M.Z. will kein gläsernes Opfer sein. Er möchte anonym bleiben, weiterleben, ohne von anderen gebrandmarkt zu werden. Sein ganzes Leben lang hat der 47-Jährige geschwiegen, verdrängt, vergessen. Er sagt: "Vielleicht aus Loyalität gegenüber der Kirche, dem Orden, der Schule, der Erziehung, sicher aber aus Scham." So wie viele seiner damaligen Klassenkameraden am Berliner Canisisus-Kolleg. 2009 hatten sie in der Vorbereitung auf ein Klassentreffen über damals gesprochen und sich dann an die Ordensanwältin Ursula Raue gewandt. Einen Monat später habe der Brief von Schulleiter Klaus Mertes im Briefkasten gelegen. Manche von ihnen hätten sich im Anschluss gesammelt einen Anwalt gesucht.

Bei Manuela Groll hätten sich viele nach all den Jahren zum ersten Mal wieder getroffen, manche hätten sich dort erst kennengelernt, weil sie aus anderen Städten hinzugestoßen seien. Die Gruppe hätte abgewartet, um zu sehen, wie die Kirche agiere. Jetzt nach der Bischofskonferenz sei da diese immense Wut und Enttäuschung: "Es sind nicht nur Einzeltäter. In den Erklärungen der ‚Täterorganisation‘ vermisse ich ein Wort: Verantwortung. Wer übernimmt sie für das Vertuschen der Taten, die vor 30 Jahren mein Leben und das vieler anderer verletzt haben? Wir haben unseren Mund aufgemacht und werden wieder einfach nur stehen gelassen."

Nach der Entschuldigung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, hat sich M.Z. in einem offenen Brief an die kirchlichen Institutionen gewandt. Von Scham und Schande zu sprechen, sei nicht genug. "Was der Orden und die Kirche damit zu tun haben? Als 13-Jähriger glaubte ich, dass der Pater im Namen der Kirche spräche, der erklärte, mir helfen zu wollen, nicht der ,Sünde‘ der Masturbation' anheimzufallen. Das war der Vertrauensvorschuss, der die Taten erst ermöglichte. Deshalb klagen wir nicht nur die Täter, sondern auch die Kirche an. Sie sind schuldig geworden durch Wegsehen, Vertuschen und Verschweigen."

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M.Z. ist gläubiger Katholik. Wer mit ihm spricht, vernimmt die klaren Worte eines Mannes, der sich gewappnet hat. Auch für das Gespräch, weil er sich entschieden hat, doch zu sprechen, obwohl da die Angst ist, zu viel zu sagen, sich zu sehr zu öffnen. M.Z. ist ein sanfter Mensch. "Seit vier Wochen laufen in ganz Deutschland Hunderte Betroffene herum, denen es so geht wie mir." Sie stehen unter extremer, nervlicher Anspannung, was aber kein Wunder sei, wenn nach so langer Zeit der Deckel vom Topf genommen werde und alles wieder da sei. "Es gibt Partner, Kinder und Eltern, die jetzt zum ersten Mal von ihren Ehemännern und Vätern von dem Missbrauch erfahren haben." Es sei ein Ausnahmezustand in der kleinen West-Berliner Katholiken Diaspora von damals, weil es fast jeden betreffe. "Man legt sich Zügel an, die Jahre streichen vorbei, und die Stille dämpft das Gefühl. Dann schlägt man die Zeitung auf und liest seine Geschichte. Plötzlich ist da die Erinnerung", sagt M.Z.