Daniel hatte Glück. Er  besucht die neunte Klasse einer Hauptschule in Augsburg und er wird den qualifizierenden Abschluss schaffen. Das sagt sein ehemaliger Sozialarbeiter Jürgen Adler. Schulpsychologen, Berater, das Jugendamt und ein Verein für Jugendkriminalitätsprävention haben bis dahin seinen Weg gekreuzt.

Denn in der fünften Klasse sah seine Prognose nicht so gut aus. Daniel ist zwar auf keiner Brennpunktschule, er war auch nie aggressiv, aber er kam oft zu spät, ohne Schulranzen und ohne Essen ins Klassenzimmer und hatte selten seine Hausaufgaben erledigt. Ein Kind wie viele andere. Trotzdem bat die Lehrerin den Sozialarbeiter um ein beiläufiges Gespräch. Und Daniel konnte geholfen werden.

Die Frage, ab wann ein Schülerverhalten grenzwertig wird, wann Sozialarbeiter oder Psychologen in Krisensitzungen oder Supervisionen ihre Tätigkeit aufnehmen sollen, lässt sich nicht in straffe Richtlinien pressen. Oft entscheidet die individuelle Schmerzgrenze des Lehrers, die Ausstattung der Schule in punkto Sozialarbeiter beziehungsweise Schulpsychologen oder die Sorge der Eltern darüber, ob und wer um Rat gefragt wird. Wie weit ihm letztendlich geholfen werden kann, hängt allerdings auch davon ab, wie motiviert und reflektiert der Schüler selbst ist.

Freiwilligkeit ist eine der Grundlagen für die Arbeit der Schulberater, wie Helga Ulbricht sagt. Sie leitet die staatliche Schulberatungsstelle für die Stadt und den Landkreis München. Aber Ulbricht sagt: "Information und die Autonomie der Eltern haben im Laufe von 15 Jahren dazu geführt, dass die Akzeptanz und das Wissen um die Angebote bei Lehrern, Schülern und Eltern stark zugenommen hat."  Die Chancen stehen also gut, dass Eltern und Kinder sich auf eine Beratung einlassen.

Wenn denn ein Berater Zeit hat. In Bayern, wo Daniel zur Schule geht, steht den Schülern einer Realschule beispielsweise ein Schulsozialarbeiter für wenige Stunden pro Woche zur Verfügung, für Gymnasien gelten ähnliche Zahlen. Aber die Haupt- und die Grundschulen sind gut aufgestellt. Das sagen zumindest die Zahlen des Kultusministeriums. Seit dem Frühjahr arbeitet die bayerische Behörde an einer Neukonzeption der Schulberatung. Die Effizienz soll gesteigert und neue Sozialarbeiter sollen eingestellt werden.

Mindestens ebenso wichtig wie die individuelle Betreuung des Problemkindes ist die Kultur in der Schule. Jonas Röthlein ist Diplom-Sozialpädagoge und Vorsitzender des Landesverbands Bayerischer Schulpsychologen. Er nennt als ein Hauptziel der Prävention – vor allem der Gewaltprävention - die "Kultur der Sicherheit, des Respekts und der gegenseitigen emotionalen Unterstützung". Der Aufbau zwischenmenschlicher Bindungen ist ein zentrales, präventives Element. Aber auch dafür braucht man engagierte Leute, Pädagogen, Psychologen und Sozialarbeiter. Vor allem aber ein hohes Maß an persönlichem Einsatz.

Angelika Bayer ist Direktorin der größten bayerischen Hauptschule, der Kappellenschule in Augsburg und sie sagt: "Wir müssen einen großen Platz im Leben der Kinder einnehmen." Lange Zeit war der Ruf der Schule schlecht. Knapp 500 Schüler, von denen beinahe die Hälfte einen Migrationshintergrund haben, lernen hier.