Ehrlich gesagt hatte ich mir den Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife ganz anders vorgestellt – härter, anstrengender und fordernder. Die Prüfungsphase war zwar nicht einfach und so einige Feiern fanden deshalb in der Zeit ohne mich statt. Aber Ende Juni hielten wir unsere Abiturzeugnisse in den Händen. "Und das war’s jetzt schon?", dachte ich.

Über das zwölfjährige Abitur waren wir am Ende alle froh. Lust auf den Schulbesuch hatte nämlich keiner mehr. Verwandte und Bekannte aus anderen Bundesländern, die noch ein weiteres Jahr die Schulbank drücken mussten, haben wir bemitleidet.

Die Diskussionen über G8 oder G9 waren für uns schwer nachzuvollziehen, weil wir nichts anderes kannten als unser Modell. Einiges hätte ich zwar auch gern geändert, wie zum Beispiel, dass wir alle Fächer bis zum Ende belegen mussten, samt zweier Fremdsprachen und dreier Naturwissenschaften; oder dass wir alle Noten ins Abiturzeugnis einbringen mussten. Doch letztendlich waren unsere 35 Wochenstunden zu schaffen.

Nur auf das richtige Leben danach fühlte ich mich durch die Schule nicht vorbereitet. Bei der Bewerbung für ein Freiwilliges Soziales Jahr half mir meine Mutter,  auch für die Wohnungssuche in Berlin benötigte ich zusätzliche Unterstützung.

Die Anmeldung auf dem Einwohnermeldeamt in Berlin habe ich mittlerweile hinter mich gebracht. Nur der Wohngeldantrag liegt noch unausgefüllt auf meinem Schreibtisch. Doch das Wichtigste ist, dass ich jetzt in meiner eigenen Wohnung lebe. Am Abend sitze ich mit meinem Freund auf dem gemeinsamen Balkon und wir tauschen uns über die Erlebnisse im FSJ oder bei seinem Bundesfreiwilligendienst aus.

Ich mache mir jetzt schon Gedanken, wie es im nächsten Jahr weitergeht. Irgendwann muss ich mich ja entscheiden: Ausbildung und danach ein Studium oder lieber gleich an die Uni? Ich habe Angst, mich für den falschen Studienplatz zu entscheiden, dann abzubrechen oder exmatrikuliert zu werden. Dann wiederum denke ich, dass dieser Gefühlsmix vielleicht genau das ist, was die Zeit zwischen Abitur und Studium ausmacht. 

Viele meiner Mitschüler sind inzwischen in die weite Welt gezogen: nach Osteuropa, Indien, Südamerika oder nach Australien und Neuseeland. Einige wenige sind zielstrebig zur Uni gegangen, die Jahrgangsbesten, die jetzt Medizin oder Jura studieren.

Ich dagegen habe mir nur eine andere Stadt ausgesucht. Ich will das Alleinleben ausprobieren und die Freiheit genießen. Rückblickend war alles wirklich halb so schlimm.