Am 11. Oktober 2009 schreibt Henio Żytomirski auf seiner Facebook-Seite: "Ich habe heute beschlossen, nie aus Lublin wegzugehen. Ich werde für immer hier bleiben, in meiner Lieblingsstadt. Mit Mama und Papa. In Lublin." Henios Facebook-Freunde wissen jetzt schon: Der Junge wird in Lublin bleiben. Aber er wird sterben. Wie seine Eltern, seine ganze Familie.

Henio ist ein kleiner Junge in kurzen Hosen. Weißes Hemd. Schwarze Haare, dunkle Augen. So steht er auf einem seiner zwei Profilbilder vor einem Hauseingang auf einer Stufe in Lublin, Krakowskie-Przedmieście-Straße 64. Das andere Bild zeigt die Stufe, wie sie heute aussieht. Ohne Henio.

Henio wurde am 25. März 1933 geboren. Er war Jude. Er starb im Konzentrationslager Majdanek, 1942 wahrscheinlich, den Tag kennt niemand. Auch Piotr Brożek vom Kulturzentrum Brama Grodzka - Teatr NN in Lublin nicht. Er hat Henio auf der sozialen Internet-Plattform wieder zum Leben erweckt . Henio hat schon mehr als 2000 Facebook-Freunde - aus aller Welt, obwohl er bis jetzt nur auf Polnisch schreibt.

Die Freunde grüßen auf Englisch, Hebräisch, Italienisch, Deutsch. Sie schicken Bilder. Und sie versuchen, Henio zu erklären, was er erlebt. Am 5. Oktober schreibt Henio: "Opa sagt, dass der Krieg bald aufhört. Er sagt, dass die Soldaten auch Familien haben. Wie kann das sein? Sie haben Familien, aber sie töten Familien." Irena aus Litauen antwortet: "Sie haben kein Herz."

"Mein Name ist Henio Żytomirski. Ich bin sieben Jahre alt. Ich wohne in der Szewska Straße 3 in Lublin." Mehr verrät der Junge auf Facebook noch nicht. Auf den Webseiten des Kulturzentrums ist seine traurige Lebensgeschichte nachzulesen, auch auf Englisch und Hebräisch. Mit vielen Lücken.

Der Winter ist gekommen. Jeder Jude muss einen David-Stern mit seinem Nachnamen tragen. Vieles hat sich geändert. Auf der Straße sind deutsche Soldaten. Mama sagt, dass ich mich nicht fürchten soll, dass alles immer gut wird. Immer?
Henios Facebook-Eintrag vom 29. September

Denn Henios Schicksal ist nicht im Detail bekannt. Sicher ist aus Briefen zu rekonstruieren, dass die Familie 1941 in das Ghetto ziehen musste, das die Deutschen in der Altstadt errichteten. Die Żytomirskis überlebten seine Auflösung 1942, anders als Tausende Juden, die in das Vernichtungslager Belzec deportiert wurden. Aus dem neuen Ghetto Majdan Tatarski wurde die Familie jedoch nach Majdanek verschleppt. Dort verliert sich ihre Spur.

Eine Kusine Henios, die israelische Künstlerin Neta Żytomirska-Avidar, kam 2007 zu einer Ausstellung ihrer Grafiken nach Lublin. Sie brachte ein Album mit Fotos mit: Henio 1934 als Baby auf dem Arm von Vater Szmuel, 1936 mit Mutter Sara auf dem Litewski-Platz in Lublin, mit Großvater Froim, der im Ghetto an Typhus starb. Henio bei einer Geburtstagsfeier, beim Abschied von Onkel Leon, dem Vater von Neta Żytomirska-Avidar, der 1937 nach Palästina auswanderte und als einziger den Holocaust überlebte.

Es gibt Dinge, die man nie sehen sollte, über die man nie reden sollte. Ich habe Angst, die Augen aufzumachen. Ich habe Angst, den Mund aufzumachen. Ich habe keine Angst zuzuhören - ich höre nur Mama und Papa zu. Nur das gibt mir Mut. Nur das ist mir geblieben.
Henios Facebook-Eintrag vom 17. Oktober

Das letzte Bild, Henios Profilbild auf Facebook, zeigt ihn mit sechs Jahren, kurz vor seiner Einschulung. Er sollte sie am 1. September 1939 feiern. Es war der Tag des deutschen Überfalls auf Polen. Henio ging nie zur Schule. Die letzten Seiten des Albums blieben leer.

"Tief bewegt" habe das die Mitarbeiter, heißt es auf den Seiten des Kulturzentrums. Henio sei zum Symbol geworden für das Schicksal der Juden von Lublin. In den 90er Jahren entdeckte der Leiter des Zentrums Tomasz Pietrasiewicz die reiche jüdische Geschichte Lublins. In der Stadt lebten lange Zeit mehr Juden als Christen.

Zu kommunistischen Zeiten wurde jedoch das jüdische Erbe verschwiegen. Pietrasiewicz wusste nicht einmal, dass das "Brama Grodzka", das Grodzka-Tor aus dem 14. Jahrhundert, in dem das Kulturzentrum seinen Sitz hat, einst den jüdischen und den christlichen Stadtteil trennte: "Warum hat mir das keiner gesagt, dass es hier einen jüdischen Stadtteil gab?", fragt er.

Jedes Jahr steht nun am 19. April, dem Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto und Polens Holocaust-Gedenktag, ein Briefkasten dort, wo Henios letztes Foto entstand. Die Lubliner können ihm schreiben und einen Spaziergang zu den Schauplätzen seiner Lebensgeschichte unternehmen. Es gibt eine Multimedia-Präsentation über Henio. Auch in einer Ausstellung über Kinder im ehemaligen Konzentrationslager Majdanek stoßen Besucher auf ihn.

Papa hat gesagt, dass es beim Briefesschreiben um die Erinnerung geht. Mama hat gesagt, dass man sich nur an die guten und schönen Seiten des Lebens erinnern soll. Ich wusste, dass das die Wahrheit war."
Henios Facebook-Eintrag vom 18. Oktober

Facebook war die logische Fortsetzung. Piotr Brożek, der seit August im Internet Henios Rolle spielt, ist 22 Jahre alt. Generation Internet. "Ich versuche", sagt er, "mir vorzustellen, wie dieser kleine Junge seine Welt erlebt hat." Der virtuelle Henio soll die aussterbenden Zeitzeugen ersetzen, die von den Schrecken des Nationalsozialismus berichten können. Er soll die Zeit der Besatzung, des Holocaust nachvollziehbar, lebendig machen. Bald auch auf Englisch, verspricht Brożek.

Das Projekt soll dazu beitragen, dass sich Verbrechen wie die der Nationalsozialisten nicht wiederholen. Geht man nach dem, was Henios Facebook-Freunde schreiben, scheint das zu gelingen: "Lieber Henio, ich habe noch nie einen Brief an einen Toten geschrieben, aber ich versuche es mal. Mein Bruder wird bald acht Jahre alt sein, und es macht mir ein bisschen Angst. Du musstest sterben, wie viele andere - und warum? Weil Du Jude warst, oder vielleicht, weil Du Pole warst? Wir müssen unbedingt sicherstellen, dass sich so etwas nicht wiederholt. Nie wieder."