Eigenwillige Geschichten haben die mit dem Schulpreis geehrten Schulen alle.  Die Schule in Templin, der Heimatstadt von Angela Merkel, zum Beispiel, war noch vor ein paar Jahren eine Sonderschule für geistig Behinderte. Dann hat sie sich auch für nicht behinderte Kinder geöffnet; sie ist beliebt und erfolgreich damit. Das Firstwald Gymnasium in Baden-Württemberg, ebenfalls in evangelischer Trägerschaft, erweiterte sich um eine Grundschule, deren Pädagogik die höhere Schule nun inspiriert und voran bringt. Eine staatliche Realschule in Bayern bringt körperliche Bewegung in den Alltag und untersucht zusammen mit Neurobiologen, wie Bewegung den Leistungen und der Freude am Lernen bekommt.
Und dann die Sophie-Scholl-Schule in Oberjoch in den Kalkalpen. "Sie hat bei unserem Peter ein Wunder vollbracht", sagte Dagmar Loesing, Peters Mutter, heute in Berlin, nachdem diese Schule aus der Hand von Angela Merkel den mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis erhalten hatte.
 
Sieben Schulen wurden von der Bundeskanzlerin mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Zum vierten Mal wurde er vergeben. Gestiftet haben ihn die Robert Bosch Stiftung  und deren kleine Schwester, die Heidehof Stiftung, die von Robert Boschs Kindern ins Leben gerufen wurde. In der Jury  sitzen Erziehungswissenschaftler, darunter der Deutsche Pisa Chef, reformerische Pädagogen, aber auch der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz.
 
Der Deutsche Schulpreis zeigt seit 2006, welch ausgezeichnete Schulen es in diesem Land gibt. Schulen mit Eigensinn, Institutionen, die gewissermaßen eine Biografie haben. Sie begnügen sich nicht damit Lehrpläne zu erfüllen und Erlasse ausführen. 24 Schulen wurden in den vier Jahren prämiert. Allesamt haben eine einladende und zu Leistungen herausfordernde  Atmosphäre geschaffen. Von Kindern, Jugendlichen und auch von Lehrern wird Lernen dort als eine Vorfreude auf sich selbst erlebt, als die Möglichkeit zur eigenen Biografie. Das gilt auch für die Institution selbst.
 
Damit  wird Lernen in einem tieferen Sinne ermöglicht als gewohnt. Es wird nicht nur Wissen in Köpfe kopiert, die dabei gewöhnlich immer gleichgültiger werden. Die ungewöhnlichen Wege dieser Schulen sind für sie inzwischen ebenso normal, wie es für die Kinder in diesen Schulen normal wird, verschieden zu sein. An diesen Schulen wird ein tief greifender Paradigmenwechsel offenbar. Oft haben sich diese Schulen gegen die Bildungsverwaltung durchgesetzt oder in Nischen ihr Programm begonnen.
 
So ist die mit dem Hauptpreis bedachte Sophie-Scholl-Schule im Allgäuer Oberjoch an eine Kurklinik für herz- und lungenkanke Kinder angeschlossen, die dort in der Regel nur vier bis acht Wochen sind. Als die Schulleiterin vor zehn Jahren anfing, fand sie eine Art Nachhilfeinstitut vor.  Inzwischen wurde daraus ein Gasthaus des Lernens, in dem jeweils 200 Kinder und Jugendliche ihre Freude am Lernen wiederfinden.  Diese Schule zeigt, was die viel diskutierte "Individualisierung des Lernens" tatsächlich bedeutet und wie sie geht. In altersgemischten Klassen sitzen Abiturienten neben Hauptschülern, verlangsamte Lerner neben Überfliegern. Sie werden als Individuen behandelt, manchmal erstmals in ihrem Schülerleben. Sie alle steigern sich, kommen in ihre Heimatschulen gestärkt und häufig mit Wissensvorsprüngen zurück.
 
Ebenfalls ausgezeichnet wurde das Oberstufenkolleg in Bielfeld. Es führt schon seit den siebziger Jahren Jugendliche auf ihrem zweiten oder dritten Bildungsweg zum Abitur und zur Hochschule. Einem weiteren Preisträger, der Grundschule Süd in Landau, gelingt es Kinder aus sozialen Brennpunkten wieder neugierig zu machen. Ähnliches leistet die Schule am Park in Behrenhoff in der Nähe von Greifswald.  Dort werden Kinder, die von anderen Schulen häufig schon aufgegeben worden waren oder Sonderschulkarrieren hinter sich haben zum Abschluss gebracht. Und weil manch einer argwöhnte, das könne wohl nicht mit rechten Dingen zugehen, lässt die Schule die Abschlüsse seit ein paar Jahren extern abnehmen. Kein Schüler ist in den vergangenen Jahren durchgefallen.
 
Was macht diese Schulen so erfolgreich? Sie achten auf die Kinder und Jugendlichen, die sie besuchen. Jedes Kind hat seine Biografie. Und die Schule lebt ihre Ziele auch im Alltag, in den tausend kleinen Dingen, auf die es ankommt. Die Lehrer verbieten sich das Jammern und erlauben sich, aus den Problemen, unter denen sie leiden, eigene Lösungen, oftmals pädagogische Erfindungen zu machen. Die Schulen lernen dazu und entfalten einen Geist, in dem Kinder lernen wollen. Angela Dombrowski, Leiterin der Sophie-Scholl-Schule in Oberjoch, nennt diesen Geist, "das Wollen leben". Selbst etwas zu wollen, das ist nicht banal. Dafür eine Atmosphäre zu schaffen, das ist die Kernidee der guten Schulen.
 
Die Schulpreisverleihung, der Preis wurde in der St. Elisabeth Kirche in der Invalidenstraße in Berlin von der Kanzlerin verliehen, bekam eine ungewollte symbolische Aufladung. Er wurde am Vortag des dritten Bildungsgipfels der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten und mitten in der Woche erneuter "Bildungsstreik"-Aktionen von Schülern und Studenten verliehen.

Bei der Feier mit der Bundeskanzlerin und allerlei Prominenz begeisterten vor allem die Kinder aus den sieben gekrönten Schulen mit ihrer Klarheit und Klugheit in den Interviews mit der Moderatorin Sandra Maischberger.  Die Kanzlerin war dann überrascht von der Frage, was sie denn heute gelernt hätte. "Ich – heute – gelernt?" Und zu ihrer Schulzeit fiel ihr vor allem die Anstrengung ein, "außer in Russisch und Mathe." Ein Enkel von Robert Bosch wusste, dass sich sein Großvater vor allem in Schule gelangweilt hätte. Er auch. Da würden immer noch Bleigewichte an die Füße gehängt. Deshalb, so der Bosch Erbe; "Freiheit für die Schulen!"

Das Szenarium dieser Woche mit Schulpreis, Bildungsgipfel und wieder erwachenden Schülern und Studenten bieten den Prospekt einer anderen, künftigen Bildungspolitik: Der Staat setzt den Rahmen und sorgt für die nötigen Ressourcen. Dann lässt er die Schulen frei. Er begnügt sich mit Aufsicht und Beratung und feiert die guten Schulen.

Die sich emanzipierende Intelligenz der pädagogischen Praxis indessen bildet inzwischen selbst Netze. Dadurch inspirieren sich die Schulen gegenseitig, fordern sich heraus und lernen voneinander. Das alte vertikal gestrickt Netz von Aufsicht, Behörden und aufgedunsenen Ministerien geht mehr und mehr in ein horizontal gewobenes Netzwerk über. Die Politik des Netzwerke, man möchte sie Polytik nennen, weil sie die Vielfalt pflegen, ist der alten Politiker-Politik an Ergebnissen und Effizienz überlegen. Auch das macht den verdienstvollen Schulpreis zumal in diesen Tagen politischer Verwirrung und Ratlosigkeit zu einer sozialen Skulptur, an der Joseph Beuys, der Erfinder dieses Begriffs, seine Freude gehabt hätte.