Die Schule ist schön. Ich mag Lesen und Mal-Rechnen", erzählt Semsa. Als die Elfjährige vor einem Jahr mit ihren Eltern und drei ihrer sieben Geschwister vom Kosovo nach Deutschland kam, war sie Analphabetin. Schule kannte sie nicht. Semsa ist eine Romani und lebt in einem Kölner Flüchtlingsheim. Verteilt über die ganze Stadt leben etwa 1000 Roma-Flüchtlinge: Großfamilien teilen sich kleine Räume, die Wände sind verschmiert, die sanitären Anlagen alt, die Böden brüchig. Bis tief in die Nacht laufen die Fernsehgeräte. Kein Umfeld, in dem Kinder sich auf die Schule vorbereiten können.

Semsa steht morgens um sechs Uhr auf, um den Schulbus nicht zu verpassen. Er bringt sie in eine andere Welt, zu Amaro Kher. Das heißt auf Romanes Unser Haus. Etwa 50 Romakinder im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren sammeln die Kleinbusse von Amaro Kher jeden Morgen ein, um sie in die Schule oder die Kindertagesstätte zu bringen. "Sie sind nicht dümmer als andere Kinder, aber die normalen Schulen können sich nicht richtig mit ihnen beschäftigen", sagt Lehrer Christoph Schulenkorf. Die Folge: Romakinder schwänzen und niemand kümmert sich darum, weder Schulen, noch Eltern oder Behörden.

Als vor einigen Jahren Romakinder in Köln als "Klaukinder" für Schlagzeilen sorgten, war klar, dass etwas geschehen muss. Gemeinsam mit dem Träger Rom e.V. gründeten die Stadt Köln und das Land NRW 2004 Amaro Kher. Die Schule will den Teufelskreis von Not, Ausgrenzung, mangelnder Bildung und Kriminalität zerschlagen. Etwa ein Jahr lang werden die Mädchen und Jungen hier auf eine deutsche Schule vorbereitet. Es gibt eine Klasse für Kinder ganz ohne Kenntnisse und eine zweite für alphabetisierte Schüler. Das Land Nordrhein-Westfalen übernimmt zwei volle Lehrerstellen, die sich ein Lehrer und zwei Lehrerinnen teilen, sowie die Stelle der Schulleiterin Marlene Tyrakowski. Ehrenamtliche Betreuerinnen helfen beim Unterricht.

Amaro Kher bedeutet in der Romasprache: "Unser Haus"

Semsa und ihre Klassenkameraden müssen jedoch viel mehr lernen als Rechnen, Lesen und Schreiben. Als Semsa zu Amaro Kher kam, war sie sehr scheu und sprach nur leise. Statt "ich" sagte sie "wir" oder "man". Durch die stetige Zuwendung und das Lob für ihre Fortschritte in der Schule entwickelte sie ein Gefühl für ihre eigene Person, ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten. Mittlerweile ist sie ein lebhaftes Mädchen. Diese Romakinder brauchen verlässliche Strukturen, Geduld, Ermutigung und Hinwendung.

"Sie haben schlimme Dinge erlebt, was genau, können wir nur ahnen", sagt Schulleiterin Tyrakowski. Manchmal erzählt ein Kind, der große Bruder sitze im Gefängnis sitze oder die Mama weine sehr viel. Unicef berichtet, dass viele Roma-Flüchtlinge an Depressionen und Angstzuständen leiden, die wiederum zu Aggressionen oder Apathie führen können.

Semsa stammt aus dem Kosovo, ihre beste Freundin Deva aus Bosnien. "Eine solche Freundschaft gilt als undenkbar. Aber hier lernen die Kinder ihre Vorurteile abzubauen", erzählt die Schulleiterin. "Bist Du Deutsche?", fragt die zehnjährige Deva und hakt gleich nach: "Warst Du schon immer Deutsche?" Die Kinder träumen davon, so zu leben wie die Deutschen.

70.000 deutsche Staatsbürger leben hier, die zugleich Sinti oder Roma sind. Laut Angaben der Vereinten Nationen sind außerdem etwa 30.000 Roma aus Ex-Jugoslawien in Deutschland, die nur geduldet sind. Nach dem aktuellen Bericht des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen sind Roma in den Gebieten des ehemaligen Jugoslawien extrem gefährdet. Immer wieder sind sie massiver Gewalt und Verfolgung ausgesetzt. Nationalistische Gruppen diffamieren die Roma und zerstören ihre Wohngebiete. Roma leben in Armut und sind gesellschaftlich ausgegrenzt. In Deutschland dürfen sie als Flüchtlinge nicht arbeiten und leben in ständiger Angst, abgeschoben zu werden.

Viele sind von den Kriegerlebnissen traumatisiert. Auf der Flucht werden die Familien oft getrennt oder haben eine Odyssee von Land zu Land, von Flüchtlingsunterkunft zu Flüchtlingsunterkunft hinter sich. Immer wieder werden Heime plötzlich geschlossen. Gewalt, Kriminalität, Ausgrenzung und Beschimpfungen gehören zum Alltag in den Flüchtlingsheimen.