Das Resultat war bereits bekannt, nun hat die OECD auch die Details der Pisa-Studie 2009 freigegeben: Zehn Jahre nach der ersten Untersuchung dieser Art stehen deutsche Schüler weit besser da als 2000. Sie verstehen Texte besser und rückten auch in den Bereichen Naturwissenschaften und Mathematik weiter auf. Allerdings sind den Deutschen die 15-Jährigen in Finnland oder den asiatischen Pisa-Spitzenländern mit ihrem Wissen und Können immer noch um ein bis zwei Schuljahre voraus.

"Deutschland ist aufgestiegen – aufgestiegen von der zweiten in die erste Liga", sagte Heino von Meyer, Leiter des OECD-Zentrums Berlin. Aber von der Champions League sei Deutschland noch weit entfernt. Das liege auch daran, dass immer noch zu viele leistungsschwache Schüler "auf der Mannschaftsbank" säßen und nicht mithalten könnten.

An dem Schulleistungsvergleich , den die OECD alle drei Jahre vornimmt, hatten diesmal 65 Staaten teilgenommen. Getestet wurden fast eine halbe Million 15-jährige Schüler.

Einer der Schwerpunkte der Untersuchung 2009 war das Leseverständnis. Deutschland liegt mit 497 Punkten im oberen Teil des OECD-Durchschnitts, wo auch Schweden und die USA landeten. Allerdings verbesserte sich Deutschland mit plus 2 Punkten kaum. Eckhard Klieme, Leiter des Pisa-Konsortiums, sagte, die Lesefreude insgesamt sei aber deutlich gestiegen. Jungendliche seien stärker motiviert, Bücher zur Hand zu nehmen.

Spitzenreiter sind unter anderem Finnland, das auch in vergangenen Pisa-Tests brillierte, und Südkorea. Auch Kanada, Neuseeland, Japan, Belgien, Norwegen, die Schweiz, Polen und Island liegen in der Spitzengruppe. Noch vor Südkorea gelangte Shanghai, wo außerhalb des OECD-Rahmens getestet wurde. Auch Hong Kong und Singapur liegen auf Spitzenplätzen.

Bei den naturwissenschaftlichen Tests stieg Deutschland im Vergleich zur letzten Studie 2006 um 4 auf 520 Punkte, in der Mathematik um 9 auf 513 Punkte – das sind auf beiden Gebieten Werte "statistisch signifikant" über dem Durchschnitt aller Staaten. Im Spitzenfeld tummeln sich hier teils dieselben Staaten wie beim Ergebnis des Leseverständnises. Zu den OECD-Schlusslichtern zählen Mexiko, Chile und die Türkei. (Details siehe Grafik)

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Unter den Mitgliedern der Europäischen Union besetzen bei Naturwissenschaften und Mathematik Griechenland, Spanien und Italien hintere Plätze. Unterdurchschnittliches Leseverständnis haben österreichische, luxemburgische oder spanische Schüler. In Mathematik etwa geht es in Österreich seit 2000 stetig bergab.

Deutsche Schüler verstehen Texte besser als zur Zeit der ersten Studie vor zehn Jahren. Der Teil derer, die leicht zu lesende Texte nicht verstanden, sank von 22,6 auf 18,5 Prozent. Das Mittelfeld weitete sich von 68,6 auf knapp 74 Prozent aus. Die Spitzengruppe der Textversteher, die höchste Anforderungen bewältigen, schrumpfte um etwa einen Punkt auf 7,6 Prozent.

Zehn Jahre Pisa - PISA-Studien: "Man muss geduldig sein" Thomas Kerstan, Ressortleiter ZEIT Chancen, über die neue Pisa-Studie und Veränderungen im deutschen Bildungswesen seit der ersten Erhebung vor zehn Jahren

Am stärksten verbesserte sich das Textverständnis der Mädchen, unter denen der Anteil der unteren Leistungsgruppe von 18,2 auf 12,7 Prozent sank. Die Jungen schafften es hier von 26,6 auf 24 Prozent. Auch das Mittelfeld weiteten die Mädchen stärker aus als die Jungen.

Jugendliche mit Migrationshintergrund haben sich seit der letzten Pisa-Studie im Vergleich mit ihren deutschen Altersgenossen deutlich verbessert. Allerdings liegen ihre Leistungen immer noch um durchschnittlich 56 Punkte niedriger als bei anderen Schülern. 2000 betrug dieser Abstand noch 84 Pisa-Punkte, also mehr als zwei Schuljahre. Die schlechteren Ergebnisse von Schülern mit Migrationshintergrund seien dabei nicht ausschließlich Grund für das eher durchschnittliche Abschneiden Deutschlands, sagte der Berliner OECD-Leiter von Meyer: "Wir haben fast ein größeres Jungsproblem als Migrantenproblem."

Gute Schüler ohne Fortschritte

Gerade beim Lesen seien Jungs deutlich schwächer als Mädchen. Dies gleiche sich auch nicht durch die leicht besseren Ergebnisse für männlichen Schüler bei den Naturwissenschaften aus.

Von Meyer machte auch auf ein weiteres grundlegendes Defizit in Deutschland aufmerksam. In keinem OECD-Land sei der Schulerfolg so stark von der sozialen Herkunft des Schülers, aber auch der Lage der Schule abhängig, sagte er. Es mache einen Unterschied von 100 Pisa-Punkten aus, ob ein Schüler eine Schule mit "günstigem oder ungünstigen Hintergrund" besuche.

Keine Fortschritte machten indes im Vergleich zu 2000 die guten Schüler. Pisa-Konsortiumsleiter Klieme sagte, die Verbesserungen in Deutschland seien "ausschließlich im unteren Leistungsbereich" erfolgt. Die Gymnasien hätten in den vergangenen Jahren mehr Schüler aufgenommen und das Abitur nach acht Jahren eingeführt, sowie andere Reformen zu stemmen gehabt. "Das in dieser Situation das Niveau gehalten werden konnte, ist eine Leistung", sagte Klieme. Gleichzeitig sollte auch für leistungsstarke Schüler die individuelle Förderung noch verbessert werden.

Politiker und andere Bildungsverantwortliche debattieren bereits über die Konsequenzen. Die Bundesregierung zeigte sich zufrieden mit dem Studienergebnis. "Wir sind dem Ziel der Bildungsrepublik Deutschland ein großes Stück nähergekommen", sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Noch sei man nicht am Ziel, das Ziel liege aber weit deutlicher vor Augen, als es vor zehn Jahren noch der Fall gewesen sei.

Nun müsse die Lesefähigkeit und -förderung weiter verbessert werden, sagte die Ministerin. Sie hatte dafür bereits ein weiteres Programm angekündigt. OECD-Konsortiumschef Klieme sagte, man wolle ein Lese-Forum veranstalten.

In Deutschland hatte sich in den vergangenen Jahren einiges geändert. Nach den niederschmetternden Ergebnissen der ersten Jahre reformierten die Kultusminister kräftig, sie führten Bildungsstandards ein, schafften in vielen Ländern die Hauptschulen ab, gründeten Ganztagsschulen, wandten sich vom Frontalunterricht ab und verbesserten die Lehrer- und Erzieherbildung.

Die größten Erfolge in Deutschland sieht Pisa-Chef Andreas Schleicher bei der frühkindlichen Bildung und der Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund. Positiv sei auch die Entwicklung von der Drei- zur Zweigliedrigkeit des Schulsystems in manchen Bundesländern. Das werde sich langfristig auch in den Resultaten des internationalen Pisa-Tests niederschlagen, hatte er in einem Interview gesagt.