ZEIT ONLINE: Frau Kröhnert-Othman, was lernen europäische Kinder aus ihren Schulbüchern über den Islam?

Susanne Kröhnert-Othman: Bei den Geschichtsbüchern hängt das vom jeweiligen Land ab. In Frankreich und Deutschland konzentriert sich die Darstellung auf die Kreuzzüge, in Österreich auf die Türkenkriege, in Spanien auf die Zeit, in der Andalusien muslimisch war. Auch das osmanische Reich kommt in einigen Büchern noch vor, doch dann ist meistens Schluss. Was danach passiert ist, spielt kaum noch eine Rolle.

ZEIT ONLINE: Und in den Politik- und Gesellschaftskunde-Büchern?

Kröhnert-Othman: Da geht es dann um den Nahost-Konflikt, Sicherheitspolitik, die neuen Kräfteverhältnisse in der Weltpolitik und Terrorismus. Migration ist auch ein Thema. Generell verschwimmen die Begrifflichkeiten da aber sehr, werden vermischt. Muslime, Türken, Araber, zugewanderte Ausländer, das ist austauschbar, wird in einen Topf geworfen, ist alles eins und von der Religion dominiert. Das passiert auch mit bildlichen Mitteln: Länder sind dann auf Landkarten komplett grün, weil das die Farbe des Islams ist. Oder der Bevölkerungsanteil der Muslime wird durch verschieden hohe Minarette dargestellt. Politik, Gesellschaft und Religion werden nicht voneinander getrennt.

ZEIT ONLINE: Aber entspricht das nicht auch der Realität in vielen Ländern, in denen Muslime die Mehrheit stellen?

Kröhnert-Othman: Ja, das ist ein kritischer Punkt. Aber auch andere Weltreligionen hatten und haben ja massiven Einfluss auf die Entwicklung von Gesellschaften gehabt. Doch beim Christentum zum Beispiel würde man ja nie behaupten, dass es für alle Entwicklungen in Europa verantwortlich ist. Nur bei muslimischen Gesellschaften wird das Religiöse immer in den Vordergrund geschoben.

ZEIT ONLINE: Aber sind muslimische Gesellschaften nicht meist wirklich religiöser?

Kröhnert-Othman: In vielen Ländern mag das derzeit so aussehen. Aber in den Schulbüchern wird die Religion selbst zu rückwärtsgewandt dargestellt. Viele Bücher haben Kapitel über die Entstehung und Ausbreitung des Islam, über seine ursprünglichen inhaltlichen Säulen und Regeln. Danach kommen dann Sätze wie: "Bis heute haben diese Regeln für die Gesellschaften eine sehr große Bedeutung". Das ist schon sehr vereinfachend. Das sieht so aus, als ob die Religion auch heute eindeutig die dominante Größe für die politische Entwicklung in diesen Ländern sei. Dabei gab es schon immer andere Kräfte, einflussreiche nationale oder intellektuelle Strömungen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Kröhnert-Othman: Die PLO in Palästina oder andere nationale Bewegungen waren ja eigentlich nicht religiös motiviert. Davon findet sich in den Schulbüchern aber nichts. In vielen Ländern gab es immer wieder Reformprozesse, die Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch die Rolle der Religion verändert haben. Das wird alles ignoriert.

ZEIT ONLINE: Aber müssen Schulbücher nicht vereinfachen?

Kröhnert-Othman: Ja, aber sie müssen auch differenzieren. Eine besonders positive Darstellung zum Beispiel kann ja auch nicht die Lösung sein. Ein englisches Schulbuch etwa macht das. Das vergleicht in einer Art imaginären Reise London und Bagdad im Mittelalter. In England gibt es dann nur Holzhütten, keine Krankenhäuser und überhaupt einfache Strukturen. Demgegenüber stehen die Wunder Bagdads, die aufwendige Architektur, die Hospitäler, die Lehranstalten, die hochentwickelten Märkte. Das wird dann, durch die Illustration mit betenden Personen und Moscheen, wieder direkt mit dem Islam verknüpft. Das ist genauso eindimensional. Die Bücher müssten aufzeigen, dass die Zuordnungen eben nicht so einfach sind.

ZEIT ONLINE: Wie kommen denn andere Religionen oder auch Weltanschauungen in den Schulbüchern weg?

Kröhnert-Othman: Das haben wir nicht extra untersucht, aber da wird sicher auch verkürzt. Aber beim Islam hat das eine ganz besondere Geschichte. Den Islam als "das Andere" darzustellen war in Europa schon immer ein wichtiges Mittel zur Selbstbestätigung. Unser Islambild sagt uns mehr über unseren Blick auf uns selbst, unseren Eurozentrismus, als über den Islam. Es dient der Eingrenzung des Eigenen. In den Abschnitten über die Kreuzzüge finden sich da bezeichnende Sätze wie: "Die Begegnung mit dem Islam machte den europäischen Ländern ihre eigenen Gemeinsamkeiten deutlich."