Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer hatte im Interview mit ZEIT ONLINE behauptet, man solle Gentests nutzen, um die richtige Schule für ein Kind auszuwählen.Außerdem würden Schüler, die optimalen Unterricht erhielten, bedingt durch ihre Gene, eine noch viel größere Variationsbreite der Leistungen zeigen als bisher. Der Psychologe Aljoscha Neubauer antwortet auf Spitzers Thesen.

ZEIT ONLINE: Herr Neubauer, Manfred Spitzer würde gerne mit Gentests für Schüler, so sagt er, die "multifaktoriellen Ursachen" für den Bildungserfolg "in den Griff kriegen". Ist es wirklich so einfach?

Aljoscha Neubauer: Das ist natürlich nicht so einfach. Das Beispiel Phenylketonurie, das Herr Spitzer nennt, ist ein einfaches Erklärungsmodell, weil es der One Gene, One Disorder -Hypothese entspricht: Es gibt ein Gen, und es gibt eine klar definierte, dazugehörige Krankheit. Das ist aber nicht der Regelfall, vor allem nicht, wenn es um Intelligenz geht.

ZEIT ONLINE: Wissen wir überhaupt, welche Gene für Intelligenz, oder auch für bestimmte Lernprobleme verantwortlich sind?

Neubauer: Wir gehen davon aus, dass es hundert und vielleicht noch mehr Gene gibt, die für die individuelle Ausprägung der Intelligenz verantwortlich sind. Aber trotz zwanzigjähriger Forschung ist bisher kein einziges begabungsrelevantes Gen identifiziert worden. Das heißt aber nicht, dass es keine genetischen Einflüsse gibt. Wir wissen um diese Einflüsse aus Zwillings- und Adoptionsstudien.

ZEIT ONLINE: Angenommen, es gäbe solche Gentests, wären sie sinnvoll? Wie groß ist denn der Einfluss der Intelligenz auf den Erfolg in der Schule?

Neubauer: Schulische Leistungen sind nicht nur von der Begabung abhängig. Da gibt es so viele verschiedene Faktoren: Motivation, Selbstdisziplin, natürlich auch das mikrosoziologische Klima in der Klasse und der Schule, und auch viele Zufallsfaktoren. Durch Gentests würde ein simplifiziertes Menschenbild entstehen – die Idee, dass ich Vorausberechnen könnte, wie ein Mensch funktionieren wird. Aber selbst, wenn wir das könnten, wäre es kein Plädoyer dafür, Menschen in fixe Kategorien zu stecken.