Ist Deutschland wieder bloß Mittelmaß?

Einige Medien berichten, Deutschland sei weiterhin nur Mittelmaß und hole bloß langsam auf. Stimmt beides nicht. Beim Lesen findet sich Deutschland mit den Leistungen seiner 15-jährigen Schüler zwar im Mittelfeld . Aber bei Pisa 2000 war Deutschland noch im unteren Drittel. Mittelmaß ist hier also ein Fortschritt, wenn auch sicher nicht das Ziel. Der Zuwachs an Lesekompetenz ist zwar nicht sehr groß, aber Deutschland gehört zu nur einer Handvoll vergleichbarer Länder, die sich in dieser Disziplin seit 2000 steigern konnten; man sollte ihn also nicht gering schätzen.

Außerdem ist Deutschland in den zwei anderen Disziplinen, Mathematik und Naturwissenschaften, nicht Mittelmaß, sondern im oberen Drittel. Auch hier waren wir bei Pisa 2000 noch unter dem Durchschnitt. Und der Zuwachs ist beachtlich. Er entspricht in etwa dem, was ein Schüler innerhalb eines Schuljahres lernt.

Haben die schwächeren auf Kosten der stärkeren Schüler dazugelernt?

Nein. Richtig ist, dass gerade Arbeiter- und Einwandererkinder ihre Leseleistungen im Vergleich zum Jahr 2000 steigern konnten. Das ist genau der Effekt, den man sich nach den miesen Ergebnissen der ersten Pisa-Studie vor neun Jahren erhofft hatte. Deutschland hat damit den ehrenrührigen Titel "Weltmeister der Ungerechtigkeit" verloren.

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Richtig ist andererseits, dass bei Akademikerkindern keine Leistungssteigerung festzustellen ist. Aber in unserem gegliederten Schulsystem begegnen sich die beiden Gruppen kaum, und kein Lehrer hätte in die Versuchung kommen können, die Schwachen auf Kosten der Starken zu fördern.

Die Gymnasien, wo sich die leistungsstärkeren Kinder konzentrieren, sind außerdem gut mit Lehrern und Unterrichtsmaterial ausgestattet. Allerdings gibt zu denken, dass im internationalen Vergleich nur wenige Schüler in Deutschland zur Spitzengruppe zählen. Wir haben nur acht Prozent sehr gute Leser, während es in Kanada 13 Prozent sind. Das Gymnasium versagt also ausgerechnet in der Spitzenförderung!