Andi und Ayshe  heißen die Comic-Figuren, die den Neuntklässler an einer Bonner Hauptschule im Islamunterricht als Vorbilder und Freunde dienen. Ihnen machen "radikale  Islamisten das Leben schwer", wie der nordrhein-westfälische Innenminister im Vorwort zum Comic-Heft ankündigt. Er sagt das natürlich stilecht in einer Sprechblase. Heute lesen die Schüler mit verteilten Rollen das Kapitel über Gewalt/Terrorismus/Dschihad. Und erleben dabei, wie ein düster blickender Hassprediger Ayshe und Andi mit geschenkten DVDs und CDs zur Gewalt verführen und den Koran zum Grundgesetz erklären will.

Aber die jugendlichen Helden fallen darauf nicht herein, ebenso wenig die Bonner Schüler. "Dschihad heißt Anstrengung der Seele", fasst der 15-jährige Abdullah zusammen, "das persönliche Bemühen um ein gottgefälliges Leben im friedlichen Sinne". Diese Schulstunde dient der Erziehung loyaler muslimischer Staatsbürger. "Was wir hier von unserer Religion lernen, ist für uns neu und spannend", erklärt Hozan, eine gebürtige Rheinländerin.

Mehr als die Hälfte der 300 Schüler an der Johannes-Rau-Hauptschule der Bundesstadt haben einen muslimischen Hintergrund. Ihre Familien  kommen aus der Türkei und dem Nahen Osten, Nordafrika und Afghanistan. Sie sind der lebende Beweis für Weltreligion. Die allermeisten nehmen freiwillig an der "Islamkunde in deutscher Sprache" teil, zwei Stunden pro Woche wie im christlichen Religionsunterricht. Die Noten zählen für die Versetzung. Die Pädagogen sind Muslime, sehr oft wie Nimet Kenali, die die Neuntklässler unterrichtet, im Hauptberuf Türkischlehrer. Ihr Kollege Bernd Bauknecht hat Islamkunde studiert, die zweitwichtigste Qualifikation für den Lehrernachwuchs.     

Das Unterrichtsangebot ist nicht selbstverständlich. Es besteht an Rhein und Ruhr seit der Jahrtausendwende, aber derzeit nur für sechstausend von insgesamt 300.000 Muslimen an rund 130 Grund-, Haupt- und Realschulen. Die Schulleitungen selber müssen bei der Regierung einen Antrag stellen.

Das Fach ist kein Bekenntnisunterricht. Den kann es offiziell deshalb nicht geben, weil der Staat auf muslimischer Seite keinen allgemein anerkannten Partner nach Art der Kirchen hat. Der amtliche Auftrag der Islamkunde besteht vielmehr darin, "dem einzelnen zu helfen, in einem säkularisierten, von christlicher Kultur geprägten Land als Muslim zu leben" und gegenüber Andersgläubigen tolerant zu sein. Deshalb werden in der Islamkunde auch das Christentum und die jüdische Religion vorgestellt, aber natürlich hauptsächlich die "fünf Säulen" des Islam: das Glaubensbekenntnis zum einen Gott und die vorgeschriebenen Gebete, die Armenfürsorge, der Fastenmonat und die Pilgerfahrt nach Mekka. Geschichten wie die von Yusuf oder Joseph von Ägypten, die Bibel und Koran gleichermaßen erzählen, bezeugen ungeahnte Gemeinsamkeiten.

Ähnliche Schulversuche für eine einstellige Prozentzahl von bundesweit  900.000 muslimischen Pennälern gibt es etwa auch in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und demnächst in Hessen. "Wir wollen Schülerinnen und Schüler nicht den unkontrollierten Hinterhof-Koranschulen überlassen", betont die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler. Trotzdem können viele Lehrende das nicht uneingeschränkt  glauben. Sie verweisen auf eklatante Unterschiede gegenüber anderen Seiteneinsteigern in den Lehrerberuf etwa für Mathematik und Physik. Die werden besser bezahlt. Und haben anders als Islamlehrer die Chance, sich im Dienst für ein Zweitfach und damit für die Verbeamtung nachzuqualifizieren.

Islamkunde erscheint auch vielen gar nicht immer nötig: Denn kaum ein Gymnasium beteiligt sich an den Schulversuchen. "Das brauchen wir nicht", hat Lehrer Bauknecht schon von vielen Gymnasialdirektoren gehört. "Wer zu uns kommt, ist doch schon integriert!" Womit die höheren Bildungsapostel übersehen, dass ausgerechnet Religion als einziges Schulfach im Grundgesetz abgesichert ist (Artikel 7). Für Bauknecht und seine Kollegen ist es mehr als ein bloßes Mittel für soziale Integration.

Andi und Ayshe und ihre jugendlichen Leser sollen nicht nur gegen Extremismus gewappnet werden, sondern umfassende Antworten für die Orientierung im Leben hier und heute finden, so Bauknecht. Gerade bei brisanten Themen wie der Gleichberechtigung von Frau und Mann -  ganz konkret wird das beim Thema Mädchen auf Klassenfahrt - will er den Schülern vermitteln, wie sie zwischen religiösem Kern und der wechselnden  kulturellen Einkleidung unterscheiden können.

"Die Herkunftskulturen meiner Schüler können natürlich nicht von selbst die Maßstäbe für die Herausforderungen in unserer Kultur bieten", sagt der deutsche Muslim. "Als Pädagoge kann ich mich allerdings auch im Zweifelsfalle schwerlich zwischen Eltern und Kinder stellen." Sein Dilemma: "Wir haben in Deutschland einfach noch nicht die Religionspädagogik, die wir hier brauchen." Für Andi, Ayshe und die real existierende Hozan, die von sich sagt: "Ich bin hier zu Hause und will  nirgendwo anders leben." Sie trägt wie die meisten in ihrer Bonner Klasse kein Kopftuch – und Lehrer Bauknecht trägt auch keinen Bart.