Renate Strom* ist Familienhebamme im Auftrag des Gesundheitsamtes in Hamburg. An diesem Morgen steht sie wie verabredet vor dem Wohnhaus der 18-jährigen Kerstin Schütt*. Oben brennt Licht, doch niemand öffnet. Kerstin Schütt ist seit knapp sechs Wochen alleinerziehende Mutter.

Durch eine ehemalige Betreuerin vom Jugendamt kam Renate Strom mit ihr in Kontakt. Und zunächst war ihr Einsatz vielversprechend. Die Familienhebamme half der jungen Frau, ihre schon weit fort geschrittene Schwangerschaft zu akzeptieren. Sie übte mit ihr, ihren sich verändernden Körper wahrzunehmen. Und es gelang Kerstin, eine emotionale Bindung zu dem in ihr wachsenden Kind herzustellen.

Als das Mädchen geboren wurde, war sie sehr glücklich. Sie hatte nun eine eigene kleine Familie.  Doch von der Hebamme fühlte Kerstin Schütt sich jetzt bedrängt. Strom lobte zwar den liebevollen Umgang mit dem Baby, bemängelte aber, dass sie schmutzige Fläschchen neu befüllte, die Nahrung zu heiß war, der Säugling sich wund lag in Windeln, die vor Nässe trieften.

Um all das zu üben, bot die Hebamme an, noch häufiger zu kommen. Doch die junge Mutter lehnte ab und war zu den vereinbarten Terminen auch nicht mehr erreichbar. Als Renate Strom feststellte, dass Kerstin Schütt entgegen der Absprache  die Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt versäumte, verabredeten sie sich für diesen Morgen, um gemeinsam hinzugehen. Sie klingelt abermals, versucht es telefonisch, schickt eine SMS, wartet in der Kälte, bis sie sich entschließt, später wieder zu kommen.

Familienhebammen gibt es in Deutschland vereinzelt schon seit 1980, doch erst seit wenigen Jahren, ausgelöst durch aufsehenerregende Fälle von Kindesmisshandlung, wird dieses vielversprechende Hilfsangebot ausgebaut. Familienhebammen sind qualifiziert, hoch belastete Familien, mit vielfältigen psychosozialen und medizinischen Hilfen zu unterstützen. Hebammen werden oft von den Familien besser akzeptiert als Jugendamtsmitarbeiter beispielsweise. Denn sie werden mehr als Helfer denn als Kontrolleure erlebt. Das  erleichtert ihnen, Zugang zu finden zu Menschen, die ansonsten schwer zu erreichen sind. 

Hebamme Strom geht als nächstes zu Carola Yilmaz*. Ihr Sohn Max reckt seine Hände in die Höhe und bestaunt seine sich bewegenden Finger.  Carola Yilmaz drückt die Ärmchen auf die Wickelunterlage. "Bleib mal ruhig" flüstert sie. "Ich muss dich ausziehen, gleich gibt es Massage". Sie sieht an Max vorbei. Es fällt ihr schwer, mit dem Baby zu sprechen, doch sie bemüht sich. Max ist vor sieben Wochen ohne Komplikationen auf die Welt gekommen. Eine Hebamme für die Wochenbettzeit wollten die Eltern nicht. Sie wollten ganz unter sich sein in Max` ersten Lebenswochen, für die Carola Yilmaz's Mann Ozan seinen Resturlaub aufgespart hatte.

Die junge Mutter fühlte jedoch schnell, dass etwas nicht stimmte. Wenn sie Max hoch nahm, drehte er sich zur Seite und drückte mit gepressten Lauten sein Missfallen aus. Mochte das Baby seine Mutter nicht?  Wenn Ozan nach Hause kam, war der Kleine glücklich. Ozan blies die Lippen und gurrte genau wie sein Sohn, lachte und tanzte mit ihm durch die Wohnung. Carola fand das affig.