamshid beginnt zu singen, einen traditionellen, persischen Song. Alle stimmen ein.

 

Bis Nasrin "Tanzen!" ruft und einen Arm über den Kopf hebt wie eine Flamenco-Königin. Gekreische: "Ja!!!" Im Nebenzimmer steht die Stereoanlage. Nasrin dreht Live is Life auf von Opus. "Leben ist leben" grölen die Party-Gäste im Refrain. Sie tanzen im Stockdunklen auf Socken, sie tanzen, als gäbe es kein Morgen mehr.
In Hanas Zimmer macht ein Joint die Runde. Jamshid hat ihn gedreht und angezündet, nun wird er herumgereicht. Hana zieht. Sie kichert und reißt das Fenster auf. Frische Nachtluft zerstreut den Geruch von Marihuana. Die Eltern sind weg, wer soll den Haschkonsum anprangern? Ali, der Bruder, sagt Hana.

Ali kifft selber. Aber er will nicht, dass sich seine Schwestern verhalten wie er, sagt Nasrin. Er tanzt nebenan zu einer Disconummer aus den USA. Er hat seine Hasch rauchenden Schwestern nicht bemerkt und turtelt mit einer Frau herum.

Ali ist westlich eingestellt. Dennoch trägt er die iranische Traditions-Brille. Nach der gelten für Jungs andere Gesetze als für Mädchen. Wenn Ali kifft und mit Frauen schäkert, ist das okay. Seine Schwestern können durch so ein Verhalten schnell billig wirken, davor möchte er sie schützen, sagt er. Ein Spagat zwischen Tradition und Moderne, der Hana und Nasrin nervt. Sie möchten ausreisen und in Kanada weiter studieren. Ihre Zukunft sehen sie in Toronto, nicht in Teheran.

Kurz vor Mitternacht. Das Ende der Party kommt so überraschend wie Regen in der Wüste. Die Zwillinge tragen leere Teller und Gläser in die Küche. Die Frauen schlingen Kopftücher ums Haar. Küsschen rechts, Küsschen links, tschüs! Die Geschwister bleiben zurück und beeilen sich, die Spuren der Party zu beseitigen. Trotz Wodka, trotz Hasch, wirken die Zwillinge stocknüchtern. In Iran muss man es beherrschen, schnell die Fasson wieder zu gewinnen.