ZEIT ONLINE: Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdoğan hat die Einrichtung türkischer Gymnasien in Deutschland vorgeschlagen. Warum regen sich jetzt eigentlich alle so auf? Es gibt doch schon längst Schulen mit Türkischunterricht in Deutschland? Auch in Ihrem Bundesland.

Armin Laschet: Richtig, wir in Nordrhein-Westfalen haben Türkisch als Fremdsprache in  vielen Schulen eingeführt, beispielsweise auch an Hauptschulen. Erdoğan fordert aber türkische Schulen, das heißt der gesamte Unterricht fände dort auf Türkisch statt. Das verbaut Kindern, die bei uns leben, Integrations- und Aufstiegschancen. Das ist der Grund der Aufregung.

ZEIT ONLINE: Es gibt französische Gymnasien und englischsprachige Schulen in Deutschland. Tut man der Türkei nicht unrecht, wann man im Fall von türkischen Schulen so einen Wirbel macht?

Laschet: Nein, tut man nicht. Das unsinnigste an Erdoğans Vorschlag ist der Vergleich mit deutschen Schulen in Istanbul. Dorthin schickt eine türkische Oberschicht ihre Kinder, die will, dass sie zusätzlich Deutsch lernen. Und es gehen deutsche Kinder in der Türkei auf diese Schulen. Wir aber haben das soziale Problem, dass unsere Zuwandererkinder nicht den Aufstieg in die deutsche Gesellschaft schaffen. Wenn die bis zum 18. oder 19. Lebensjahr in türkischsprachige Schulen gehen, haben sie keinerlei Chancen aufzusteigen. Das ist auch nicht mit einer englischen Schule vergleichbar, auf die deutsche Oberschichtler ihre Kinder schicken, damit sie zusätzlich noch Englisch lernen. Wir reden von Kindern, die schlecht Deutsch sprechen. Und die sollen in türkischen Schulen Türkisch unterrichtet werden? Das ist ein Gedankenfehler.

ZEIT ONLINE: Vielleicht geht es Erdoğan mit seinem Vorschlag eher um ein Signal der Annäherung zwischen beiden Ländern? So wie die Einrichtung französischer Schulen ja auch ein Signal war.

Laschet: Erdoğan soll keine Signale geben, sondern er soll sich, wenn er sich schon in deutsche Innenpolitik einmischt, um Aufstiegschancen türkischstämmiger Kinder kümmern. Ein bisschen ist das auch die alte Gastarbeiter-Attitüde, die man eigentlich überwunden hat. Erdoğan ist nicht zuständig für Kinder, die hier geboren wurden und die türkische Wurzeln haben. Dafür sind die Kultusminister in den Bundesländern da.

ZEIT ONLINE: Aber hat nicht auch die deutsche Außenpolitik immer auch das Ziel, die deutsche Sprache im Ausland zu fördern? Warum gesteht man das nicht der Türkei zu?

Laschet: Wenn das Erdoğans Absicht war, meinetwegen. Wenn er die türkische Sprache im Ausland fördern will, dann kann er das gerne machen. Dann muss er türkische Kulturinstitute gründen, in denen Deutsche Türkisch lernen. Das tun wir ja auch mit dem Goethe-Institut. Ich habe seinen Vorschlag aber im Integrationszusammenhang gesehen. Und da behindert er die Chancen von Kindern, die hier leben.

ZEIT ONLINE:  Es gibt Wissenschaftler, die sagen: Kinder müssen erst ihre Muttersprache gut können, bevor sie eine andere lernen. Könnte ein türkischer Schulunterricht da nicht nützlich sein? In dem Sinne, dass die Kinder erst das Türkische richtig lernen und dann Deutsch?

Laschet: Wir machen ja muttersprachlichen Unterricht. Die These ist richtig, dass türkische Eltern mit ihren Eltern gutes Türkisch sprechen sollten. Die teile ich voll und ganz. Auch die These, dass man zuerst seine Muttersprache gut lernen sollte, ehe man eine zweite lernt. Nur: Die Defizite liegen in der deutschen Sprache. Wir haben in NRW beispielsweise verpflichtende  Sprachtests für Vierjährige eingeführt, damit die Kinder im Kindergarten schon Deutsch lernen. Nur so haben sie überhaupt eine Startchance, wenn sie in die Schule kommen. Wenn sie die ersten Jahre an der Schule erstmal nur Türkisch sprechen, ist der weitere Weg verbaut.

ZEIT ONLINE: Ist es dabei nicht ein Problem, dass viele Kinder mit Migrationshintergrund gar nicht in den Kindergarten gehen?

Laschet: Unser verpflichtender Sprachtest wendet sich an alle Kinder. Alle müssen teilnehmen, auch Kinder, die nicht im Kindergarten sind. Die meisten Eltern melden ihre Kinder danach im Kindergarten an. Wenn sie das nicht tun, müssen sie ihre Kinder an Sprachfördermaßnahmen teilnehmen lassen.