Du schilderst in Deinem Beitrag in der ZEIT Nr. 34, dass es dich sehr belastet, wie deine Schule organisiert ist. Du sagst, du hättest wegen der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre kein Leben mehr, sondern nur noch Druck und Stress.

Ich schreibe Dir, weil ich ziemlich genau weiß, was du damit meinst. Ich habe einen Sohn, der die 10. Klasse eines Hamburger Gymnasiums besucht, und einen weiteren in der 9. Klasse einer Stadtteilschule. Bei meinem dritten Sohn steht dieses Schuljahr die Entscheidung an, auf welche weiterführende Schule er soll. Ich kann Dich also verstehen. Und ich finde, dass Du Recht hast: So geht es nicht.

Nur verstehe ich nicht, warum Du die Antwort, die Dir die Schulbehörde gab – dass es auch noch Stadtteilschulen gebe – so brüsk abtust. Mein zweiter Sohn war auch erst auf dem Gymnasium. Ich gebe zu, das lag vor allem daran, dass wir als seine Eltern nicht nachgedacht hatten. Irgendwann haben wir dann die Notbremse gezogen, um ihm zu ermöglichen, das Tempo etwas rauszunehmen und trotzdem das Abitur anzustreben. Heute ist er so gut in der Schule wie noch nie; weiß, was er schaffen und werden will – und hat Spaß an der Schule.

Die, auf die Du wirklich böse sein solltest, sind deine Eltern. Denn sie haben Dich auf einem Gynmasium angemeldet, obwohl auch jede andere Schule zum Abitur führt. Das Abitur ist überall gleich viel wert, weil es ein Zentralabitur ist. Ich weiß nicht, ob das auf Deine Eltern zutrifft, aber ich sehe viele Eltern bei uns in der Umgebung, die aus falschem Ehrgeiz oder Unwissenheit ihre Kinder zum Schnellabitur zwingen. Euch, die ihr die Leidtragenden seid, bedauere ich sehr. Geht gegen diese falsche Bildungspolitik vor, vor allem aber gegen eure Eltern, die Euch auf die falsche Schule geschickt haben. Wechsle jetzt die Schule, denn jetzt ist es noch möglich!

Aus der Erfahrung mit einer Stadtteilschule – anderswo heißen diese Schulen Gemeinschaftsschulen oder Gesamtschule – weiß ich: Vieles von dem, was Du dir vom Schulunterricht und von der Wissensvermittlung erhoffst, findest du an einer Stadtteilschule. Einige von denen sind Ganztagsschulen ohne häusliche Hausaufgaben. Andere wiederum sind Halbtagsschulen, zum Beispiel die meines Sohnes.

Ich hoffe für Dich, dass Du einen Weg findest, neben der Schule zu leben. Und ich hoffe, dass du eine gute Schule findest. Du wirst merken, dass mehr und mehr gute ehemalige Schülerinnen und Schüler von Gymnasien auf Stadtteilschulen wechseln. Meine Erfahrung der letzten Jahre ist, dass die Stadtteilschule ohnehin für eigentlich fast alle Kinder die geeignetere Schulform ist, auch weil sie ein besseres Unterrichtskonzept hat, mehr Praktika einplant und interessantere Fächer bietet.

Liebe Yakamoz, ich wünsche Dir ein schönes Schuljahr. Frag mal bei der Stadtteilschule in der Deiner Nähe an, vielleicht nehmen die Dich ja nach den Herbstferien. Die sind ja bald...

Herzliche Grüße,
Dein Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach