Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bestätigt in ihrer jährlichen Bilanz Bildung auf einen Blick erneut die deutsche Schieflage.

Deutschland knausert. Der Anteil aller privaten und staatlichen Ausgaben des Bruttosozialprodukts ist für die Bildung mit 4,8 Prozent gering und wird nur noch von vier Ländern wie der Türkei und der Slowakei unterboten. Schlecht sieht auch die Quote der Studienanfänger und Absolventen der Hochschulen aus. Dabei zeigen die Zahlen abermals, dass sich keine Investition so auszahlt wie Geld für die öffentliche Bildung: Denn eine höhere Bildung verspricht hohe Renditen für den Einzelnen und für die Volkswirtschaft.

Die bereits vergangene Woche veröffentlichte OECD-Kinderstudie zeigte, wie sehr unser Land, allen Sonntagsreden über die Bedeutung der Bildung zum Trotz, ihren Einrichtungen misstraut. 40 Prozent aller staatlichen Aufwendungen für Kinder gehen hierzulande an die Eltern. Bei den erfolgreichen und kinderfreundlicheren Ländern Skandinaviens werden nur 20 Prozent auf die Familienkonten geleitet. Das meiste Geld bekommen dort die Kindergärten, Horte und Schulen sowie Freizeitstätten.

Die schöne Architektur der Bildungshäuser gehört zu den ersten und bleibenden Eindrücken in diesen Ländern. Die Finnen sagen stolz: Unsere besten Architekten bauen Schulen. Die Atmosphäre ist ihnen ebenso wichtig wie der Lehrplan. Wenn Deutsche eine geschmackvoll ausgestattet dänische Schule betreten, dann gucken sie sich zuweilen irritiert an, als wollten sie sagen, ist das nicht ein bisschen übertrieben? Nein, ist es nicht.

Das zeigt in ihrem gerade erschienen Buch* Ulrike Kegler, die Leiterin der staatlichen Montessori-Oberschule in Potsdam. Sie hat ihre Schule nach skandinavischen Vorbildern umgebaut. Nach der Auswertung landesweiter Vergleichsarbeiten in Brandenburg wurde sie zum Schulrat bestellt. Mit weichen Knien machte sie sich auf den Weg. Plötzlich überkamen sie Zweifel an all dem, was sie die vergangenen Jahre begonnen hatte. Denn sie fragte sich, ob so eine Schule, vielleicht doch Einbußen in den Leistungen hinnehmen musste? Einen Moment lang dachte sie also wieder so wie viele Menschen in Deutschland. Entweder Freude oder Leistung. Schule ist doch nicht dazu da, Spaß zu machen.

 "Ihre Schule ist Spitze", begrüßte sie der Schulrat. "Verraten Sie uns bitte Ihr Geheimnis!" Die Antwort: Die Schule muss schön sein, ein Lebensraum. Es kommt darauf an, der Lernzeit einen neuen Rhythmus zu geben, und darauf, wie mit den vielen kleinen Dingen umgegangen wird, von denen keines egal ist.

Reinhard Kahl schreibt für ZEIT ONLINE die Bildungskolumne Wurzeln und Flügel © privat

Es ist der Abschied von einer Schule des Stillsitzens. Abschied vom Lernen im Gleichschritt.

Wissen und die Fertigkeiten der Schüler sind deshalb nicht unwichtig. Aber sie entstehen am besten, wenn respektiert wird, dass jedes Kind anders ist und deshalb auch anders lernt. Und das ist kein Nachteil, auf den man Rücksicht nehmen muss. Es ist ein Vorteil, verschieden zu sein. Die Schule muss das Eigene der Kinder herausfordern. Doch dieses Eigene gibt keiner preis, der nicht willkommen ist und sich nicht wohl fühlt.