Reden über Sex, vor der ganzen Klasse? Der 14-jährige Behat war überzeugt, er würde das Klassenzimmer verlassen: "Ich dachte, das wäre zu privat, zu intim." Auch Azize hatte Angst, es könnte peinlich werden. "Ich dachte, ich müsste über meinen Körper sprechen – zusammen mit den Jungs", sagt die 13-jährige Kopftuchträgerin. Und Melissa befürchtete, sie würde langweilige Vorträge hören, über Dinge, die sie ohnehin schon wusste.

Es kam anders. Vier Tage lang hatten drei achte Klassen der Hamburger Schule Ehestorfer Weg an einem Aufklärungsprojekt von pro Familia teilgenommen. "Sei eigen – mit Respekt", lautete der Titel des Projekts, das von den Sexualpädagogen Silke Moritz, Annika Arens und Sven Voeth-Kleine geleitet wurde. Die zentrale Frage an die Schüler war: Was für ein Mann, was für eine Frau willst du später einmal sein?

Die Achtklässler vereint kaum mehr, als dass sie alle Pubertierende sind. Sie sind zwischen 12 und 15 Jahre alt. Manch einer spielt noch mit Lego, andere kämpfen schon mit Beziehungsstress. Sie sind Muslime, Christen oder glauben an gar keinen Gott. Ihre Eltern kommen aus Deutschland, der Türkei oder aus Tunesien, aus Albanien, Russland oder Polen.

Es ist deshalb die Vielfalt der Kulturen, die das Aufklärungsprojekt dominiert. Ohnehin hat sich die Sexualaufklärung gewandelt: Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sprechen Familien in Deutschland heute viel unbefangener über Geschlechterrollen und die Erwartungen an Liebe, Freundschaft und Sexualität. Jugendliche verhüten verantwortungsbewusster als in der Vergangenheit. Gefragt ist heute also weniger die bloße Aufklärung über Verhütungsmittel als die Suche nach einer Sprache zwischen den Geschlechtern und zwischen den Kulturen.

Bedarf gibt es hier allemal: Mädchen vor allem aus muslimischen Familien warten mit dem Sex oft noch bis zur Ehe. Jungen aus Migrantenfamilien verhüten seltener als deutschstämmige.  Und zu viele Mädchen machen noch immer Erfahrungen mit sexueller Gewalt – 13 Prozent der deutschen und 19 Prozent der Mädchen mit ausländischen Eltern.

Es ist die Atmosphäre, die die Veranstaltung für die Schüler schnell zu etwas Besonderem macht. Die Sexualpädagogen werden nur mit  Vornamen angesprochen, es gibt keine Noten, Lehrern und Eltern wird nichts von dem verraten, was die Jugendlichen erzählen. Viele Schüler erleben deshalb die Erwachsenen erstmals als gleichberechtigte Gesprächspartner. Dennoch: Einige der Jugendlichen testen erst einmal, ob provozierende Ansichten oder obszönes Gealber nicht doch zu den üblichen Lehrer-Drohungen führen.

Die Jungen öffnen sich langsamer als die Mädchen. Der 12-jährige Sebastian erzählt, wie genervt er manchmal war, weil einige Jungen die anderen immer wieder mit obszönen Gesten und Sprüchen störten. Trotzdem sagt Voeth-Kleine, dass auch unter den Jungen langsam das Verständnis für einander wuchs und überraschende Momente möglich wurden. Einzelne Jungen konnten plötzlich etwas Persönliches preisgeben und die sonst immer Lauten hörten leise und respektvoll zu. Mehmed sagt am Abschlusstag: "Über private Sachen reden, das kannte ich gar nicht."