"Wer ist der Bundespräsident?" Schweigen. Betretende Blicke. Grinsen. Dann die Antwort, zögerlich: "Die mit der Frisur? Mit den roten Haaren?" "Nein, das ist Frau Merkel, unsere Bundeskanzlerin", antwortet Lamya Kaddor , die Lehrerin. "Ach, ich weiß: der im Rollstuhl", ruft ein Schüler. "Herr Schäuble ist unser Finanzminister. Christian Wulff ist unser Bundespräsident. Er hat gesagt: Der Islam gehört zu Deutschland. Wie findet ihr das?"

Besuch im Islamkundeunterricht der 10. Klasse der Hauptschule am Volkspark in Dinslaken in Nordrhein-Westfalen. 60 bis 70 Prozent der Schüler sind hier Muslime. Lamya Kaddor unterrichtet das Fach Islamkunde auf Deutsch. Noch ist er Teil eines Projektes. Mehr als 320.000 Schüler in NRW sind Muslime. Aber es gibt nicht genügend Islamkundelehrer, im vergangenen Schuljahr unterrichteten nur 80 an 133 Schulen. So konnten nur gut drei Prozent der muslimischen Schüler erreicht werden.

Das soll jetzt anders werden: Geht es nach Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) und dem Koordinierungsrat, wird es mit Beginn des Schuljahres 2012/2013 in NRW flächendeckenden islamischen Religionsunterricht geben. Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat sich für eine schnelle Einführung von Islamunterricht als ordentliches Schulfach in ganz Deutschland ausgesprochen. Neu daran: Während Islamkunde ein neutraler Unterricht ist, darf der islamische Religionsunterricht bekennend in den Glauben einführen. Damit dies möglich ist, muss jedoch noch das Schulgesetz geändert werden.

"Also, wer ist der Bundespräsident?", fragt Kaddor. Die 32-Jähige ist Lehrerin und Publizistin, ist Deutsche mit syrischen Wurzeln und Muslimin. Sie unterrichtet seit 2003. "Wulff", wird mehrstimmig reingerufen. "Und wie findet ihr das, wenn Herr Wulff sagt, der Islam gehört zu Deutschland?", fragt sie. "Ist doch scheiße", ist eine Antwort. "Nein, das ist richtig", ist eine andere. "Wir sind Muslime und leben hier. Wir sind auch Menschen." Eine andere Schülerin versteht das Problem gar nicht: "Warum sagt er das?", fragt sie. Von der Debatte über den Unwillen der Migranten, sich zu integrieren, haben die Schüler nicht viel mitbekommen. Nicht, weil es sie nicht betrifft. Sondern weil man über sie spricht, nicht mit ihnen.

Die Integrationsdebatte ist durchaus ein Thema, das in den Islamkundeunterricht der fortgeschrittenen Schüler gehört, findet Kaddor. Auf dem Lehrplan stehen außerdem Korankunde, Frauen und Islam, aber auch Liebe, Beziehung und Ehe, je nach Jahrgangsstufe.

Nordrhein-Westfalen ist Vorreiterland in Sachen Islamkunde, dort gab es die ersten Versuche schon 1999. Andere Länder haben nachgezogen oder planen das Fach anzubieten – jedoch noch längst nicht flächendeckend. Bayern hat 2009 bekenntnisorientierte Islamkunde an 256 Grund- und Hauptschulen, fünf Realschulen und einem Gymnasium eingeführt. Aber auch dort sind es bisher nur rund zehn Prozent der muslimischen Schüler, die in islamischer Religion unterrichtet werden. In Niedersachen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg wird islamkundlicher Religionsunterricht bisher nur modellhaft an einigen Grundschulen und sehr wenigen Hauptschulen unterrichtet. Außerdem gibt es in Rheinland-Pfalz, Hamburg, Bremen und Berlin bereits Islamkundeunterricht oder islamkundlichen Religionsunterricht. Hessen plant erst die Einführung.

"Wie viele Einwohner hat Deutschland? Und wie viele Muslime gibt es hier?", fragt Kaddor die Schüler. Schweigen. Getuschel. Gekicher. "82 Millionen Deutsche gibt es – und 4,3 Millionen Muslime." Etwa die Hälfte hat einen deutschen Pass. Von denen, die keinen haben, ist die Mehrzahl türkisch. "Wer von euch hat einen deutschen Pass?", will Kaddor wissen. Nur eine Schülerin hebt die Hand: "Die haben mich bei der Geburt nicht gefragt.", sagt sie. "Wärst du lieber Türkin?", fragt die Lehrerin. "Nein, eigentlich nicht. Deutschsein ist schon cool", lautet die Antwort.