Zu Weihnachten werden sie wieder voll sein, Deutschlands Kirchen. Auch viele Menschen, die den Rest des Jahres mit Religion nichts am Hut haben, zelebrieren an Heiligabend die Tradition, einen Gottesdienst zu besuchen. Doch können die gut besuchten Weihnachtsveranstaltungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass den großen Kirchen die jungen Mitglieder weglaufen. Aber wohin laufen sie eigentlich?

Nicht eben wenige haben sich jungen, freien Gemeinden angeschlossen, in denen weniger die Tradition als vielmehr das Event kultiviert wird.  Sie nennen sich "Jesus Freaks", betreiben Gemeinde-Galerien oder organisieren christliche Metal-Festivals. Sie feiern Gottesdienste in Kinosälen oder Fabrikhallen statt in alten Kirchen. Und danach diskutieren sie die Predigt beim Latte Macchiato im nächsten Straßencafé.

"Wenn sich die Einstellungen von Jugendlichen zur Institution Kirche geändert hat, heißt das keinesfalls, dass Religion für junge Leute in Deutschland keine Rolle mehr spielt", sagt der Soziologe Waldemar Vogelgesang von der Universität Trier, der seit zwei Jahrzehnten die Bedeutung der Religion für Jugendliche in Jugendstudien untersucht. Nicht in Alltagsgesprächen und traditionellen Kirchen wird Religion diskutiert und gelebt, sondern in neuen religiöse Szenen und innovativen Gemeinden.

Daria ist in einer christlichen Familie in Bochum aufgewachsen und immer regelmäßig zu Gottesdiensten gegangen. Als sie nach dem Abitur nach Berlin zog, war sie begeistert von der "Jungen Kirche Berlin" (JKB). Seit der Gründung der Gemeinde vor zehn Jahren wird hier jeden Sonntagabend eine "Jesus Party" gefeiert. "Diese Mischung aus Gottesdienst und Party fand zunächst in unserem Wohnzimmer statt", erzählt JKB-Pfarrer Alexander Garth, "als der Platz nicht mehr ausreichte, haben wir uns unsere eigenen Räume gesucht". Inzwischen hat die Gemeinde 150 Mitglieder, das Durchschnittsalter liegt bei 22 – und das in einer Region, in der laut Garth 95 Prozent der Menschen keiner Kirche angehören. Für den Pfarrer ist es angesichts der "gähnenden Langeweile" in vielen Kirchen wenig verwunderlich, wenn junge Menschen sich der Kirche gegenüber distanziert zeigen. Er selbst peppt seine Predigten schon mal mit einem Video von Xavier Naidoo auf, oder er zeigt eine James-Bond-Szene, wenn das seine Botschaft auf den Punkt bringt.

Heute ist Daria 27 und vor ein paar Monaten hat sie die Gemeinde gewechselt. "Im 'Berlinprojekt' gibt es viele Freiberufler und Künstler. Die meisten sind zwischen 25 und 35 – das sind also Leute wie ich." In der Predigt werden Themen besprochen, die sie etwas angehen und die Gemeinde fördert junge Künstler mit einer eigenen Galerie. Im Gottesdienst werden Jazz, klassische Musik und Lieder von Songwritern gespielt.

"Wie auf dem Arbeitsmarkt, wo man nicht mehr einfach den Beruf des Vaters übernimmt, sondern seine eigenen Entscheidungen fällen muss, hat jeder auch in religiöser Hinsicht die Möglichkeit und Verantwortung sein Leben zu gestalten", sagt der Kommunikations- und Medienwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Hepp von der Universität Bremen. "Individualisierung der Religion" nennt sich das. "Auch als Kind einer katholischen Familie können Sie den Buddhismus für sich entdecken oder Sie landen womöglich bei der Wellness-Bewegung, die für Sie irgendwelche religiösen Dimensionen hat".

Die Gottesdienste des Berlinprojekts finden nicht zwischen kalten Kirchenmauern, sondern in einem Kinosaal statt. "Ich gehe da hin, nehme mir einen Kaffeebecher und setze mich in so einen gemütlichen Kinosessel. Das hat etwas total Entspanntes und Behagliches", erzählt Daria.