Die Sozialkunde-Lehrerin bringt diesmal einen Experten in Uniform mit in die 10e an der Gesamtschule Bonn-Beuel. Er stellt sich den 16-jährigen Mädchen und Jungen als Fachmann für Sicherheitspolitik vor. Thorsten Schlich ist hauptberuflicher Jugendoffizier der Bundeswehr. Sein Einsatz: den gesetzlichen Auftrag und den aktuellen Einsatz der Streitkräfte zu erklären. Der Hauptmann hat bundesweit 93 Kameraden mit der gleichen Dienstaufgabe und -stellung, darunter vier Frauen, allesamt Zeitsoldaten um die Dreißig. Im Jahr besuchen sie, immer nur auf Einladung der Lehrer, insgesamt gut 100.000 Pennäler an allgemeinbildenden Schulen, meist für zwei Stunden.

Zum Einstieg sagt der 31-Jährige kurz etwas von sich selbst. Er ist Fallschirmjäger und Diplom-Pädagoge der Bundeswehr-Uni in Hamburg. Alle Jugendoffiziere haben solch eine militärische und akademische Doppelqualifikation. Dann gleich eine Frage auf Tuchfühlung mit den Schülern: "Wer von euch kennt denn selber jemanden im Soldatenberuf?" Da gehen sofort fünf, sechs Hände hoch, für die Tante, den Cousin, den Nachbarn.

Und nun die pädagogische Grundfrage: "Wofür ist die Bundeswehr da?" Da fallen jedenfalls einigen schnell Bilder aus der tagesschau ein:  Katastrophenhilfe etwa beim Oderhochwasser, der Schutz von Deutschen vor  Piraten an der somalischen Küste, Afghanistan. "Ja, der Einsatz dort ist wie Krieg, schmeckt wie Krieg, tut weh wie Krieg", sagt der Hauptmann. Und verkauft sich keineswegs als Heilsbringer: "Ein Soldat mit Waffen kann nicht Frieden schaffen", so Schlich; man müsse aber erst mal die Konfliktparteien trennen, die in vielen Ecken der Welt etwa um Wasser, Nahrung oder auch  Öl streiten. Dann sei der zivile (Wieder-)Aufbau möglich, mit Entwicklungshilfe und internationalen Ratgebern. Schlich spricht vom Militär als nur einem von mehreren Mitgestaltern "vernetzter Sicherheit", neben Polizei, funktionierender Zivilverwaltung,  Bildung, menschenwürdiger Beschäftigung.

In der Diskussion zeigt sich der Experte ausgesucht höflich und geschmeidig, greift eine falsche Antwort mit "Du meinst wohl das Richtige" auf, das der nächste Schüler prompt auch richtig formuliert. Ein einziges Mal kommt ihm ein fast barsches "Nein" über Lippen – auf die provokante Frage, ob die Bundeswehr ihren Bündnispartnern manchmal als weich und schwach erscheine. Als es klingelt, applaudieren alle.

Die Verbände der Zivildienstleistenden werden von den Schulen nicht oft angefragt

"Ja, die sind unheimlich gut", sagt Thomas Frank von der kirchenamtlichen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer über die Soldaten, die in Schulen auftreten. Er verweist neidlos auf mehrwöchige Lehrgänge an der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation , in denen die Jugendoffiziere den letzten Schliff für ihren sicherheitspolitischen Auftritt bekommen.

Kirchenmann Frank selber hat jedoch andere Ansichten. Er rückt Alternativen zur Wehrpflicht in den Vordergrund, den Zivildienst oder auch das Freiwillige Soziale Jahr im Ausland. "Auch wir gehen in Schulen, werden aber leider von den Lehrern nicht so oft nachgefragt." Gleiches hat der Sprecher des Bundesamtes für den Zivildienst erfahren. Die Experten in Zivil sehen ihre Schulveranstaltungen als faire Ergänzung zum Bundeswehrauftritt.

Demgegenüber bleibt die mitgliederstarke Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft bei kompromissloser Ablehnung: " Die politische Bildung – auch in Fragen der Sicherheitspolitik – gehört nicht in die Hand von Jugendoffizieren ."

Trotzdem haben mehrere Bundesländer, allen voran Nordrhein-Westfalen, seit ein paar Jahren so gar  Kooperationsvereinbarungen zwischen Schulministerium und Bundeswehr, die den Verfassungsauftrag beider Partner unterstreichen.

Bisher ist aber kein neues Bundesland dabei. "In der ehemaligen DDR dürften die N(ationale)V(olks)A(rmee)-Werbemethoden bei vielen Menschen schlechte Erinnerungen wecken", kommentierte dieser Tage eine führende Thüringer Zeitung . Der Vergleich empört die Jugendoffiziere. "Berufsberatung machen bei uns andere anderswo", so Schlich. Für ihn und Seinesgleichen gilt wie für alle politische Bildung der " Beutelsbacher Konsens ": er verbietet jede einseitige Information und verlangt die kontroverse Darstellung. Wenn von den Schülern nichts kommt, nimmt Hauptmann Schlich auch mal selber die andere Seite ein. Er erklärt zum Beispiel, dass die Piraterie auch damit zusammenhänge, dass die Europäer für die Überfischung an der somalischen Küste verantwortlich seien.

Viele Lehrer bleiben trotzdem skeptisch, schon allein wegen der verflixten Vorbildfunktion, die jeder Pädagoge hat. Erik aus der 10e zum Beispiel findet den Hauptmann prompt "cool". Und es geht noch cooler: Einer der Jugendoffizier an der Ruhr kommt seit seinem Afghanistan-Einsatz mit der "Ehrenspange" auf der Uniform in die Schule. Er stammt aus der Gegend um Kabul, ist als Siebenjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland geflohen und wie selbstverständlich ein gläubiger Muslim. Über die eigene Person kann er seinen Lehrauftrag besonders glaubwürdig rüberbringen.

Wird die Solovorstellung dem Fachlehrer zu bunt, kann er natürlich jederzeit eingreifen oder später nachbessern. Denn er hat das erste und letzte Wort in der Klasse.